Eritrea

© UNICEF Data: Monitoring the situation of children and women. 2019. Country profile Eritrea© UNICEF Data: Monitoring the situation of children and women. 2019. Country profile Eritrea

Verbreitung

In Eritrea ist die Verbreitung von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM - Female Genital Mutilation) sehr hoch. Insgesamt sind 83% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) betroffen. Mit Ausnahme von zwei Regionen ist die FGM-Rate stets über 80%. Die Praktik wird in Eritrea bei sehr jungen Mädchen durchgeführt. Knapp 60% haben den Eingriff bereits vor ihrem fünften Geburtstag hinter sich. Da Eritrea ein multikulturelles Land ist, können die Gepflogenheiten der weiblichen Genitalverstümmelung nur verallgemeinernd wiedergegeben werden. Je nach Ethnizität, sozialem Status, Region, Bildung und Religion verfolgen die praktizierenden Familien unterschiedliche Zwecke und praktizieren deshalb unterschiedliche Formen von FGM zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Zahlen

Betroffene: 33% der Mädchen (0-14 Jahre) und 83% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Religionen: sowohl muslimische, christliche sowie traditionelle Religionszugehörigkeiten
Befürworterinnen: 12% der Mädchen und Frauen, 10% der Jungen und Männer (15-49 Jahre)
Alter: 21% der Beschneidungen fanden vor dem 1. Lebensmonats der Mädchen statt, 11% mit dem 1. Monat, 16% zwischen dem 2. und 11. Monat, 13% zwischen dem 1. und 4. Lebensjahr und nochmals 14% nach dem 5. Geburtstag

98% der Genitalverstümmelungen werden durch traditionelle Beschneiderinnen durchgeführt, 0,1% durch medizinische Fachkräfte.

Formen

In Eritrea wird mit 52% FGM-Typ I (Klitoridektomie) am häufigsten praktiziert. Dabei wird der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und/oder die Klitorisvorhaut teilweise oder vollständig entfernt.

Bei 6% der beschnittenen Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) wurde Typ II (Exzision) vollzogen. Hierbei wird der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der äußeren Schamlippen teilweise oder vollständig entfernt.

38% der Genitalverstümmelungen sind eine Infibulation (Typ III). Das heißt, dass das gesamte äußerlich sichtbare Genital herausgeschnitten und die offene Wunde bis auf ein kleines Loch vollständig zugenäht wird, wodurch Menstruationsblut und Urin abfließen soll. Die Wunde verheilt und hinterlässt Narbengewebe, welches die Vagina verschließt. Dieses Narbengewebe wird für Geschlechtsverkehr, meist nach der Heirat, aufgeschnitten (Deinfibulation). Erneut wird es im Falle einer Geburt aufgeschnitten. Es kommt dazu, dass Mädchen und Frauen nach einer Geburt oft wieder zugenäht werden (Reinfibulation), und vor jedem Geburtsvorgang wieder aufgeschnitten werden. Durch wiederholte Öffnungs-und Schließungsvorgänge werden die unmittelbaren sowie Langzeitrisiken erhöht.

Bei 4% der Befragten wurde der Typ nicht ermittelt und/oder sie waren sich nicht des Typs sicher.

Begründungsmuster 

Soziale Akzeptanz ist die Hauptmotivation der EritreerInnen für die Beschneidung ihrer Töchter. Damit gehen viele andere Aspekte einher. Bei Kunamas z.B. wird nicht-beschnittenen Frauen eine angemessene Beerdigung verweigert. 1% der Frauen (15-49 Jahre), die von FGM wissen, glauben, dass es von ihrer Religion verlangt wird. Dieser Glaube ist unter älteren Frauen, der Landbevölkerung und in niedrigen Bildungs-und Vermögensniveaus präsenter.

Es wird ebenso geglaubt, dass die Klitoris schmutzig und mit vielen Bakterien besiedelt sei, dass sie die Mädchen krank mache und in extremen Fällen zum Tod führen könne (6%). Somit werden durch die Praktik auch Reinheit und Hygiene angestrebt. Wenn man die Klitoris wachsen ließe, drohe sie während des Geschlechtsverkehrs den Penis anzugreifen.

Die Beschneidung garantiere bessere Heiratschancen (3%), und die Erhaltung der für die Eheschließung unerlässlichen Jungfräulichkeit der Frau (6%), indem einerseits ihre Lust gebändigt wird, andererseits sie durch eine Infibulation auch vor Vergewaltigung geschützt sein soll.

Es wird ebenso geglaubt, die unbeschnittene Frau besitze eine niedrige Fertilität. Töchter werden somit beschnitten, um sie fruchtbar zu machen. Beschneidung wirke außerdem positiv auf die Gesundheit des Kindes.

