Chronik unserer Arbeit

Ereignisse aus dem Jahr 2019

EU-Projekt „Gender ABC“

Projektarbeit zu „Gewalt und Kommunikation“. Foto: © TERRE DES FEMMESProjektarbeit zu „Gewalt und Kommunikation“. Foto: © TERRE DES FEMMESDas EU-Projekt Gender ABC (Start: September 2018) ist ein übergreifendes Bildungsprojekt für Berliner Schulen zu den Themen Gleichberechtigung, Menschen- und Kinderrechte, geschlechtsspezifische Gewalt und schädigende Praktiken. Ziel des zweijährigen Bildungsprogramm ist es, SchülerInnen im Alter von 6 bis 18 Jahren zu diesen Themen zu sensibilisieren, aufzuklären und ein Umdenken anzuregen. Es sollen Wahrnehmungsveränderungen der SchülerInnen bezüglich geschlechtsspezifischer Vorurteile und stereotyper Rollenbilder erreicht werden. Weiterhin sollen die SchülerInnen lernen, sich selbst für ihre Rechte einzusetzen und sich zu schützen. TERRE DES FEMMES (TDF) geht dazu mit zwei erfahrenen Pädagoginnen in die Schulen und arbeitet mithilfe künstlerischer Methoden (Theaterpädagogik, Malerei etc.) gemeinsam mit den Klassen an den oben erwähnten Themen.

Seit August geht TDF an die Schulen, das erste Mal zu Gast in einer Sekundarschule ist Gender ABC am 11. und 12. September 2019. Dort werden zwei Projekttage umgesetzt, in deren Mittelpunkt das Thema „Gewalt und Kommunikation“ steht. Ziel der Projekteinheit ist es, mit den SchülerInnen ein Verständnis dafür zu entwickeln, wo Gewalt beginnt und welche Dimensionen sie umfasst. Außerdem soll gemeinsam überlegt werden, welche Faktoren für eine gelungene Kommunikation ausschlaggebend sind. Dieses Ziel wird zudem mit der Thematisierung von gewaltfördernden Geschlechterstereotypen und Vorstellungen von Männlichkeit verknüpft.

Schulungen für Lehrkräfte und SchulsozialarbeiterInnen im Rahmen des EU-Projekts Gender ABC. Foto: © TERRE DES FEMMESSchulungen für Lehrkräfte und SchulsozialarbeiterInnen im Rahmen des EU-Projekts Gender ABC. Foto: © TERRE DES FEMMESIm Herbst 2019 finden zudem Schulungen für Lehrkräfte und SchulsozialarbeiterInnen in der TDF-Bundesgeschäftsstelle statt. Das Thema ist geschlechtsspezifische Gewalt, wobei die  Schwerpunkte auf die Themen Gewalt im Namen der Ehre, insbesondere Zwangs- und Frühverheiratung, sowie weibliche Genitalverstümmelung (female genital mutilation – FGM) gelegt werden.

Sowohl die Schulungen der Lehrkräfte und SchulsozialarbeiterInnen als auch die Arbeit in verschiedenen Berliner Schulen zeigen, wie bedeutsam und notwendig Projekte wie das Gender ABC sind.

Gedenkveranstaltung für Hatun Sürücü

Gedenken an Hatun Sürücü am Gedenkstein in Berlin-Tempelhof. Foto: © TERRE DES FEMMESGedenken an Hatun Sürücü am Gedenkstein in Berlin-Tempelhof. Foto: © TERRE DES FEMMESAm 7. Februar jährt sich der Todestag von Hatun Sürücü, die am 7. Februar 2005 von ihrem eigenen Bruder erschossen wurde, zum 14. Mal. Zu diesem Anlass lädt die Bürgermeisterin des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD), zu einer Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung am Tatort in der Oberlandstraße ein.

Über 50 TeilnehmerInnen aus Politik, Projekten, Presse und der interessierten Öffentlichkeit erinnern an die mutige junge Frau. Sie wurde zu einer Symbolfigur für alle Mädchen und Frauen, die an patriarchaler Gewalt im Namen der Ehre und Unterdrückung aufgrund überholter Geschlechterrollen leiden. Vertreterinnen von TERRE DES FEMMES, darunter Vorstandsfrau Dr. Necla Kelek, machen auf die Verbreitung von „Ehren“-Morden anhand von Gedenkschildern aufmerksam. TDF veröffentlicht zudem die Ergebnisse einer Internetrecherche, wonach es 2018 deutschlandweit acht Mord(versuchs)fälle mit explizitem Ehrmotiv gab.

Schultheaterprojekt „Mein Leben. Meine Liebe. Meine Ehre“

Merjem Basar, Tobias Gerstner und Canan Kir vor den SchülerInnen der Philipp-Matthäus-Hahn Schule in Balingen. Foto: © TERRE DES FEMMESMerjem Basar, Tobias Gerstner und Canan Kir vor den SchülerInnen der Philipp-Matthäus-Hahn Schule in Balingen. Foto: © TERRE DES FEMMESDurch eine Förderung des Ministeriums für Soziales und Integration Baden-Württemberg können bis Ende 2020 erneut 20 kostenfreie Aufführungen des Stücks „Mein Leben. Meine Liebe. Meine Ehre?“ in Schulen stattfinden. Bereits 2014 und 2015 wurde das Theaterstück an 30 Schulen in Baden-Württemberg mit großem Erfolg gezeigt. Die ersten zehn Aufführungen finden im Zeitraum November 2019 bis Mitte Februar 2020 statt. Ende November startet das Projektteam mit der ersten Aufführung in der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Balingen. TDF realisiert das Theaterprojekt zusammen mit der mobilen Theaterbühne „Mensch: Theater!“ und der Beratungsstelle YASEMIN aus Stuttgart.

