Presseerklärung: Zehnter Todestag des „Ehren“-Mordopfers Hatun Sürücü - Mehr als zehn Jahre Kampf gegen Zwangsverheiratung und Ehrverbrechen in Deutschland (04.02.2015)

Berlin. Am Samstag, den 7. Februar 2015, jährt sich der Todestag von Hatun Sürücü zum zehnten Mal. Die Deutsch-Türkin wurde mit 23 Jahren von ihrem jüngeren Bruder auf offener Straße in Berlin-Tempelhof erschossen, um die vermeintliche Ehre der Familie zu retten. Hatun hatte diese verletzt, als sie sich aus einer Zwangsehe befreite, ihr Kopftuch ablegte und eine Ausbildung begann. Ihr Schicksal steht für das Leiden unzähliger Mädchen und Frauen, denen ein freies und selbstbestimmtes Leben verweigert wird. Hatuns gewaltsamer Tod löste in Deutschland erstmals eine politische Debatte um Integration und die Verbesserung des Schutzes für Frauen, die von Gewalt im Namen der Ehre betroffen sind, aus.

Die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES hat sich seit ihren Anfängen für Mädchen und Frauen stark gemacht, deren Selbstbestimmungsrechte und körperliche Integrität im Namen einer falsch verstandenen Ehre verletzt wurden. Zwei Kampagnen zu Zwangsverheiratung und Ehrverbrechen zwischen 2002 und 2006 waren ein erster Schritt, um diese Menschenrechtsverletzung in Deutschland bekannt zu machen. Bereits im März 2005 organisierte die Berliner Städtegruppe von TERRE DES FEMMES eine erste Demonstration, um gegen den brutalen „Ehren“-Mord an Hatun Sürücü zu protestieren.

Zum Zeitpunkt von Hatuns gewaltsamem Tod gab es nur vereinzelt Einrichtungen, die in der Lage waren, Betroffene von Gewalt im Namen der Ehre wirksam zu unterstützen. Neben TERRE DES FEMMES gehörten dazu die Kriseneinrichtung Papatya in Berlin und das Wohnprojekt Rosa in Stuttgart. Trotz der breiten gesellschaftlichen Debatte nach der Ermordung Hatun Sürücüs blieben flächendeckende und nachhaltige Initiativen und Projekte für den verbesserten Schutz für Betroffene von Gewalt im Namen der Ehre in Deutschland aus. Nur einige wenige neue, spezialisierte Beratungsstellen und anonyme Schutzeinrichtungen wurden gegründet.

Verbesserungen, die sich seit 2005 feststellen lassen, sind: In Workshops und Fortbildungen wurden MitarbeiterInnen von Behörden und Lehrkräfte für den sensible Umgang mit Betroffenen geschult und die Präventionsarbeit direkt mit Schülerinnen und Schülern begann. Leitfäden und weitere Informationsmaterialien für Behörden und Lehrkräfte wurden erstellt. Nicht zuletzt haben sich die rechtlichen Grundlagen geändert: Zwangsverheiratung ist seit 2011 ein eigener Straftatbestand und "Ehren"-Morde werden vor Gericht kaum noch aus kulturellen Begründungen strafmildernd behandelt.

Erfolge, die auch dank der unermüdlichen Arbeit von TERRE DES FEMMES möglich wurden. So fordert TERRE DES FEMMES bereits seit 2004, dass TäterInnen eines Ehrverbrechens angemessen verurteilt werden. Die Organisation protestierte scharf gegen einen „Kulturbonus“ für „Ehren“-MörderInnen, als der ehemalige Bundesverfassungsrichter Winfried Hassemer 2009 dafür plädierte, bei einem in Deutschland begangenen „Ehren“-Mord die Sozialisation der TäterInnen zu berücksichtigen.

Auch die Öffentlichkeitsarbeit zeigt Wirkung: Positive Vorbilder und Aufklärung über die eigenen Rechte haben dazu geführt, dass sich heutzutage sehr viel mehr Betroffene Hilfe suchen und den oftmals steinigen Weg in ein selbstbestimmtes Leben gehen. Im Jahr 2014 suchten bei der TERRE DES FEMMES-Beratungsstelle 212 Personen Unterstützung zu den Themen Gewalt im Namen der Ehre, Zwangsverheiratung, Verschleppung und/oder Jungfräulichkeit – davon alleine 62 Personen in Berlin. Das Themengebiet macht fast die Hälfte der Beratungsfälle aus (212 von 475 insgesamt) – Tendenz steigend.

Der Handlungsbedarf für die Unterstützung Betroffener ist weiterhin hoch: Es vergeht kaum ein Monat, in dem die Medien nicht über einen weiteren schrecklichen Mord berichten, der im Namen der Ehre verübt wurde. Und so lange es kein Umdenken in den Communities gibt, so lange Brüder ihre Schwestern, Väter ihre Töchter und jugendliche Männer ihre schwangeren Freundinnen umbringen, müssen Schutzeinrichtungen und Fachberatungsstellen weiter ausgebaut und ihnen eine sichere Finanzierung gewährleistet werden. So ist die LANA - Fachberatungsstelle gegen Zwangsheirat und Gewalt im Namen der Ehre von TERRE DES FEMMES bis heute das einzige spezialisierte Beratungsangebot dieser Art in Berlin.

„Die bisherigen Initiativen sind immer noch die berühmten Tropfen auf dem heißen Stein. Die Politik muss endlich guten Worten Taten folgen lassen. Wir brauchen flächendeckend in ganz Deutschland spezialisierte Beratungs-/ Präventions- und Unterstützungsangebote. Diese Initiativen müssen nachhaltig gestaltet sein. Das bedeutet mehr als Projektarbeit, die meist nur wenige Jahre finanziert wird und danach wieder wegfällt", fordert Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von TERRE DES FEMMES.

Für Nachfragen und Interviews wenden Sie sich bitte an TERRE DES FEMMES:
Astrid Bracht (Pressereferentin), Tel. 030/ 40504699-25, oder per Mail an presse@frauenrechte.de

 

 

 

 

 

 

 

 

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