Die Pille danach: Endlich rezeptfrei auch in Deutschland

Kurz zur Geschichte: Seit 1999 können Frauen in Frankreich nach einer Verhütungspanne die Pille danach ohne Zeit verzögernden ÄrztInnenbesuch in der Apotheke kaufen. Die meisten der anderen EU-Länder zogen nach. Das auf dem Wirkstoff Levonogestrel (z.B. PiDaNa) basierende Mittel blieb in Ungarn, Polen, Italien - und Deutschland rezeptpflichtig. Der Bundestag lehnte die Freigabe ab, eine umfassende Beratung durch ÄrztInnen sei unabdingbar.

2009 wurde elleOne, mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat, in der EU zugelassen. Das Mittel ermöglicht es den Frauen bis zu fünf Tagen nach ungeschütztem Sex einer Schwangerschaft entgegen zu wirken (Levonogestrel wirkt nur 72 Stunden). Im Januar 2015 hat die EU entschieden, dieses Mittel der Verschreibungsplicht zu entheben. Seit März können auch Frauen in Deutschland elleOne rezeptfrei kaufen. Die Bundesregierung hat trotz vorheriger Befürchtungen keinen nationalen Sonderweg eingeschlagen – was in der EU bei Empfängnis verhütenden oder Schwangerschaft unterbrechenden Arzneimitteln möglich ist.

Neben ellaOne® können jetzt sogar alle Präparate der Pille danach (Produktnamen PiDaNa®, Unofem®, Postinor®) ohne Rezept erworben werden.

Der Freigabe sind in Deutschland heftige Kontroversen vorausgegangen.

Einige FrauenärztInnen haben bis zuletzt gegen eine Freigabe protestiert und vor den negativen Folgen gewarnt. Sie argumentierten mit Gesundheitsrisiken und steigenden Abtreibungsraten.

Pro Familia und TERRE DES FEMMES sieht in der aktuellen gesundheitspolitischen Entscheidung die konsequente Einlösung sexueller und reproduktiver Rechte.

Die meisten Notfälle geschehen am Wochenende oder an Feiertagen, was den Zugang für die Frauen erschwert. Bei schneller Einnahme ist die Pille danach sicher und zuverlässig. Anders als die „Abtreibungspille“ Mifegyne beeinflussen Ulipristalacetat und Levonogestrel eine bestehende Schwangerschaft nicht, denn die Mittel wirken, indem sie den Eisprung verzögern oder verhindern. Die langjährigen positiven Erfahrungen in 28 EU-Länder sprechen für eine rezeptfreie Abgabe.

Was bedeutet die Freigabe für betroffene Frauen?

Die Bundesapothekenkammer (BAK) empfiehlt die Pille danach nur an die betroffenen Frauen persönlich zu verkaufen. Im Einzelfall sollte ein ÄrztInnenbesuch nahegelegt werden.

Obwohl es ein gesetzliches Abgabeverbot bei Minderjährigen oder unter 14-jährigen nicht gibt, legt die BAK den ApothekerInnen nahe, Datum, Uhrzeit, Inhalt der Beratung, Abgabe/Nichtabgabe zu dokumentieren und den jungen Frauen immer zu einem „ggf. anschließenden“ Arztbesuch zu raten. Während in Frankreich und Schweden das Verhütungsmittel seit Jahren kostenfrei in der Schule abgegeben wird, sollen in Deutschland Mädchen unter 14 Jahren das Einverständnis eines/r Erziehungsberechtigen vorweisen können.

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten der Pille danach für Frauen bis zum 20. Geburtstag, sofern die Betroffene ein Rezept vorlegen kann. Wer auf eine Kostenerstattung verzichtet, erhält die Pille danach nach Beratung gegen Barzahlung in der Apotheke.

Die Frauen sollten sich auf persönliche Fragen einstellen.

Die Entscheidung für die Vergabe der Kontrarezeptiva liegt jetzt bei den ApothekerInnen. Sie können die Ausgabe des Verhütungsmittels verweigern und an ÄrztInnen verweisen. Nicht nur ÄrztInnen können Frauen bei Ihrem Anliegen herablassend behandeln, wie es Pro Familia von zahlreichen Betroffenen erfahren hat; sie mussten sich jetzt in der Apotheke – im diskreten Nebenraum oder nachts durch das Fenster befragen lassen und ihr Anliegen rechtfertigen.

Hoffen wir, dass die ApothekerInnen im Ernstfall auf der Seite der Kundin stehen und nicht wie manche katholisch geführten Krankenhäuser handeln, die das Verhütungsmittel sogar nach einer Vergewaltigung verweigerten.

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von Ute Binder