Bereits während des eigentlichen Stücks wird über die einzelnen Szenen zum Teil heftig diskutiert. Im Anschluss werden einzelne Fragen vertieft in Workshops mit den SchülerInnen reflektiert und besprochen - manche Gruppen spielen die Szenen nach.

„Was mir gut gefallen hat, dass es um die Ehre und den Stolz einer Frau geht“, meint z.B. eine Schülerin nach der Aufführung. „Ich finde, wir sollten weiter im Unterricht darüber sprechen, dass die Ehre einer Frau anders bewertet wird, als die eines Mannes.“

Frühehen: Bundesweite Abfrage bei zuständigen Behörden

Frühehen rauben die Kindheit und haben lebenslange negative Folgen für die Betroffenen. Foto: © gabipott/photocaseFrühehen rauben die Kindheit und haben lebenslange negative Folgen für die Betroffenen.
Foto: © gabipott/photocase
Wie im Vorjahr führt das Referat im Sommer (Juni – August) eine Umfrage durch, wie viele Eheaufhebungen es seit Inkrafttreten des „Gesetzes zur Bekämpfung von Kinderehen“ im Juli 2017 gab, und veröffentlich dazu eine Pressemitteilung. Das Ergebnis: Insgesamt wurden seit Inkrafttreten des Gesetzes im Juli 2017 813 Fälle von Ehen mit Minderjährigen gemeldet, jedoch wurde bisher nur in 10 Fällen eine Ehe aufgehoben. In den meisten Bundesländern werden keine Statistiken erhoben oder bearbeitete Fälle zentral registriert, daher ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Für viele MitarbeiterInnen von Behörden scheinen außerdem Verfahrenswege unklar zu sein, die Vorgehensweise ist sehr unterschiedlich.

TDF beginnt im November 2019 mit den Vorbereitungen eines Fachtags „Zwei Jahre Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen“, der eine erste Evaluierung des Gesetzes vornehmen sowie Fachkräften eine Austauschplattform bieten soll. Dieser Fachtag, der für den 16. März 2020 im Roten Rathaus Berlin geplant ist, wird aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden.

Eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu einer Vorlage des Bundesgerichtshofs, ob die pauschale Nichtigkeit von Eheschließungen unter 16 Jahren verfassungswidrig ist, wird 2019 nicht getroffen. Es ist damit zu rechnen, dass diese Entscheidung im ersten Halbjahr 2020 getroffen wird.

Lobby- und Pressearbeit

Der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung, in dem TDF Mitglied ist, hat im Vorfeld der Sommerferien wieder einen Infobrief an die Schulen verschickt und auf die Gefahr einer Ferienverheiratung hingewiesen. Daraufhin gibt es verstärkte Presseanfragen an TDF.

TDF-Referentin Myria Böhmecke nimmt im August als Expertin an einer Anhörung im Abgeordnetenhaus Berlin zur Prävention von Zwangsverheiratung teil und führt im Nachhinein viele Lobbygespräche dazu.

Ereignisse aus dem Jahr 2018

Projekt „STOP harmful traditional practices – Patriarchale Gewalt verhindern“

Teilnehmerinnen einer STOP-Schulung kommen zu einem Gruppenbild zusammen. Rechts: TDF-Fachreferentin Myria Böhmecke. Foto: © TERRE DES FEMMESTeilnehmerinnen einer STOP-Schulung kommen zu einem Gruppenbild zusammen. Rechts: TDF-Fachreferentin Myria Böhmecke. Foto: © TERRE DES FEMMESDas von Aktion Mensch geförderte Projekt „STOP harmful traditional practices“ ging im Juni 2018 in das dritte und letzte Jahr. In weiteren sechs Schulungen klärte TDF-Referentin Myria Böhmecke über die Hintergründe und Folgen von schädigenden Praktiken, insbesondere von weiblicher Genitalverstümmelung, Zwangs- und Frühverheiratung auf und informierte die TeilnehmerInnen über die aktuelle Gesetzeslage in Deutschland. Die Schulungen richteten sich an MitarbeiterInnen von Stadtteil- und Familienzentren sowie Beratungsstellen in Berlin. Die TDF-Fachberatungsstelle war zudem Anlaufstelle für insgesamt 336 Fallanfragen zu Gewalt im Namen der Ehre und 112 Anfragen zu weiblicher Genitalverstümmelung, wodurch sich das Projekt auch direkt an Betroffene richtete.

Die bereits 2017 erstellte Informationsbroschüre „STOP harmful traditional practices“ wurde auch 2018 stark nachgefragt und kann weiterhin kostenlos bei TERRE DES FEMMES bestellt werden.

Projekt „Gender ABC“

Kick-off Meeting des Projekts Gender ABC in Lissabon. Foto: © APFKick-off Meeting des Projekts Gender ABC in Lissabon. Foto: © APFIm September 2018 startete das neue EU-Projekt „Gender ABC“, an dem TDF mit vier Partnerländern arbeitet. Es handelt sich um ein übergreifendes Bildungsprojekt für Schulen zu den Themen Gleichberechtigung, Kinderrechte, geschlechtsspezifische Gewalt und schädigende Praktiken. Ziel ist es, SchülerInnen zu diesen Themen zu sensibilisieren, aufzuklären und ein Umdenken anzuregen. Auch stereotype Rollenbilder und Vorurteile werden in den Fokus genommen und in den Kontext von sozialen, religiösen und kulturellen Normen gesetzt. Es handelt sich dabei um eine Kooperation zwischen TERRE DES FEMMES, End FGM European Network (Belgien), Associazione Italiana Donne per lo Sviluppo (Italien), APF (Portugal) und Médicos del Mundo (Spanien). Vom 3. bis 5. Oktober 2018 fand der erste Workshop aller Projektpartnerinnen zur Auftaktplanung in Lissabon statt, an dem die TDF-Referentinnen Carolin Pranz und Myria Böhmecke teilnahmen.

