Amal in Zusammenarbeit mit Arno Becker: Wie ein Schmetterling

Mein Weg aus dem Kokon der Traditionen

Selbstverlag, 2021, 91 Seiten. ISBN 9798764727325, 13,90 €2021 Amal Wie ein Schmetterling

Eine Marokkanerin wird im Alter von 16 Jahren mit ihrem in Deutschland lebenden Cousin verheiratet, der ihr vorher völlig unbekannt war. Auf das Eheleben und das Leben in einem fremden Land war sie in keiner Weise vorbereitet, als sie allein in ein Flugzeug nach Deutschland gesetzt wurde.

Ein Einzelschicksal? Keinesfalls. Wie viele „Kinderbräute“ wurden auf diese Weise nach Deutschland exportiert? Selbst wenn es Statistiken dazu gäbe, würden sie die Bedeutung dieses Phänomens nicht erfassen. Denn bei jeder genannten Zahl müsste stets mitgesagt werden: „Dunkelziffer unbekannt.“ Was allerdings das Ausmaß dieser seit 2018 in Deutschland gesetzeswidrigen Handlung erahnen lässt, ist die Tatsache, dass sowohl die Eltern als auch die Schwiegereltern es völlig normal fanden, wenn eine Tochter, ohne gefragt zu werden, in einem eiligen Abkommen zwischen Vater und ihrer zukünftigen Familie (das Auto der Besucher versperrte die Straße und das Müllauto hupte) den Besitzer wechselt.

Ist das zu drastisch ausgedrückt? Amal hat es so empfunden. Bei der Hochzeit ihres Bruders wurden sich ihr Vater und der Vater ihres Cousins einig. „Für unsere beiden Papas war klar, dass man diesen Hauptpersonen ja später immer noch sagen kann, dass und wen sie heiraten würden. Man informiert ja auch nicht ein Schaf darüber, wenn es verkauft werden soll. Und nicht ein Huhn, wenn man es schlachten will. … Es war mein Papa, der etwas unterschrieben hat. Ich war ja erst sechzehn. Auf der anderen Seite hat mein Cousin unterschrieben, genauer gesagt, er hat gemacht, was sein Vater ihm sagte.“

Gab es eine Alternative für Amal? „Ich weiß, man kann immer „nein‘ sagen. … Aber ich fühlte es als sei es meine ‚Bestimmung‘. Wenn Allah mich also für ein solches Leben bestimmt hatte, wieso hätte ich etwas anderes wollen sollen?“

Für Amal selber war also ihre Verheiratung normal, auch, dass sie nicht aufgeklärt wurde, was sie als Ehefrau erwartete, und auch, dass sie mit 22 schon 3 Kinder hatte. “Wie kommt es zur Schwangerschaft? Was ist mit dem monatlichen Zyklus?  Wie soll ich eine Schwangerschaft bewältigen? Wie erzieht man ein Kind? Ich wusste nicht einmal, wie das Baby aus mir herauskommen soll!“

Und dennoch ist Amals Geschichte eine besondere. Sie findet nach 26 Ehejahren den „Weg aus dem Kokon ihrer Tradition“, wie es im Titel ihres Buches heißt.

Was bedeutet Tradition für Amal und was meint sie mit „Weg aus dem Kokon“?

Die Tradition sind Erwartungen an eine Tochter: „früh das Nest verlassen, denjenigen heiraten, den die Eltern mir aussuchen, Kinder gebären, gehorchen, wie es sich für eine marokkanische Frau gehört“. Und resigniert fügt sie hinzu: „Wenn man weiß, dass diese Dinge sowieso von einem erwartet werden, was soll man da noch mitreden?“

Amal macht andererseits deutlich, dass Tradition auch Schutz und Zugehörigkeit bedeutet. Warum fällt es Frauen so schwer sich aus der Tradition zu befreien, auch wenn sie in Deutschland andere Lebensläufe aus nächster Nähe kennen lernen und sehen, dass Frauen über ihren Werdegang selber bestimmen?  Amal erklärt das am Beispiel des Kopftuches: „Ob ein Kopftuch ‚passt‘, wenn man in Deutschland lebt? In dieser Frage bin ich mit meinen Überlegungen noch nicht fertig. … In meiner Jugend habe ich das Kopftuch ab dem Moment getragen, wo ich meine Tage bekam. ... Später in Deutschland habe ich es weggelassen. Nach Papas Tod habe ich es wieder getragen. … Eine ‚anständige Frau‘ verbirgt ihre Haut. … Zuletzt habe ich jahrelang Kopftuch getragen. Mehr aus Gewohnheit. Es gehört einfach dazu. … Ich kann nicht einfach weglassen, woran ich mich gewöhnt habe.“
Amal ist sich auch nicht schlüssig, ob sie eine marokkanische Deutsche oder eine deutsche Marokkanerin ist. In jedem Fall fühlt sie sich nicht ganz dazu gehörig. „Sowohl als auch“ bedeutet gleichzeitig „weder noch“. Da hilft manchmal ein äußeres Zeichen wie das Kopftuch, sich zu positionieren. Aber dann entspricht es wiederum auch nicht mehr der gelebten Wirklichkeit.

An einem denkwürdigen Datum – den 27. November 2017 nennt Amal – hat sie erstmals die Initiative ergriffen und die Änderung ihres Lebens eingeläutet: Sie hat es wahrgemacht, was sie hundertmal zuvor angekündigt hatte, nämlich die Polizei zu rufen, als ihr Ehemann ihr wieder einmal Gewalt antat. Von da an war sie es, die ihr Leben gestaltete – nach 26 Ehejahren! Sie verließ die Tradition, die sie wie ein Kokon eingeschlossen hatte. Sie war erstarkt, so dass sie jetzt auf eigenen Füßen stehen, wie ein Schmetterling davonfliegen konnte.

Amals Geschichte ist lesenswert für alle, die eine andere Sozialisation als Amal erfahren haben, um verstehen zu lernen, was es bedeutet, wenn jemand in dem Bewusstsein aufwächst, nur der gottgegebenen „Bestimmung“ zu folgen, wenn sie gehorcht. Es ist erst recht lesenswert für alle Mädchen und Frauen, die sich noch in ihrem Kokon befinden und die durch diese langwierige, aber letztendlich erfolgreiche Lebensgeschichte ermutigt werden, ihren Kokon zu verlassen, wenn der Leidensdruck groß genug ist. Sie ermutigt vor allem auch dazu, nach einem ersten oder zweiten missglückten Versuch, es ein drittes oder auch viertes Mal wieder anzugehen.
Amals Geschichte zeigt: Es lohnt sich!

Godula Kosack
Leipzig im Januar 2022