Nora Bossong: Rotlicht

Nora Bossong RotlichtCarl Hanser Verlag, München 2017. 240 Seiten.

Nora Bossong berichtet in ihrem Buch von Erfahrungen und Begegnungen in der Sphäre der käuflichen Sex- und Erotikleistungen. Sie begibt sich zum Beispiel in Table-Dance Bars, auf Sexmessen und in Swingerclubs, um die dortigen Geschlechterverhältnisse zu hinterfragen. Das Geschäft mit der Prostitution wird ebenfalls wesentlicher Gegenstand ihrer Erlebnisse.

Dabei beweist Nora Bossong Sensibiliät im Umgang mit den Themen und bezieht in allen Bereichen breite Spektren von Meinungen und Positionen mit ein. Vor allem bei der Prostitution, hilft sie den Lesenden kritisch einen eigenen Standpunkt zu entwickeln. Dazu interviewt sie zum Beispiel Bina und Angelina, zwei ungarische Prostituierte von der Kurfürstenstraße in Berlin. Sie berichten von weit verbreiteter Gewalt und Erpressung, scheinen nun aber in einem selbstbestimmteren Umfeld zu sein. Sie telefoniert auch mit Huschke Mau, einer Aussteigerin, die sich aufgrund ihrer Erfahrungen mittlerweile aktiv für ein Verbot der Prostitution einsetzt und deshalb offen bedroht wird.

Die Verwobenheit von Migration, Kapitalismus und Prostitution, die im europäischen Kontext vor allem zur Ausbeutung von Frauen aus Osteuropa führt, spielt eine zentrale Rolle. Ausweg- und Perspektivlosigkeit enden oft in prekären Arbeitsverhältnissen und Gewalt. Dass Machtkonstellationen und die patriarchale Gesellschaftsordnung bei den Dynamiken in der Prostitution und Erotikbranche eine vorherrschende Rolle spielen wird allzu deutlich.

Nora Bossong versieht ihre eigenen Gedanken mit Aspekten aus Literatur und Filmen und nimmt verschiedene feministische Diskurse in ihre Ausführungen mit auf. Außerdem lockern Konversationen, Empfindungen und Reflektion die Atmosphäre und ermöglichen auch denjenigen Lesenden, die vor solchen Themen eher zurückschrecken, einen leichten Einstieg.

Letztlich gibt nicht nur das stark kritisierte Prostituiertenschutzgesetz, das zum 1. Juli 2017 eintritt, wieder Anlass, sich selbst zu informieren und Stellung zu beziehen. Auch wenn sich Bossong nicht für oder gegen ein Verbot der Prostitution ausspricht, wird klar: Der gesellschaftliche Umgang mit käuflichem Sex muss dringend neu diskutiert werden.

 

Besprechung: Clara Hoffmann

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