Chronik unserer Arbeit und Erfolge

Ereignisse aus dem Jahr 2018

Die neue, von TERRE DES FEMMES 2018 gestartete, Mädchenschutzkampagne „Jetzt Mädchen stärken! #esistnichtallesrosarot“ ist ein referatsübergreifender zweijähriger Themenschwerpunkt, der den Schutz und die Freiheitsrechte von Mädchen in den Fokus der Arbeit von TDF stellt. Mädchen leiden nach wie vor unter Geschlechterdiskriminierung und sind u.a. besonders von sexualisierter Gewalt, sexueller Ausbeutung, Frühehen und Genitalverstümmelung betroffen. Laut einer Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte gaben 35 % Prozent der Mädchen unter 15 Jahren an, bereits physische, psychische oder sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Die Auftaktveranstaltung der Mädchenschutzkampagne fand am 22. November 2018 anlässlich des Internationalen Tags „NEIN zu Gewalt an Frauen“ am Berliner Brandenburger Tor statt.

Um Kinder und Jugendliche besser zu schützen, fordert TDF bundesweit die verpflichtende Einführung von U-Untersuchungen (Vorsorgeuntersuchungen) bis zum 18. Lebensjahr. Die regelmäßige Teilnahme an ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ist ein wichtiger Baustein, um ein gesundes und gewaltfreies Heranwachsen von Kindern und Jugendlichen zu gewährleisten. Fälle der Kindeswohlgefährdung bei Vernachlässigung, Misshandlung, sexuellem Missbrauch und weiblicher Genitalverstümmelung können so frühzeitig erkannt bzw. verhindert werden. Mit der Petition „U-UNTERSUCHUNGEN – UNBEDINGT PFLICHT!“ sammelt TDF innerhalb der Kampagne Unterschriften, die im Herbst 2019 an das Bundesministerium für Gesundheit übergeben werden sollen. Die TDF-Botschafterin Wanda Perdelwitz ist, gemeinsam mit Rainer Becker (Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe), ErstunterzeichnerIn der Petition.

TDF fordert, dass allen gewaltbetroffenen Frauen adäquate Hilfe und Unterstützung zur Verfügung steht, unabhängig von ihrem Wohnort, Gesundheitszustand, der Herkunft oder dem Aufenthalts -titel. Nötig ist ein neues Gesamtkonzept zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen, das konkrete Maß nahmen vorsieht und mit einem umfassenden Budget ausgestattet ist.

Ereignisse aus dem Jahr 2017

Zusammen mit der Werbeagentur DDB führte TDF am Internationalen Frauentag 2017 die Aktion #Changethispicture durch. Um darauf aufmerksam zu machen, dass jede vierte Frau schon häusliche Gewalt erlebt hat, wurde am Berliner Alexanderplatz ein Fotoautomat so programmiert, dass die Abgebildeten auf einem der vier Streifenfotos Zeichen von körperlicher Gewalt aufwiesen. Das von TDF und DDB veröffentlichte Video dieser Aktion war ein voller Erfolg: es wurde in 18 Ländern darüber berichtet und löste eine Debatte über Gewalt an Frauen aus. Dutzende von Frauenorganisationen teilten die Botschaft, das Schweigen zu brechen. Innerhalb von nur zwei Wochen wurden so 21 Millionen Kontakte in Deutschland und weltweit erreicht.  Die Besuche der TDF-Facebook-Seite stiegen über 2.000% an, die Social-Media-Aktivitäten um 1.700 % und die Besuche auf der Homepage um 50 %. Durch das Engagement von sogenannten „Influencern“ auf Instagram wurde zudem eine besonders junge Zielgruppe erreicht – mit dem erfreulichen Ergebnis, dass das Model Elena Carrière nicht nur die Kampagne unterstützte, sondern inzwischen auch Jugend-Botschafterin von TDF geworden ist.

Mit dem Aufkommen der #metoo Debatte, in der Frauenöffentlich von Übergriffen berichteten, wurde das Ausmaßsexualisierter Gewalt erstmals deutlich sichtbar. ERREDES FEMMES war daraufhin Anlaufstelle verschiedener Medien, um zu diesem Thema Stellung zu nehmen. Referentin Birte Rohles gab mehrere Zeitungs-, Radio- und Fernseh-Interviews zu dem Thema, unter anderem für RTL Aktuell, Stern, Neues Deutschland und die Märkische Oder -zeitung. Ein Jahr nach der wichtigen Reform des Sexualstrafrechts in Deutschland, die TDF mit vorangetrieben hatte und die jede sexuelle Handlung, die gegen den er -kennbaren Willen einer Person ausgeübt wird, unter Strafe stellt, trug die #metoo Debatte weiter dazu bei, das Bewusstsein gegenüber alltäglichem Sexismus in der Öffentlichkeit zu schärfen.