Schultheaterprojekt in Hessen

Theaterszene aus „Mein Leben. Meine Liebe. Meine Ehre?“ Foto: © TERRE DES FEMMESTheaterszene aus „Mein Leben. Meine Liebe. Meine Ehre?“ Foto: © TERRE DES FEMMESEine zweite Staffel des interaktiven Schultheaterstücks „Mein Leben. Meine Liebe. Meine Ehre?“ (MLMLME) wurde von September bis Dezember 2018 an insgesamt acht Schulen in Hessen aufgeführt. Rund 480 SchülerInnen mit 54 unterschiedlichen Nationalitäten sahen das Stück und nahmen an den anschließenden Vertiefungsworkshops teil. TDF-Projektkoordinatorin Sandra Stopper führte während der SchülerInnenworkshops Informationsgespräche mit Lehrkräften und SchulsozialarbeiterInnen. Die Aufführungen wurden von TDF erneut in Kooperation mit der mobilen Theaterbühne „Mensch: Theater!“ und der Darmstädter Beratungsstelle Mäander e.V realisiert. Finanziert wurde das Projekt durch das Hessische Kultusministerium und unterstützt vom Hessischen Netzwerk gegen Gewalt.

Gedenkveranstaltungen für Hatun Sürücü und Morsal Obeidi

TDF-Referentin Monika Michell stellt die „Ehren“-Mordopfer des Jahres 2017 vor. Foto: © TERRE DES FEMMESTDF-Referentin Monika Michell stellt die „Ehren“-Mordopfer des Jahres 2017 vor. Foto: © TERRE DES FEMMESAm 7. Februar 2018 jährte sich der Todestag von Hatun Sürücü zum 13. Mal. In Gedenken an die junge Frau, die von ihrem eigenen Bruder ermordet worden war, fand an ihrem Gedenkstein am Tatort in der Oberlandstraße eine Kranzniederlegung statt. Um die 40 Personen – VertreterInnen aus Politik, Verwaltung, Projekten und NGOs sowie interessierte BürgerInnen – nahmen daran teil. Neben der Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (Tempelhof-Schöneberg) sprachen auch die Koordinatorin des Berliner Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung, Petra Koch-Knöbel, TERRE DES FEMMES-Referentin Monika Michell und ein Hero aus dem Projekt Heroes – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre.

TERRE DES FEMMES-Referentin Monika Michell erinnerte daran, dass auch 13 Jahre nach Hatun Sürücüs Tod Frauen und Männer im Namen der Ehre ermordet werden, indem sie die „Ehren“-Mordopfer des Jahres 2017 kurz vorstellte. Insgesamt zählte die Frauenrechtsorganisation 13 „Ehren“-Morde, darunter sechs „Ehren“-Mordversuche.

Am Nachmittag fand zudem eine Gedenkveranstaltung des Bezirksamts Neukölln statt, bei der zum zweiten Mal die Fahne „Selbstbestimmt leben - gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ von der Gleichstellungsbeauftragten Sylvia Edler und dem stellvertretenden Bezirksbürgermeister Falko Liecke gehisst wurde. TERRE DES FEMMES war mit einem Infotisch vor Ort.

TDF-Städtegruppe Hamburg gedenkt Morsal Obeidi an ihrem 10. Todestag am 15.05.18. Foto © Antje LangethalTDF-Städtegruppe Hamburg gedenkt Morsal Obeidi an ihrem 10. Todestag am 15.05.18. Foto © Antje LangethalAnlässlich des zehnten Todestages von Morsal Obeidi erinnerten die Frauen der TERRE DES FEMMES-Städtegruppe Hamburg an ihr Schicksal. Zwischen 16 und 18 Uhr hielten sie am Ort des Geschehens, dem Übergang der S- und U-Bahnhaltestelle Berliner Tor, eine Mahnwache. Die Frauen nutzen die zwei Stunden nicht nur, um Morsal zu gedenken, sondern auch, um die Öffentlichkeit für das Thema „Ehren“-Mord zu sensibilisieren. PressevertreterInnen von öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern waren ebenfalls anwesend.

Neue Webseite stopchildmarriage.de mit Informationen über das Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen

Neue Webseite mit Informationen über das Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen. © TERRE DES FEMMES/prussianorangeNeue Webseite mit Informationen über das Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen.Grafik: © TERRE DES FEMMES/prussianorangeEine von TDF erhobene Umfrage bei den einzelnen Bundesländern zur Wirksamkeit des Gesetzes zur Bekämpfung von Kinderehen ergab, dass bundesweit mindestens 295 Fälle von Frühehen gemeldet, mindestens 56 Anträge auf Eheaufhebung bei Gericht gestellt und bisher acht Urteile gefällt wurden. In drei von acht Urteilen wurde die Ehe aufgehoben, in fünf Urteilen wurde sie bestätigt. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen widmete sich TDF ab August 2018 einem Projekt zum Empowerment von Mädchen, das mit finanzieller Unterstützung der Werner-Coenen-Stiftung und der Stiftung Bündnis für Kinder durchgeführt wurde. Die Webseite „stopchildmarriage.de“ mit dazugehörigen Postkarten und Aufklebern ist speziell für junge Mädchen und Frauen konzipiert, die von früher Verheiratung bedroht oder betroffen sind, da es bislang zwar eine Informationsschrift für Fachkräfte, aber noch keine für die Zielgruppe gab. In verschieden Sprachen wird über die Gesetzeslage in Deutschland und Unterstützungsmöglichkeiten informiert. So sollen Betroffene alle wichtigen Informationen an die Hand bekommen, um selbst aktiv Entscheidungen über ihr Leben zu treffen. Mit Hilfe der Postkarten und Aufklebern, konnte die Webseite bekannt gemacht werden.

