#bornequal: Ein selbstbestimmtes Leben - auch für die Frauen und Mädchen Afghanistans

2002 Shugufa Ahmad Ali uAfghanistan 1998: zwanzig Jahre im Kriegszustand. Seit der Machtergreifung der moskauorientierten Demokratischen Volkspartei Afghanistans 1978 und dem Einmarsch sowjetischer Truppen im Folgejahr kannte das Land am Hindukusch keinen Frieden mehr. Etwa zwei Millionen Menschen starben, fünf Millionen flüchteten. Für die meisten Frauen und Mädchen endete die Reise im benachbarten Pakistan. In Pakistan formierte sich auch die Bewegung der ultrakonservativen Taliban, die nach den islamistischen Mudjaheddin, die 1992 den Islamischen Staat Afghanistan ausriefen, 1996 in die Hauptstadt Kabul einmarschierten. Sie etablierten ihr rigides und bigottes Regime, unter dem vor allem die Frauen zu leiden hatten.

 

 

„Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen“[1]

Frauen und Mädchen wurden in die Unsichtbarkeit verbannt, mundtot gemacht: Für sie galt Ausgehverbot, Ausbildungsverbot, Berufsverbot. Nur in einer Burka verborgen und in Begleitung eines nahen männlichen Verwandten durften sie das Haus verlassen. Mädchenschulen wurden geschlossen, der Besuch von Universitäten versagt. Frauen mussten ihre Berufe aufgeben. Singen und Tanzen: verboten. Beim Gehen durfte kein verführerisches Klappern der Absätze zu hören sein. Die Fenster im Erdgeschoss mussten geschwärzt werden.

Für TERRE DES FEMMES war klar, dass lauthals auf die Lage der „Frauen hinter Gittern“ aufmerksam gemacht werden musste und folgte einer Anregung der Europäischen Union, den Internationalen Frauentag 1998 den Frauen Afghanistans zu widmen.

Internationaler Frauentag 1998 – Ein Tag gegen die Geschlechterapartheid in Afghanistan

2002 Afghanistan VogelkafigUnter dem Motto „Eine Blume für Frauen in Kabul“ sammelte TERRE DES FEMMES in Deutschland zusammen mit Courage und dem Solidaritätskomitee Afghanischer Frauen in Frankfurt Unterschriften. Fast 6000 Menschen erklärten sich mit Ihrer Unterschrift solidarisch und unterstützen unsere Forderungen. So wurde z.B. verlangt, die „Geschlechterapartheid“ zu beenden, den Frauen das „Selbstbestimmungsrecht in allen Fragen des Lebens“ zu gewähren oder „afghanischen Frauen, die aus geschlechtsspezifischen Gründen verfolgt werden,“ das Asylrecht anzuerkennen.

Über 10 000 Unterschriften konnten die drei Organisationen schließlich gemeinsam am 2. Juli 1998 in Bonn VertreterInnen des Auswärtigen Amts und der afghanischen Botschaft übergeben.

„Leben statt Krieg“- Vernissage am Vorabend des Internationalen Frauentags 2002

Im November 2001 setzten die USA der Schreckensherrschaft der Taliban ein (vorläufiges) Ende. Die Spuren ihrer Eingriffe in das Leben der Frauen und Mädchen bleiben diesen noch lange gegenwärtig. Das Interesse der Medien aber ließ nach, „die Karawane war weitergezogen.“

Damit die „afghanischen Frauen nicht wieder in Vergessenheit geraten“ konzipierte TERRE DES FEMMES zusammen mit dem FORUM KÜNSTLERINNEN 2002 eine auf zwei Jahre angelegte Wanderausstellung. Ihr Titel lässt auf den Inhalt schließen: „Leben statt Krieg – Afghanische Mädchen zeichnen ihren Alltag - Künstlerinnen antworten“.
Die Ausstellung zeigte 26 Buntstiftzeichnungen von Schülerinnen der Ariana-Mädchenschule aus Quetta, einem pakistanischen Dorf für Geflüchtete nahe der afghanischen Grenze. Die Zeichnungen der Mädchen erschüttern. Sie zeigen drastisch den von blutiger Gewalt bestimmten Alltag der Mädchen, denen die Kindheit gestohlen wurde. Es waren diese Zeichnngen, die bei den Künstlerinnen der Wunsch weckten, aktiv zu werden. So entstanden 18 Kunstwerke unterschiedlichster Stilrichtungen, ganz individuelle Antworten auf die Kinderzeichnungen, auf die Lage in Afghanistan.

Mit großem Zuspruch wurde die Ausstellung im Stuttgarter Rathaus am 7. März 2002 eröffnet.

„Gehst du auch gerne zur Schule?“

Die Ariana-Mädchenschule gehörte zu den Einrichtungen, die von der Organisation Shuhada betrieben wurde und mehr als 600 Schülerinnen erhielten dort eine weltoffene Ausbildung. Shuhada wurde von der international bekannten Ärztin und Frauenrechtlerin Sima Samar gegründet und gehörte zu den von TERRE DES FEMMES unterstützten Projekten.

2001 organisierte TERRE DES FEMMES eine Briefpartnerschaft zwischen den Mädchen der Ariana-Schule und zwei Schulen in Hessen.

Mamlaket, 10 Jahre alt, schreibt: „Ich mag die Schule sehr. Gehst du auch gerne zur Schule? Ich finde es sehr wichtig eine Ausbildung zu haben. Ich will Ärztin werden und meinem Land helfen.“[2]

Die Lage der Frauen in Afghanistan bessert sich in dem patriarchal geprägten Land nur zögerlich.

Zwar sind Frauen und Männer seit 2004 gleichgestellt, zwar gilt seit 2009 das „Gesetz zur Beseitigung von Gewalt an Frauen“, aber ein großer, konservativer Teil der Bevölkerung zieht das traditionelle Recht vor. „Früh-und Zwangsehen, Frauenhandel, Gewalterfahrungen und verwehrter Zugang zu Bildung sind tagtägliche Realität für afghanische Frauen.“ 62 Prozent sind noch immer Analpahbetinnen.[3]

Seit 2004 kooperiert TERRE DES FEMMES mit der Neswan Social Association, Afghanistan, einem Projekt das sich der Bildungsarbeit für ein selbstbestimmtes Leben verschrieben hat.

Verweise

[1] Siba Shakib: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen. Die Geschichte der Shirin-Gol. München 2001.

[2] Ingrid Lee: Briefe aus Quetta. In: Menschenrechte für die Frau. 1/2003, Seite 10f

[3] Factsheet Afghanistan 2018

 

 Stand: März 2021

Quellen:

Afghanistan. Frauen hinter Gittern. In: Menschenrechte für die Frau 1/1998, Seite 6f.

Verena Ayass: Unterschriften für Frauen in Afghanistan. In: Menschenrechte für die Frau 3/1998, Seite 5

Verena Ayass: Keine Besserung in Afghanistan. In: Menscherechte für die Frau 1/2001 Seite 4ff.

Rahel Volz: Leben statt Krieg. Gedanken zur Eröffnung der Wanderausstellung. In: Menschenrechte für die Frau 3/2002, Seite 11

Ingrid Lee: Briefe aus Quetta. In: Menschenrechte für die Frau. 1/2003, Seite 10f.

TERRE DES FEMMES - Menschenrechte für die Frau e.V. (Hrsg.): Frauen in Afghanistan. Hoffnung auf Wandel. Tübingen, 2002