Des Weiteren werden ästhetische Gründe angeführt und die unversehrte Vulva wird als unästhetisch bewertet. Genitalien einer Frau haben glatt und unauffällig zu sein und die enge Vulva soll den Männern eine intensivere Befriedigung bescheren.

Allerdings sehen im Durchschnitt 77% der beschnittenen Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) in FGM keinen Vorteil.

Gesetzliche Lage

Eritrea hat viele internationale Rechtskonventionen und Verträge bezüglich FGM unterschrieben. Doch der Regierung in Eritrea ist es nicht gelungen, ein ausreichendes Problembewusstsein zu schaffen und die Gesellschaft zur Unterlassung der Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung zu motivieren.

Während des Unabhängigkeitskampfes hat die Eritrean People's Liberation Front (EPLF) versucht, FGM in den von ihnen kontrollierten Gebieten zu verbieten. Das hat dazu geführt, dass die Praktik in den Untergrund verschwand. Von der EPLF betriebene Kliniken wurden boykottiert. Als Folge bekamen viele Frauen keine angemessene Geburtshilfe und starben. Das Scheitern der Prohibitionspolitik hat die Regierung dazu veranlasst, sich auf die Aufklärung statt auf das Verbot der Praktik zu fokussieren.

Seit 2007 gibt es ein Gesetz (The Female Circumcision Abolition Proclamation No. 158/200711), das weibliche Genitalverstümmelung unter Strafe stellt. Ein Verstoß kann mit zwei bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden, falls der Fall tödlich endet. Zusätzlich können Bußgelder ausgestellt werden, wenn das Stattfinden eines FGM-Falls wissentlich nicht gemeldet wird.

Laut einer Umfrage des Eritrea Demographic and Health Survey 2010 (EPHS) waren sich ca. 91% der Frauen und 83% der Männer über das Gesetz gegen FGM bewusst. Der am häufigsten von Müttern genannte Grund für eine nicht-Beschneidung ihrer Töchter war, dass es gegen das Gesetz sei (66,9%).

Dieses Gesetz wurde jedoch bisher kaum umgesetzt. Es ist schwierig, detaillierte Angaben zu einzelnen Fällen zu finden. Es gebe laut 28 Too Many weder Hinweise auf den Ausgang der Gerichtsverfahren noch sonstige Angaben zur Durchsetzung der Rechtsvorschriften(28 Too Many, November 2017).Eine VertreterIn einer internationalen Organisation und ein eritreischer Anwalt sagten aus, dass eine strafrechtliche Verfolgung mal stattgefunden habe, dass sich jedoch niemand auf konkrete Fälle oder Strafen beziehen konnte (Landinfo https://landinfo.no/en/, Mai 2013).

Die eritreische Regierung gab in ihrem Bericht an den UN-Menschenrechtsrat vom Jahr 2013 an, dass in der Zeitspanne von 2008 bis 2013 207.416 Fälle im Zusammenhang mit FGM vor Gericht gebracht, und 155 Fälle mit Bestrafungen verurteilt wurden (UNHRC, November 2013). 2014 berichtete sie gegenüber CEDAW, dass ein Ausschuss zur Rechtsdurchsetzung («community based enforcement committee») in den vergangenen vier Jahren 144 Personen vor Gericht gestellt habe (Eritreische Regierung, Mai 2014). Aufgrund einer Partnerschaft der eritreischen Regierung mit UNFPA-UNICEF seien außerdem 50 Fälle von FGM untersucht und 89 Personen der Justiz überstellt worden. Laut eines von UNFPA und UNICEF gemeinsam publizierten Berichtes wurden 2015 133 Personen verhaftet, niemand wurde jedoch verurteilt (UNFPA und UNICEF, 2015). Im Jahr 2016 seien 89 Personen aufgrund von FGM vor Gericht gebracht worden, keine wurde verurteilt und bestraft (UNFPA und UNICEF, Juli 2017).

Den Aussagen eines Vertreters einer eritreischen Organisation im Jahr 2011 zufolge haben die Bemühungen der Behörden das Ausmaß von FGM nur beschränkt beeinflusst.

Haltung und Tendenzen

Sowohl die Prävalenz- als auch die Befürwortungsrate von FGM ist in Eritrea seit 1995 stetig gesunken. Während 1995 noch an 95% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) FGM praktiziert wurde, waren es 2002 noch 89% und 2010 noch 83%.

In Eritrea besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Ablehnung von FGM und dem Bildungs-und Vermögensniveau der Frauen und Männer. Doch im Durchschnitt ist die öffentliche Unterstützung der Praktik in den letzten zwei Jahrzehnten wesentlich gesunken. Waren es 1995 noch 57%, die sich für die Weiterführung von weiblicher Genitalverstümmelung aussprachen, sind es 2010 nur noch 12% gewesen. 82% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) und 85% der Jungen und Männer (15-49 Jahre) sind der Meinung, dass FGM aufhören sollte.

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Stand 12/2019

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