Rukiye Cankiran: Das geraubte Glück

Zwangsheiraten in unserer Gesellschaft

Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2019. 192 Seiten, 20,00 €2019 Cover Cankiran

Spätestens seit dem „Ehren“-Mord an Hatun Sürücü, 2005 in Berlin wird das Thema „Zwangsheirat“ im deutschen gesellschaftlichen Diskurs immer wieder verhandelt. Mit den Geflüchteten, die seit 2015 nach Deutschland kommen, hat es neue, erhöhte Aufmerksamkeit erhalten. Dabei konzentriere sich die Öffentlichkeit – so Cankiran – meistens auf drastische Fälle, vornehmlich werde ein pauschalisierender und herablassender Tenor angeschlagen. Rukiye Cankiran, Kulturwissenschaftlerin und Journalistin anatolischer Herkunft möchte mit ihrem Buch dazu beitragen, mit dem schwierigen und vielschichtigen Thema sensibler umzugehen.

Um Phänomene wie Zwangsverheiratungen zu verstehen und wirksam bekämpfen zu können, müssen sie sachlich analysiert werden.

Das gilt auch für die Perspektive der Eltern. Eltern, die ihren Töchtern eine Heirat aufnötigen, tun dies aus unterschiedlichen Gründen, oft in der festen Überzeugung im Sinne der Verheirateten gehandelt zu haben. In vielen Gesellschaften ist es die schiere Armut, die die Eltern zu diesem Schritt veranlasst. Aber meistens zwingt die Übermacht der Familientradition die Tochter oder den Sohn in die unerwünschte Ehe. Allzu oft wird aus Angst vor dem Verlust der Familienehre, sogar der Tod des eigenen Kindes gebilligt, um diese wiederherzustellen.

Die Autorin ist mit den Facetten des Themas vertraut: Als Projektmitarbeiterin, -koordinatorin und Vertrauensdolmetscherin hat sie viele junge Frauen beraten und deren Geschichten kennengelernt.
Cankiran stuft die Zwangsheirat als eine Form von Gewalt gegen Frauen ein, als eine grobe Menschenrechtsverletzung, die auf patriarchalen Machtstrukturen gründet.

Sie beklagt aber die einseitige Berichterstattung in den Medien, die „gewöhnlichen“ Beziehungstaten, die täglich überall begangen würden, vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit widmeten.

Nichtdestotrotz sei es die Aufgabe der heutigen Integrationspolitik sich mit dem gesellschaftlichen Problem „Zwangsheirat“ auseinanderzusetzen.

Letztendlich geht es für Cankiran um die Frage: „Wie wollen wir als Gesellschaft in Deutschland zusammenleben?“. Deswegen ist es heute wichtiger denn je, Plattformen für Aufklärung, für interkulturellen Austausch und gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Dafür gibt es bereits erfolgreiche Initiativen. Eine davon ist das Berliner HEROES-Projekt. Durch wichtige Dialoge zur Gleichberechtigung und Selbstbestimmung können traditionelle Geschlechterrollen und patriarchale Machtstrukturen aufgedeckt und abgebaut werden.

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