Katharina Sass (Hg.): Mythos „Sexarbeit“

Argumente gegen Prostitution und Sexkauf

PapyRossa Verlag Köln, 2017. 159 Seiten, 13,90 €2017 Sass Mythos Sexarbeit

Katharina Sass war 18, als ein Bekannter ankündigte, seinen Geburtstag im Bordell Pascha feiern zu wollen. Eingeladen waren männliche Freunde und die dort tätigen Prostituierten. Auf ihr Unverständnis für die geplante Party, reagierte er aggressiv, stempelte sie als verklemmt, sexfeindlich und prüde ab. Für Sass ein denkwürdiges Erlebnis. „Warum kaufen Männer Sex und schreien dich an, wenn du das in Frage stellst? Wer sind diese Frauen, mit denen im Pascha gefeiert werden kann? Wo kommen sie her? Was ist in ihrem Leben vorgefallen, bevor sie im Pascha gelandet sind? Warum gibt es überhaupt Frauen, die gegen Geld Sex mit Männern haben müssen?“

In diesem Buch versucht sie Hintergründe und Antworten hierzu zu finden.

In Deutschland gibt es schätzungsweise 1,2 Millionen Freier pro Tag, 18 Prozent der Männer sollen dauerhaft aktive Sexkäufer sein. Nach der in Deutschland vorherrschenden liberalen Sichtweise sind sie Kunden, die eine freiwillige Dienstleistung von einer "Sexarbeiterin" entgegennehmen.

Folge dieser Auffassung war das Liberalisierungsgesetz von 2002, mit dem eine „Professionalisierung“ der Prostitution angestrebt wurde. Mit dem sogenannten Prostituiertenschutzgesetz, das 2017 in Kraft trat, schwenkte die Politik von „einem Weg der extremen Deregulierung um, auf den Weg der Detailregulierung“ mit zahlreichen Vorschriften für die Prostituierten. Sex ist nach wie vor ein käufliches Gut. Bordelle werden sogar von offiziellen Tourismusführern (z.B. von München im Erscheinungsjahr des Buches) beworben.

Eine vollständig andere Sicht vertreten die Autorinnen dieses Buches. Sie werten Prostitution nicht als Arbeit sondern als Gewaltverhältnis, das langfristig überwunden werden muss. Sie folgen dem „nordischen Modell“ und fordern die Freierbestrafung bei gleichzeitiger Entkriminalisierung der Prostituierten.

In Schweden können ertappte Freier seit 1998 mit sechs und seit 2011 mit 12 Monaten Gefängnis bestraft werden. In Norwegen muss seit 2008 für Sexkauf Bußgeld bezahlt werden.

Das Verbot gründete auf wissenschaftlichen Studien zu Umfang, Formen und Folgen von Prostitution. Evaluierungen des Verbots stellten eine abschreckende Wirkung auf Zuhälter und MenschenhändlerInnen fest und kamen zu dem Ergebnis, dass eine „Verschiebung der Prostitution in den Untergrund nicht stattgefunden“ habe – anders als in Deutschland behauptet.

Die Einführung des abolitionistischen Modells wird inzwischen auch in anderen europäischen Ländern diskutiert; in Frankreich gilt ein Sexkaufverbot seit 2016, in Irland seit 2017.

Sass dröselt Studien auf, die sich mit denjenigen beschäftigen, die den Rotlichtbetrieb die Berechtigung geben: Die Freier. Viele dieser Männer haben ein gestörtes Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität und leben diese aggressiv aus. Ein Gutteil nimmt bewusst oder unbewusst in Kauf, übergriffig zu werden, sexuell der Prostituierte gegenüber die Grenzen zu überschreiten. Eine nicht zu vernachlässigende Minderheit hegt Hassgefühle gegenüber alle Frauen.

Einer Studie des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend von 2014 zufolge erlebten 82 Prozent der Prostituierten Formen von psychischer Gewalt, 92 Prozent waren sexueller Belästigung ausgesetzt. Prostitution, ein Job, wie jeder andere?

Dr. Ingeborg Kraus, Traumatherapeutin, behandelt Frauen, die sich „freiwillig“ anbieten. Selbst diese erleben Prostitution als traumatisierend. Häufig hatten sie bereits in der Kindheit Traumatisierungen erlebt. Kraus, die Initiatorin des Appells „TraumatheratpeutInnen gegen Prostitution!“, stellt ausführlich und gut nachvollziehbar die traumpsychologischen Mechanismen in der Prostitution dar.

In einem weiteren Kapitel arbeitet Manuela Schon, (radikal)feministische Aktivistin, Mitglied der Partei die LINKE, die Entwicklung der internationalen abolitionistischen Graswurzelbewegung heraus.

Den Abschluss des Buches bildet der Erfahrungsbericht der Aussteigerin Marie Merklinger. Finanzielle Not und Hartz IV drängten sie in die Prostitution, heute setzt sie sich ein für deren Überwindung.