Frauenrechte in Lateinamerika – Bildung als Schlüssel für ein Leben frei von Gewalt

MIRIAM demonstriert mit Frauen für ein Leben frei von Gewalt. Foto: © MIRIAMTERRE DES FEMMES hat in den letzten Monaten zunehmend Nachrichten über Gewalt gegen Frauen in Mexiko, Paraguay, El Salvador und Nicaragua erhalten: Frauenmorde, Abtreibungsverbote, Häusliche und sexualisierte Gewalt. Anlass für uns, über Frauenrechte in Lateinamerika zu berichten. Auch informierten im April zwei lateinamerikanische Frauenrechtsaktivistinnen beim Besuch in der Geschäftsstelle von TERRE DES FEMMES über Frauenrechte. Der Austausch mit Aktivistinnen in den betroffenen Ländern ist wichtig, um sich ein authentisches Bild über die Verhältnisse vor Ort zu machen. TERRE DES FEMMES unterstützt weltweit Frauenorganisationen in ihrem Engagement. Die Arbeit unserer Partnerorganisation MIRIAM in Nicaragua zeigt zudem, wie Verbesserungen für Mädchen und Frauen erreicht werden können. Für ein Leben ohne Gewalt – gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei!

Mexiko – Morde aus Frauenhass

Von 1985 bis 2010 wurden 36.000 Frauen in Mexiko ermordet – Motiv ist meist reiner Frauenhass. Sogenannte Femizide sind in Mexiko allgegenwärtig. Es sind Verbrechen, durch die Männer in brutalster Weise ihre Macht gegenüber Frauen demonstrieren. Das Problem liegt in der Gesellschaft selbst: Der Begriff „Machismo“ kommt aus Mexiko und bezeichnet die überlegene Stellung der Männer gegenüber Frauen. Männer betrachten Frauen als ihr Eigentum, als minderwertig, und sie üben sexuelle Kontrolle aus. Bildungseinrichtungen, religiöse und soziale Institutionen zementieren zusätzlich das Geschlechterbild der Frau. Die Kirche weigert sich, Aufklärungsarbeit zu leisten und dementiert gar Häusliche Gewalt an Frauen. Gleiches gilt für die Justiz: Gewalt an Frauen wird von RichterInnen und StaatsanwältInnen vernachlässigt. Die Aufklärung von Frauenmorden steht an letzter Stelle.

Paraguay und El Salvador: Abtreibung steht unter Strafe

Mitte Mai löste das Schicksal eines 10-jährigen Mädchens eine öffentliche Diskussion über Abtreibungsgesetze in Paraguay aus. Das Mädchen wurde durch die Vergewaltigung ihres Stiefvaters schwanger und schwebt durch die Schwangerschaft in Lebensgefahr. Zwar ist es in Paraguay per Gesetz erlaubt bis zur 20. Woche abzutreiben, wenn das Leben der werdenden Mutter nachweislich in Gefahr ist doch Staat und Kirche stellen sich in dem streng katholischen Land gegen den lebensrettenden Schwangerschaftsabbruch. Das Gesundheitsrisiko für das Mädchen wird schlicht ignoriert. Insbesondere die starke Machtstellung der katholischen Kirche erschwert den Zugang zu Verhütungsmitteln. Die Folge sind ungewollte Schwangerschaften oft durch Missbrauch, da Männer sich insbesondere in ärmeren Regionen im Recht sehen, über die Sexualität der Frauen zu bestimmen.

Auch in El Salvador steht Abtreibung unter schwerer Strafe – Frauen werden sogar teils bei ungewollten Fehlgeburten des Mordes angeklagt. Sie erhalten bis zu 50 Jahre Haft. Das Abtreibungsverbot ist seit 1999 in der Verfassung verankert – unterstützt von der katholischen Kirche. Die Regierung verwehrt sexuelle Aufklärung und Zugang zu Verhütungsmitteln. Die Folge ist, dass jährlich hunderte Mädchen und Frauen im Land durch gesundheitsgefährdende Schwangerschaften und illegale Abtreibungen sterben. Der Generalverdacht, dass Frauen grundsätzlich Schuld bei Fehlgeburten hätten, sitzt tief. Selbst nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis werden sie von Familie und Gesellschaft geächtet.

Nicaragua: Jede dritte Frau ist von Gewalt betroffen

Jede dritte Frau in Nicaragua erfährt, laut einer Statistik der nicaraguanischen Regierung (ENDESA 2006/2007), physische oder psychische Gewalt in ihrer Beziehung. In 59 Prozent der Gewaltsituationen waren die Kinder anwesend. Das Problem liegt auch hier in vorherrschenden Familienstrukturen: 90 Prozent der TäterInnen sind Familienangehörige.

Wandel durch Bildung – Unsere Partnerorganisation MIRIAM steht für ein selbstbestimmtes Leben frei von Gewalt

Absolventinnen der MIRIAM-Schule mit ihren Abschlusszeugnissen. Foto: © MIRIAMTERRE DES FEMMES und MIRIAM arbeiten seit 2012 zusammen. Die Organisation setzt sich für bessere Bildungsmöglichkeiten und die Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen ein. Frauen sollen an Alphabetisierungs-, Grundschul-, und berufsbildenden Kursen teilnehmen, um mehr Eigenständigkeit und Perspektiven zu erhalten. Hierzu wurde eigens die MIRIAM-Schule in Estelí gegründet. Die Frauen sollen erfahren, dass Diskriminierung und Gewalt an ihnen nicht gerechtfertigt ist und sie Rechte haben. Die 1989 gegründete Organisation stellt den betroffenen Frauen eine Rechtsberatung zur Seite und gewährt psychologische Betreuung.

MIRIAM arbeitet zusammen mit Organisationen der Zivilgesellschaft und staatlichen Institutionen für eine verstärkte Einflussnahme auf familiärer, kommunaler und nationaler Ebene. Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit sensibilisiert MIRIAM zu Häuslicher Gewalt, um Prozesse gesellschaftlicher Bewusstseinsveränderungen in Gang zu setzen. Das allgemeine Schweigen über Gewaltdelikte wird gebrochen, Häusliche Gewalt wird als gesamtgesellschaftliches Problem thematisiert, die Menschen werden über Formen und Folgen der Gewalt und Gesetze zum Schutz der Frau aufgeklärt, sowie über Hilfsangebote und Möglichkeiten der Strafverfolgung informiert.

Durch ihre Arbeit hat MIRIAM in den letzten 25 Jahren bereits 31.000 Frauen unterstützt. 4.000 davon haben eine abgeschlossene Ausbildung erhalten.

TERRE DES FEMMES plant 2016 Vertreterinnen von MIRIAM nach Deutschland einzuladen, um über ihre erfolgreiche Arbeit gegen Gewalt an Mädchen und Frauen zu berichten.

 

Quellen:

Kampf gegen ungesühnte Frauenmorde in Mexiko (Deutschlandfunk, 28.07.2014)

Femizide in Ciudad Juárez (taz, 07.04.2014)

Machismo in Mexiko (the guardian, 01.08.2014)

El Salvador: Drastische Haftstrafen für Schwangerschaftsabbruch (Das Erste, 05.02.2015)

Sexistische Gesetze in El Salvador (taz, 24.07.2014)

Paraguay: 10-Jährige darf nicht abtreiben (tagesschau, 12.05.2015)

Vergewaltigt und schwanger: Abtreibung in Paraguay verboten (Die Welt, 15.05.2015)

MIRIAM, Nicaragua – Für ein Leben frei von Gewalt (Projektseite bei TERRE DES FEMMES)

 

06/2015