Außerdem begrüßt TERRE DES FEMMES, dass die Bundesregierung im Juni 2017 die Ratifizierung der bereits 2011 im Europarat unterzeichneten Istanbul Konvention beschlossen hat. Damit sollen auf europäischer Ebene einheitliche Schutz -standards bei Prävention, Opferschutz, der Strafverfolgung und grenzüberschreitender Zusammenarbeit geschaffen werden, um Gewalt gegen Frauen und Häusliche Gewalt zu verhindern. In einer ausführlichen Stellungnahme reagierte TDF auf die Ratifizierung des Gesetzes und machte deutlich, dass zur tatsächlichen Umsetzung der Konvention in mehreren Bereichen enormer Handlungsbedarf besteht. Das bundesweite Hilfesystem ist unzureichend.

Ereignisse aus dem Jahr 2014

Sexualisierte Gewalt

Sexualisierte Gewalt kann verschiedenste Formen annehmen, die Vergewaltigung ist eine besonders schwere von ihnen. Weil sich Betroffene immer noch viel zu häufig davor fürchten  Anzeige zu erstatten, sei es aufgrund der Angst davor, sozial gebrandmarkt zu sein oder aber weil die Schilderung des Erlebten zu belastend ist, geht man von einer enorm hohen Dunkelziffer aus. Zwischen 7.000 und 8.000 Vergewaltigungen werden in Deutschland jährlich zur Anzeige gebracht – die Dunkelziffer liegt jedoch bei etwa 160.000. Und noch ein weiterer Faktor hält Betroffene davon ab, Anzeige zu erstatten: Die Verurteilungsquote in Deutschland liegt derzeit bei lediglich etwa 13 Prozent. Mit Blick auf die Dunkelziffer bedeutet dies, dass weniger als 1 Prozent der Täter bei einer Vergewaltigung bestraft werden.

Am 25. November 2013 haben wir darum die Unterschriftenaktion „Vergewaltigung – Schluss mit Straflosigkeit!“ gestartet, die bis Ende April 2014 lief. Knapp 29.000 Menschen haben unterschrieben und unterstützen unsere Forderungen nach einer Reform des Sexualstrafrechts und einem gesetzlichen Anspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung für Betroffene. Auch der Deutschen Juristinnenbund und das Deutsche Institut für Menschenrechte schlossen sich unseren Forderungen an und sehen Handlungsbedarf.

Zwar hat Deutschland diverse internationale Übereinkommen zum Schutz von Frauenrechten unterzeichnet, kommt diesen jedoch schlicht nicht nach. Das herrschende deutsche Sexualstrafrecht ist immer noch rückständig und reformbedürftig. In seiner aktuellen Form weist das Gesetz Schutzlücken auf und steht im Widerspruch zu internationalen Menschenrechtskonventionen und der UN-Frauenrechtskonvention CEDAW. Wir haben daher Justizminister Heiko Maas dazu aufgefordert, bei der bereits angekündigten Sexualstrafrechtsreform die internationalen Abkommen endlich umzusetzen. 

Am 7. Mai 2014 übergaben die damalige TDF-Vorsitzende Irmingard Schewe-Gerigk und TDF-Referentin Birte Rohles die Unterschriftenliste an das Justizministerium. Anschließend erörterten sie unsere Forderungen in einem Gespräch mit dem parlamentarischen Staatssekretär Christian Lange.

Um unseren Forderungen noch mehr Nachdruck zu verleihen, organisierte TDF gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem bundesweiten Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V. (KOK) am 8. Oktober die Fachkonferenz Fokus Frauenrechte: Welche Konsequenzen haben die EU-Richtlinie gegen Menschenhandel und die Europaratskonvention von Istanbul?". Gemeinsam erarbeiteten die Teilnehmenden wesentlichen Punkte der Rechtsdokumente und deren Folgen für das deutsche Recht. Im Rahmen der Konferenz haben wir die Schwerpunktthemen Opferrechte und Opferschutz sowie das Sexualstrafrecht mit VertreterInnen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft sowie Zivilgesellschaft diskutiert.

