Lehren aus dem „Ehren“-Mord an Morsal Obeidi: TERRE DES FEMMES schult Lehrkräfte zum besseren Schutz von betroffenen und bedrohten Jugendlichen (10.05.2012)

Berlin, 10. Mai 2012. Am Dienstag, den 15. Mai 2012 jährt sich zum vierten Mal der Mord an der damals 16-jährigen Morsal Obeidi in Hamburg. Ihr Bruder Ahmad tötete sie mit 23 Messerstichen. Morsal war vor ihrem Tod immer wieder in Einrichtungen der Kinder- und Jugendnothilfe geflohen, da Vater und Bruder sie mehrmals geschlagen und bedroht hatten. Den endgültigen Bruch mit der Familie hat sie jedoch nicht geschafft. Das Martyrium der Deutsch-Afghanin spielte sich nicht im Verborgenen ab, bei genauerem Hinsehen hätten z.B. auch Lehrkräfte die Notsituation des Mädchens erkennen müssen. TERRE DES FEMMES schult deshalb in Zusammenarbeit mit dem Verein Hennamond e.V. Lehrkräfte aus ganz Hessen zum Thema Gewalt im Namen der Ehre und Zwangsheirat. Das einjährige Projekt wird vom Europäischen Integrationsfonds finanziell gefördert. 

Morsals Todesurteil war ihr Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben, der gegen die patriarchalischen Lebensvorstellungen der Familie verstieß. Um Morsal wieder auf den „richtigen“ Weg zu bringen, wurde sie 2007 für neun Monate nach Afghanistan gebracht. Die telefonische Abmeldung von der Schule wurde weder hinterfragt noch versucht zu verhindern. Im November 2011 veröffentlichte das Bundesfamilienministerium eine Studie zu Umfang und Ausmaß von Zwangsverheiratung in Deutschland, die belegt, dass die Mehrheit der Betroffenen im schulpflichtigen Alter ist. Trotzdem ist an zu vielen Schulen Zwangsverheiratung kein Thema. Sei es, dass Lehrkräfte nicht genügend sensibilisiert sind, oder dass sie nicht wissen, wie sie es ansprechen sollen.

„Es darf nicht sein, dass die Schule als geschützter Raum nicht genutzt wird, um solche wichtigen Themen zu besprechen. Zumal Lehrkräfte oftmals die ersten Ansprechpersonen für Betroffene sind und ein besonderes Vertrauensverhältnis zu SchülerInnen haben“, kritisiert die Vorsitzende von TERRE DES FEMMES, Irmingard Schewe-Gerigk. In insgesamt zehn Fortbildungen werden die Lehrkräfte umfassend über das Thema und die soziokulturellen Hintergründe informiert sowie Gesprächsführung mit Betroffenen anhand von Fachbeispielen trainiert. Die TeilnehmerInnen werden dazu befähigt, Anzeichen von Zwangsverheiratung im Verhalten ihrer SchülerInnen zu erkennen und im Einzelfall angemessen zu reagieren. Die Fortbildungen finden im Mai, Juni sowie im September, Oktober dieses Jahres in verschiedenen Städten statt.

„Morsal und leider viel zu vielen anderen Jugendlichen können wir damit nicht mehr helfen“, bedauert Schewe-Gerigk weiter. „Doch wir dürfen nicht aufgeben im Kampf für ein selbstbestimmtes und freies Leben für Mädchen und junge Frauen. Und vor allem dürfen wir dabei nicht den Staat und die einzelnen Bundesländer aus der Pflicht entlassen, solche Maßnahmen durchzuführen. Es kann nicht sein, dass für nationale Aufgaben die EU einspringen muss!"

Für Nachfragen und Interviews stehen wir gerne zur Verfügung.

Bitte wenden Sie sich an TERRE DES FEMMES, Astrid Bracht, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Tel. 030/40504699-0 oder per E-Mail an presse@frauenrechte.de.

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