Steigende Zahlen durch Aufklärung

Die Zahlen der bekannt gewordenen Fälle von Gewalt im Namen der Ehre steigen kontinuierlich an – möglicherweise als Folge von Aufklärungsarbeit über Hilfsangebote und Gesetzesänderungen. Zwangs- und Frühverheiratungen sind eine extreme Form von GNE, gegen die sich TDF seit vielen Jahren einsetzt. Ein großer Erfolg war die Verabschiedung des „Gesetzes zur Bekämpfung von Kinderehen“ im Juli 2017. Das Gesetz hilft Minderjährigen, sich gegen frühe Verheiratungen, aber auch drohende Zwangsverheiratung zu wehren. Die Gefahr bleibt dennoch unverändert hoch, wie eine Umfrage des Berliner Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung ermittelte. So lag die Zahl versuchter oder erfolgter Zwangsverheiratung in Berlin im Jahr 2017 mit insgesamt 570 Fällen um 19 Prozent höher als noch bei der letzten Umfrage 2013 mit 460 Fällen. Wie viele Frauen und Männer tatsächlich von Zwangsverheiratung betroffen waren, ist nicht bekannt, die Dunkelziffer dürfte jedoch sehr viel höher sein.

 

Ereignisse aus dem Jahr 2016

Im Gedenken an Hatun Sürücü legt TERRE DES FEMMES Rosen am Gedenkstein nieder. Foto: © TERRE DES FEMMESAm 07.02.2005 wurde Hatun Sürücü mit 23 Jahren von ihrem jüngeren Bruder auf offener Straße in Berlin-Tempelhof erschossen. Am 7. Februar 2016 fand eine Gedenkveranstaltung zu dem „Ehren“-Mord am Tatort statt. Mit ihren Redebeiträgen erinnerten Berliner Politikerinnen sowie ein Vertreter der HEROES an Hatun Sürücü. Vertreterinnen von TDF und Vorstandsfrau Necla Kelek präsentierten die Namen anderer „Ehren“-Mordopfer und machten deutlich, dass Hatun Sürücü kein Einzelfall ist. Allein im Jahr 2016 zählte TDF acht polizeilich erfasste „Ehren“- Morde und sechs „Ehren“-Mordversuche.

Theaterflyer 2016Das Theaterprojekt „Mein Leben. Meine Liebe. Meine Ehre?“, das ab Oktober 2015 in Baden-Württemberg durch insgesamt 12 Schulen tourte und mit SchülerInnen Fragen zu Selbstbestimmtheit und Zwangsheirat diskutierte, wurde im Februar 2016 abgeschlossen. Im März 2016 stellte TDF die Evaluationsergebnisse in Stuttgart im Landesforum gegen Zwangsverheiratung vor. Das Projekt, das vom damaligen Integrationsministerium finanziert wurde, war eine Kooperation von TDF, der Beratungsstelle Yasemin in Stuttgart und der mobilen Theaterbühne „Mensch: Theater!“. Es wurde mit einem neu konzipierten Stück im Herbst 2016 fortgesetzt. Das Stück „Mein Weg. Mein Glück. Mein Ziel!“ fokussiert besonders auf Gewalt, die geflüchtete Mädchen und Frauen erfahren.

Im Februar 2016 erschien eine vom Europäischen Parlament veranlasste Studie zur Praxis von Zwangsheiraten in Europa. Für die vergleichende Studie "Forced marriage from a gender perspective" erstellte TDF-Referentin Monika Michell das Länderprofil zur Situation in Deutschland. Die Studie sieht – wie auch TDF - eine Verbindung von Früh- und Zwangsehen, da die Fähigkeit zur Einwilligung erst bei einer gewissen Reife vorhanden ist. Neben zivilrechtlichen Ehen, werden in der Studie auch informelle, religiöse und rituelle Verbindungen, die unter Zwang entstehen, als Zwangsehen aufgefasst. Der im Jahre 2011 in Deutschland eingeführte Straftatbestand § 237 Zwangsheirat schließt hingegen religiöse und soziale Zwangsverheiratungen bislang nicht mit ein.

Am Internationalen Mädchentag, am 11. Oktober 2015 startete TERRE DES FEMES eine Unterschriftenaktion „Frühehen stoppen – Bildung statt Heirat!“ und sammelte bis zum 2. Mai 2016 durch verschiedene Aktionen, mit Mailings und in sozialen Medien Unterschriften, um der Forderung nach Festsetzung des Mindestheiratsalters in Deutschland Nachdruck zu verleihen. Die Unterzeichnenden sprachen sich dafür aus, dass beide zukünftige Ehepartner bei ihrer Hochzeit das 18. Lebensjahr vollendet haben müssen. Im Rahmen eines Fachgespräches konnte TERRE DES FEMMES am 9. Mai 2016 dem Bundesjustizministerium insgesamt 108.811 gesammelte Unterschriften übergeben. Die Rechtsanwältin Marina Walz-Hildenbrand schilderte, warum TDF eine rechtliche Nachbesserung der Gesetze für notwendig erachtet, die beiden TERRE DES FEMMES-Referentinnen Myria Böhmecke und Monika Michell sowie Fachbereichsleiterin Maja Wegener berichteten  von notwendigen Präventions- und Aufklärungsmaßnahmen, die Gesetzesänderungen flankieren müssen.

Im September 2016 wurde daraufhin vom Justizministerium eine Bund-Länder-AG zum Thema Frühehen ins Leben gerufen, die konkrete Vorschläge zu einer Gesetzesänderung erarbeitet, die 2017 erwartet wird.

