Veronika Kracher: Incels

Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults

Ventil Verlag, Mainz 2020, 275 Seiten2020 Kracher Incels

Chad, Looksmatch, Truecls, Femoid, Supreme Gentlemen, Blackpill, Imageboards, Normie – sollten Ihnen diese Begriffe noch nichts sagen, dann wird sich dieses nach der Lektüre des Buches über Incels von Veronika Kracher ändern.

Die Autorin führ uns ein in eine toxische Netz-Subkultur, welche geprägt ist durch misogyne, antisemitische, antifeministische und rassistische Weltbilder. Die Sichtweisen der Incels (Kurzform für: „involuntary celibate“; auf Deutsch: unfreiwillig im Zölibat lebende Männer) basieren auf einem ausgeprägten Frauenhass. In einer Welt, in der Erfolg aus ihrer Sicht durch Aussehen, Vermögen und Virilität bestimmt ist, sehen sich Incels als „Verlierer der ‚genetischen‘ Lotterie“. Ihrer Auffassung nach sind Frauen oberflächliche, dumme und triebgesteuerte Wesen, die die Schuld an der Sexlosigkeit der Incels tragen.

Einerseits verachten Incels Frauen, doch gleichzeitig können nur Frauen sie von ihrem „Leid“ erlösen, was in einer zwiegespaltenen Beziehung mündet. Veronika Kracher, eine der führenden ExpertInnen auf diesem Themengebiet, spricht von einer „Heilige-Hure-Dichotomie“.

Eindrucksvoll sind Krachers hermeneutischen Textanalysen (u.a. von Chatbeiträgen von Incles-Foren und Imageboards) einer sehr widersprüchlichen und facettenreichen Community, die nicht-gewalttätige und gender-inklusive Ausprägungen (siehe Incelswithouthate), gewaltbereite, pädosexuelle Rapecels und die rechten Alt-Right in sich vereint.

Die Autorin zeichnet zunächst die Entwicklung der Incel-Bewegung von einer Selbsthilfeseite im Netz hin zum „misogynen Terror“ nach und widmet sich Elliot Rodger, der zentralen Incel-Figur und seinem Manifest „My Twisted World“. Zum Schluss stellt sie die Frage nach Ausstiegsmöglichkeiten aus dieser toxischen Männlichkeitskultur, in der Frauenhass zur „gesellschaftlichen Normalität“ gehört, die aber auch von Selbsthass geplagt wird.

Die erschütternden Themen, wie sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Kinder mit Vergewaltigungsfantasien, „Jungfrauen“-Wahn und gruppenbezogene Menschenverachtung machen das Buch oft zur belastenden, nur in Etappen zumutbaren Lektüre. Zu Recht bereitet Kracher die Lesenden auf besonders brutale Passagen mit Triggerwarnungen vor.

Aber mit „ironischer Distanz“ und Biss erleichtert die Autorin für kurze Momente immer wieder die Rezeption der schweren Kost. Auch überrascht sie mit sehr persönlichen Kommentaren aus ihrem Leben.

Dieses Buch ist ein must-read: Es ist eine der ersten Analysen im deutschsprachigen Raum zu dieser Thematik und überzeugt mit einer tiefgreifenden Analyse, veranschaulicht durch zahlreiche Beispiele.
Das Buch macht klar, wie gefährlich Frauenhass für die Gesellschaft ist, und dass das „Phänomen ‚Incels‘ das Resultat eines Systems ist, in dem patriarchales Anspruchsdenken, Misogynie und Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung sind.“

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