 

v.l.n.r.: Myria Böhmecke, Monika Michell (Referentinnen zu Gewalt im Namen der Ehre bei TERRE DES FEMMES), Marina Walz-Hildenbrand (Rechtsanwältin), MDn Kienemund (Abteilungsleiterin "Bürgerliches Recht"), Maja Wegener (Fachbereichsleiterin TERRE DES FEMMES), Dr. Wichard (Unterabteilungsleiter "Familienrecht"), Dr. Meyer (Referatsleiter "Familienrecht, Erbrecht"), Dr. Vollmer (Referentin von Dr. Meyer). Foto: © TERRE DES FEMMESv.l.n.r.: Myria Böhmecke, Monika Michell (Referentinnen zu Gewalt im Namen der Ehre bei TERRE DES FEMMES), Marina Walz-Hildenbrand (Rechtsanwältin), MDn Kienemund (Abteilungsleiterin "Bürgerliches Recht"), Maja Wegener (Fachbereichsleiterin TERRE DES FEMMES), Dr. Wichard (Unterabteilungsleiter "Familienrecht"), Dr. Meyer (Referatsleiter "Familienrecht, Erbrecht"), Dr. Vollmer (Referentin von Dr. Meyer). Foto: © TERRE DES FEMMES

Am 23. Juni 2016 trafen sich die TDF-Referentinnen Myria Böhmecke und Monika Michell sowie Fachbereichsleiterin Maja Wegener mit VertreterInnen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zu einem Austauschgespräch. Bei dem Treffen ging es  um die Frage, welche Maßnahmen die deutsche staatliche Entwicklungszusammenarbeit zur Umsetzung des Unterziels zur Abschaffung von Frühehen bereits umsetzt oder unternehmen wird. Das Thema  Frühverheiratung/ Zwangsheirat ist einer der Schwerpunkte im neuen Genderaktionsplan des BMZ. Zudem wird bei bilateralen Regierungsverhandlungen mit Ländern, in denen es eine hohe Zahl von Frühehen gibt, die Problematik regelmäßig angesprochen.

Am 12. Oktober 2016 waren die TDF-Referentinnen Monika Michell und Myria Böhmecke sowie Projektmitarbeiterin Mouna Smaali zu einem Informationsgespräch im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) eingeladen. Neben einem allgemeinen Austausch zum aktuellen Stand wurde vor allem die Frage erörtert, wie man die Situation für die von Frühehen Betroffenen verbessern kann.

Am 10. November 2016 konnte TDF-Referentin Monika Michell in einer öffentlichen Anhörung der CDU/CSU Fraktion im Deutschen Bundestag die Position von TDF darlegen. Zur Diskussionsveranstaltung „Schule statt Ehe – wie lassen sich Kinderehen verhindern?“ war sie dazu als Expertin eingeladen.

Im Jahr 2016 war TDF immer wieder Anlaufstelle für MedienvertreterInnen aus dem In- und Ausland, die über die Themen Zwangsheirat und Frühehen berichteten. Vor allem der Fall einer 15-Jährigen, deren Ehe vom Oberlandesgericht Bamberg als rechtmäßig anerkannt wurde, hatte viel mediale Aufmerksamkeit erregt und sorgte für zahlreiche Interviewanfragen.

Ereignisse aus dem Jahr 2017

Projekt „STOP harmful traditional practices – Patriarchale Gewalt verhindern“

TeilnehmerInnen diskutieren im Rahmen der STOP-Schulung. Foto: © TERRE DES FEMMESTeilnehmerInnen diskutieren im Rahmen der STOP-Schulung. Foto: © TERRE DES FEMMESMit dem von Aktion Mensch geförderten Projekt „STOP harmful traditional practices – Patriarchale Gewalt verhindern“ schult TERRE DES FEMMES referatsübergreifend von Juni 2016 bis Juni 2019 verschiedene Zielgruppen und klärt über die Hintergründe der harmful traditional practices (HTP, dt: Schädigende traditionelle Praktiken) auf. Unter diese Bezeichnung fallen Gewaltformen wie Zwangsheirat, Ehrverbrechen, weibliche Genitalverstümmelung (FGM), Brautraub, Polygamie, Jungfräulichkeitstests oder Säureangriffe.

Das Projekt richtet sich durch Beratung sowohl an Betroffene selbst, als auch an MitarbeiterInnen von Stadtteil- und Familienzentren sowie Beratungsstellen. Bis Ende 2017 schulte TERRE DES FEMMES-Referentin Myria Böhmecke vom Referat Gewalt im Namen der Ehre (GNE) bereits 140 MultiplikatorInnen. Im September wurde die das Projekt begleitende Broschüre „STOP harmful traditional practices“ veröffentlicht, die kostenlos bei TERRE DES FEMMES bestellt werden kann.

Gedenkveranstaltungen Hatun Sürücü

Bei der Fahnenhissung in Neukölln v.l.r. Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (SPD), Gleichstellungsbeauftragte Sylvia Edler, TDF-Referentin Myria Böhmecke. Foto: © TERRE DES FEMMESBei der Fahnenhissung in Neukölln v.l.r. Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (SPD), Gleichstellungsbeauftragte Sylvia Edler, TDF-Referentin Myria Böhmecke. Foto: © TERRE DES FEMMESAm 7. Februar jährte sich der „Ehren“-Mord an Hatun Sürücü zum zwölften Mal. 2005 wurde sie von ihrem eigenen Bruder erschossen, weil sie sich aus ihrer Zwangsehe befreit hatte. Sie steht stellvertretend für die vielen Mädchen und Frauen, deren Leben durch traditionsbedingte Gewalt beengt oder beendet wurde. 2017 erinnerten erstmals zwei Veranstaltungen an Hatun Sürücü. Bei der alljährlichen Kranzniederlegung am Tatort in der Oberlandstraße in Berlin-Tempelhof verlas TERRE DES FEMMES die Namen von 14 Frauen, die im Jahr 2016 einem „Ehren“-Mord Angriff zum Opfer gefallen oder ausgesetzt waren. Die Neuköllner Gleichstellungsbeauftragte Sylvia Edler und die Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (SPD) hissten eine Fahne auf dem Rathausplatz.

Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen in Kraft getreten

TERRE DES FEMMES hatte sich seit 2015 im Rahmen des zweijährigen Schwerpunktes „STOP Frühehen!“ vor allem für ein Mindestheiratsalter von 18 Jahren eingesetzt und dem Bundesjustizministerium im Mai 2016 108.811 gesammelte Unterschriften übergeben. Vor Beschlussfassung des Gesetzes zur Bekämpfung von Kinderehen gehörte TERRE DES FEMMES am 17. Mai 2017 zu den acht Sachverständigen, die in einer öffentlichen Anhörung des Rechtsausschusses Stellung nahmen.

Am 22. Juli  ist das Gesetz, das Frühehen verhindern bzw. Betroffene besser schützen soll, in Kraft getreten. Kernpunkt ist zum einen die Festlegung des Mindestheiratsalters in Deutschland auf 18 Jahre. Zum anderen werden Ehen, die im Ausland von Minderjährigen geschlossen werden, zukünftig in Deutschland nicht mehr anerkannt bzw. aufgehoben, und Jugendämter müssen minderjährig Verheiratete (vorläufig) in Obhut nehmen. Die Entscheidung, ob der Kontakt zum „Ehepartner“ zum Wohl der Minderjährigen ist, wird weiter im Einzelfall getroffen.

Um das Gesetz bei Ämtern sowie auch bei Betroffenen und ihrem Umfeld bekannt zu machen, hat TERRE DES FEMMES eine Informationsschrift zusammengestellt. Für eine schnelle Kurzinformation gibt es zusätzlich auch eine komprimierte Zusammenfassung über die Neuregelungen. Beides kann im PDF-Format auf der TERRE DES FEMMES-Homepage heruntergeladen werden und wird von TERRE DES FEMMES seit Herbst 2017 an zuständige Stellen und alle Interessierte verteilt und versandt.

Die TERRE DES FEMMES-Mitarbeiterinnen stoßen auf die Durchsetzung des Gesetzes zur Bekämpfung von Kinderehen an. Foto: © TERRE DES FEMMESDie TERRE DES FEMMES-Mitarbeiterinnen stoßen auf die Durchsetzung des Gesetzes zur Bekämpfung von Kinderehen an. Foto: © TERRE DES FEMMES

Interaktive Theaterstücke zum Thema Gewalt im Namen der Ehre

Von Juni bis September 2017 wurde unser Schultheaterstück „Mein Leben. Meine Liebe. Meine Ehre?“ (MLMLME) erstmalig auch an Schulen in Hessen aufgeführt. Mehr als 700 SchülerInnen, die sich 62 verschiedenen Nationalitäten angehörig fühlen, sahen das Stück. MLMLME ist ein interaktives Theaterstück zur Prävention von GNE und Zwangsheirat. Die Aufführungen in Hessen wurden in Kooperation mit der Darmstädter Beratungsstelle Mäander e.V realisiert. Finanziert wurde das Projekt durch das Hessische Kultusministerium sowie das Hessische Ministerium des Innern und für Sport (Netzwerk gegen Gewalt). Bei der Theateraufführung an der August-Bebel-Schule in Offenbach machte sich der hessische Kultusminister Prof. Dr. Lorz selbst ein Bild von der Inszenierung.

Zwischen Oktober 2017 und Februar 2018 wurde das Theaterstück „Mein Weg, Mein Glück, Mein Ziel! Der Start in (m)ein neues Leben“, welches sich mit der Thematik Gewalt im Kontext von Flucht beschäftigt, erfolgreich an zehn verschiedenen Schulen in Baden-Württemberg gezeigt. Gesehen wurde das Stück von über 500 SchülerInnen. Dreiundfünfzig Nationalitäten waren bei den Vorstellungen vertreten. Das Theaterstück wurde von TERRE DES FEMMES teilfinanziert und vom Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg gefördert.

Beide Stücke wurden von TERRE DES FEMMRES in Zusammenarbeit mit der mobilen Theaterbühne „Mensch: Theater!“, der Beratungsstelle Yasemin und eines Mädchenbeirates aus ehemals Betroffenen von GNE entwickelt.

Sowohl in Hessen, als auch in Baden-Württemberg wurden während der Aufführung der einzelnen Szenen Moderationspausen eingelegt in denen die SchülerInnen das Gesehene reflektieren und diskutieren konnten. Auch der Ausgang der Szenen stand nicht fest, denn die SchülerInnen konnten den Verlauf des Stücks aktiv beeinflussen. Gemeinsam mit den SchauspielerInnen suchten sie Lösungsansätze und konnten ihre Ideen sogar selbst auf der Bühne ausprobieren. In den an die Stücke anknüpfenden Workshops hatten die SchülerInnen in Kleingruppen die Möglichkeit, über die Themen ausführlicher zu diskutieren und erhielten Informationen zu Unterstützungs- und Beratungsmöglichkeiten.

Informationsbroschüre zum Thema Jungfernhäutchen

Der Flyer zum Thema „Das Jungfernhäutchen – Fakten und falsche Vorstellungen“. Bild: © TERRE DES FEMMESDer Flyer zum Thema „Das Jungfernhäutchen – Fakten und falsche Vorstellungen“. Bild: © TERRE DES FEMMESDie informative Broschüre und der jugendgerecht aufgemachte Flyer zum Thema „Das Jungfernhäutchen – Fakten und falsche Vorstellungen“ wurden überarbeitet und neu aufgelegt und können im TDF-Shop bestellt werden.

Ereignisse aus dem Jahr 2015

Am 7. Februar 2015 jährte sich der „Ehren“-Mord an Hatun Sürücü zum zehnten Mal. Hatun Sürücü war 2005 mit nur 23 Jahren von ihrem jüngeren Bruder auf offener Straße in Berlin-Tempelhof erschossen worden. Sie wollte ein freies und selbstbestimmtes Leben führen und hat damit bewusst gegen die strengen Regeln und tradierten Ehrvorstellungen ihrer Familie verstoßen. Durch den Mord wollte der Täter die Ehre der Familie retten.

Anlässlich des 10. Todestages organisierte der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung, dem auch TERRE DES FEMMES angehört, am Vortag des Gedenktages die Veranstaltung „NEIN zu Gewalt im Namen der Ehre“. Im Rathaus Schöneberg wurde auf die Aktualität von „Ehren“-Morden aufmerksam gemacht, indem u.a. Betroffene von sich und ihrem Kampf um ein selbstbestimmtes Leben berichteten. Daneben wurden die Zahlen der aktuellen berlinweiten Befragung (PDF-Datei) zu Zwangsverheiratungen präsentiert.

TERRE DES FEMMES-Referentin Monika Michell bei ihrer Rede. Foto: © TERRE DES FEMMES TERRE DES FEMMES-Referentin Monika Michell bei ihrer Rede.
Foto: © TERRE DES FEMMES
Wie bereits in den zehn Jahren zuvor, nahmen wir auch diese Jahr an der Kundgebung am eigentlichen Todestag Hatun Sürücüs, dem 7. Februar, in der Nähe des Tatortes in Berlin-Tempelhof teil und legten Blumen am Gedenkstein nieder. Gemeinsam gedachten über 100 Menschen an die Ermordung der jungen Frau. Neben der Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler und der Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, Dilek Kolat, hielt auch TERRE DES FEMMES-Referentin Monika Michell für den Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung eine kurze Ansprache.

Der 7. Februar bleibt auch weiterhin ein wichtiger Aktionstag für TERRE DES FEMMES. Wir werden die Erinnerung an das Schicksal von Frauen, die Opfer von Ehrverbrechen wurden, wach halten, auf die Aktualität des Themas hinweisen und eine Verbesserung des Schutzes der Mädchen und jungen Frauen einfordern. Diese Brisanz wurde auch durch die traurige Tatsache deutlich, dass einige Tage vor der Gedenkveranstaltung die Deutsche mit pakistanischen Eltern, Lareeb K., im Namen der Ehre von ihrem Vater erwürgt worden war.

Im Rahmen unseres zweijährigen Schwerpunktes „STOP Frühehen!“ im Bereich Gewalt im Namen der Ehre, fanden 2015 mehrere Veranstaltungen und Projekte statt. Bei der restlos ausverkauften Vorführung des Films „Difret“ (dt. „Das Mädchen Hirut“) in Kooperation mit der Berlin Feminist Film Week machten die Praktikantinnen von TERRE DES FEMMES mit einem Infotisch, Bewirtung und einer Fotoaktion in der Brotfabrik am 11.März 2015 tatkräftig und öffentlichkeitswirksam auf die Themen Gewalt im Namen der Ehre und Frühehen aufmerksam.

Im Anschluss an den Film hielt Monika Michell, Referentin für Gewalt im Namen der Ehre, einen Input über die weltweite Situation im Hinblick auf Zwangsheirat und Frühehen sowie zur Arbeit von TERRE DES FEMMES. Danach wurde ausgiebig mit dem Publikum diskutiert.

„Difret“ erzählt eindringlich die wahre Geschichte der 14-jährigen Hirut aus Äthiopien und ihrer engagierten Anwältin Meaza Ashenafi, die sich gegen Zwangsheirat und für die Rechte von Mädchen und Frauen stark machte und damit einen gewichtigen Wandel in ihrem Land anstieß. Der Film gewann zahlreiche Publikumspreise und Ashenafi wurde 2005 für den Friedensnobelpreis nominiert. Die Vorführung am 11. März war deshalb der perfekte Anlass, das TERRE DES FEMMES-Schwerpunktthema Frühehen mit einer engagierten Aktion der Praktikantinnen auch für eine junge Zielgruppe sichtbar zu machen.

Die Teilnehmerinnen der Podiumsdiskussion (v.l.n.r.): Prof. Dr. Godula Kosack, Dr. Necla Kelek, Sharon Adler (Moderatorin), Myria Böhmecke (Referentin TERRE DES FEMMES). Foto: © TERRE DES FEMMES e.V.Die Teilnehmerinnen der Podiumsdiskussion (v.l.n.r.): Prof. Dr. Godula Kosack, Dr. Necla Kelek, Sharon Adler (Moderatorin), Myria Böhmecke (Referentin TERRE DES FEMMES).
Foto: © TERRE DES FEMMES e.V.
Am 29. Mai veranstaltete TERRE DES FEMMES eine Podiumsdiskussion zum Thema Frühehen unter der Moderation von Sharon Adler. Auf dem Podium diskutierten neben der TERRE DES FEMMES-Referentin Myria Böhmecke Prof. Dr. Godula Kosack, Koordinatorin des von TERRE DES FEMMES unterstützten Projekts „Selbstbestimmung durch Bildung“ (AFFMHL) in Nordkamerun, Dr. Necla Kelek, Koordinatorin des von TERRE DES FEMMES unterstützten Projekts „YAKA-KOOP“ in der Osttürkei, und eine Mitarbeiterin der anonymen Kriseneinrichtung Papatya.

Inhaltlich wurde auf die erschreckende Situation weltweit mit nach UN-Schätzungen täglich mehr als 39 000 Verheiratungen minderjähriger Mädchen eingegangen. Im Speziellen wurde die Situation in Deutschland, der Türkei und Kamerun thematisiert sowie die Arbeit von TERRE DES FEMMES in Kontext gesetzt. Die geäußerten Schicksale betroffener Mädchen zeigen, wie zentral das Thema Frühehen im Einsatz für Frauenrechte ist.

Ein zentrales Mittel unserer Lobbyarbeit zur weltweiten Abschaffung von Frühehen war der Start der Unterschriftenaktion im Oktober 2015. Bis Ende April 2016 wird die Öffentlichkeit mobilisiert, die Petition zu unterschreiben und damit unseren Forderungen nach der ausnahmslosen Durchsetzung des Mindestheiratsalters von 18 Jahren in Deutschland und dem Einsatz der Bundesregierung für die Abschaffung von Frühehen weltweit Nachdruck zu verleihen. Zahlreiche Unterschriften sind bereits eingegangen und wir hoffen, dass bis zur Übergabe an Bundesjustizminister Maas noch viele mehr hinzukommen.

Foto: © Uwe SteinertFoto: © Uwe SteinertDen internationalen Gedenktag „NEIN zu Gewalt an Frauen“ am 25. November nutzte TERRE DES FEMMES um mit einer spektakulären Aktion vor dem Brandenburger Tor auf die Problematik von Frühehen aufmerksam zu machen und für Unterschriften zu werben. Inszeniert wurde eine Hochzeitszeremonie mit einer 10-jährigen Braut, die die Situation von 15 Millionen Mädchen weltweit symbolisieren soll, die jährlich vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet werden. Die Aktion rief große Betroffenheit bei den ZuschauerInnen hervor und wurde durch einen hohen Presseandrang sowie zahlreiche UnterstützerInnen aus der Politik begleitet.

Von Juli 2014 bis Februar 2016 fanden insgesamt 30 Aufführungen des interaktiven Theaterprojektes „Mein Leben. Meine Liebe. Meine Ehre?“, in Schulen in Baden-Württemberg statt. Aufgrund der Verlängerung des Projektes war es möglich, ein größeres Publikum mit dem Theaterstück über Themen wie Zwangsverheiratung, Homosexualität und Jungfräulichkeit zu erreichen und mit SchülerInnen diese wichtigen Themen zu diskutieren.

Einige Szenen aus dem Theaterstück wurden am 6. März 2015 auf einem Symposium anlässlich des Weltfrauentages im Schloss Bellevue aufgeführt. Bundespräsident Gauck lobte die Arbeit mit den Jugendlichen und bedankte sich für das Engagement.

v.l.n.r.: vorne 1. von links: Gabriele Rohmann (Beiratsmitglied Bündnis für Demokratie und Toleranz (BfDT), vorne 4. von links: Sandra Stopper (TDF), hinten 3. von links: Tobias Gerstner (Mensch: Theater!). Foto: © Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT).v.l.n.r.: vorne 1. von links: Gabriele Rohmann (Beiratsmitglied Bündnis für Demokratie und Toleranz (BfDT), vorne 4. von links: Sandra Stopper (TDF), hinten 3. von links: Tobias Gerstner (Mensch: Theater!).
Foto: © Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT).
Außerdem wurde das Schultheaterprojekt vom Bündnis für Demokratie und Toleranz am 25. Juni 2015 in Potsdam mit dem Preis „Aktiv für Demokratie und Toleranz 2014“ ausgezeichnet.  

Das Theaterprojekt ist eine Kooperation von TERRE DES FEMMES mit der Beratungsstelle YASEMIN in Stuttgart und der mobilen Theaterbühne „Mensch: Theater!“. Es wurde aus Mitteln des Europäischen Integrationsfonds und des Ministeriums für Integration Baden-Württemberg ko-finanziert.

Auch 2015 konnte TERRE DES FEMMES einige Fortschritte in der Lobbyarbeit verbuchen.

Eine wichtige Gesetzesänderung, die wir anstreben, ist die Ergänzung um „eheähnliche Verbindungen“ von § 237 StGB, der Zwangsheirat unter Strafe stellt. Wir fordern, dass neben erzwungenen standesamtlichen Eheschließungen auch erzwungene religiöse und soziale Eheschließungen strafrechtlich verfolgt werden. 2015 wurde unsere Forderung in zwei FachministerInnenkonferenzen thematisiert. Zum einen beschäftigte sich die Konferenz der GleichstellungsministerInnen bei ihrer Sitzung im Juli mit der Forderung und beschloss, die Bundesregierung um die Prüfung einer möglichen Änderung von § 237 StGB zu bitten.

Außerdem traf die JustizministerInnenkonferenz im Juni 2015 den Beschluss, den Strafrechtsausschuss mit dem Thema zu befassen.

Endlich ist der Prozess für eine Gesetzesänderung angestoßen worden. Wir werden die Sitzungen der beiden Gremien weiter begleiten und beobachten.

Auch in Bezug auf das Thema Zwangsheirat in der EU gab es Fortschritte. Bisher fehlte eine Erhebung zu Anzahl und Ausmaß von Frühehen und Zwangsheirat in Europa. 2015 wurde nun im Auftrag des Europäischen Parlaments eine Studie mit dem Titel „Study on forced marriages from a gender perspective“ (PDF-Datei) erstellt und im Februar 2016 veröffentlicht.

Im Rahmen dieser Studie wurden 28 Länderprofile verfasst, die das Vorhandensein von Gesetzen zu Zwangsheirat und Frühehen sowie ihre Implementierung in den untersuchten Ländern analysieren. TERRE DES FEMMES hat das Länderprofil zu Deutschland beigetragen.

 

Stand: 03/2016