In immer mehr Bundesländern besteht mittlerweile die Möglichkeit zur anonymen Spurensicherung (ASS). Nach einer Vergewaltigung können so Spuren gerichtsfest gesichert werden, ohne dass eine Anzeige bei der Polizei vorliegen muss. Damit Betroffene herausfinden können, wo die anonyme Spurensicherung angeboten wird, hat TDF eine Karte erstellt, die über unsere Homepage aufgerufen werden kann. Deutschlandweit werden hier Anlaufstellen für die anonyme Spurensicherung angezeigt. Lediglich Berlin und Thüringen bieten das Verfahren noch nicht an. Da viele Strafverfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt werden, ist die anzeigenunabhängige Spurensicherung ein wichtiges Mittel, um Spuren zu sichern, den Betroffenen aber trotz allem ausreichend Bedenkzeit einzuräumen, bevor sie sich für eine Anzeige entscheiden.

Häusliche Gewalt

Eine neue Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte  (FRA) zu Häuslicher, körperlicher, sexueller sowie psychischer Gewalt hat gezeigt, wie erschreckend weit verbreitet Gewalt gegen Frauen in Europa ist. Jede dritte der befragten Frauen gab an, seit ihrem 15. Lebensjahr schon einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren zu haben. Aufgrund der darauf folgenden hohen Resonanz in den Medien hat TDF nach der Veröffentlichung der Studie mehrere Interviews gegeben und sich dafür eingesetzt, dass Häusliche Gewalt nicht weiter als Tabuthema behandelt wird. Denn über Aufklärungsarbeit kann Betroffenen die Scheu davor genommen werden, sich an Beratungsstellen zu wenden und Hilfe zu suchen.

Eine weitere Aktion im Rahmen unserer Aufklärungsarbeit ist die Filmkooperation „Die Frau des Polizisten“, die ab März 2014 in den deutschen Kinos zu sehen war. Der deutsche Spielfilm von Regisseur Philip Gröning thematisiert häusliche Gewalt und wurde bereits bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Er zeigt die Zerbrechlichkeit von idyllischen Familienbildern und die gefährliche Dynamik von Abhängigkeit, Intimität und Gewalt in der Beziehung eines jungen Paares.

Auch Jugendliche sind bereits früh von Beziehungsgewalt betroffen. Um bei ihnen ein Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen, hat TDF auch 2014 ein Präventionsprojekt im Berliner Wedding weitergeführt, das wir bereits Anfang 2013 begonnen haben. Ziel ist es, Jugendliche über verschiedene Erscheinungsformen von Gewalt aufzuklären. Nicht nur eine Studie der Fachhochschule Fulda, sondern auch unsere eigenen Erfahrungen im Rahmen des Projektes zeigen, dass schon junge Menschen Gewalt und psychischem Zwang in Beziehungen ausgesetzt sind.

Im Februar und März haben die teilnehmenden Jugendlichen im Zuge des Projektes an Comic-Workshops teilgenommen, in denen sie Zeichnen gelernt haben und gemeinsam mit professionellen Comic-ZeichnerInnen und BeraterInnen an Perspektiven für gewaltfreie Beziehungsstrukturen arbeiten konnten.

ArbeitgeberInnen bleiben die massiven physischen und psychischen Belastungen, die Häusliche Gewalt hervorrufen kann oftmals nicht verborgen. Höhere Fehlzeiten und geringere Arbeitsleistung, aber auch unerwünschte Anrufe, E-Mails oder Besuche des Täters am Arbeitsplatz können Zeichen für Häusliche Gewalt sein. TDF setzt sich seit mehreren Jahren im Rahmen der Workplace Policy dafür ein, dass ArbeitgeberInnen lernen, diese Zeichen zu deuten und aktiv in die Bekämpfung von Häuslicher Gewalt eingebunden werden.

Dafür engagiert sich TDF in dem Deutschen Global Compact Netzwerk, einem Zusammenschluss von Unternehmen, die sich zur Einhaltung bestimmter Prinzipien zur verantwortungsvollen Unternehmensführung verpflichtet haben. TDF hat im Zuge dessen dieses Jahr in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk die Broschüre „Menschenrechte fördern, Unternehmen stärken“ veröffentlicht.

Auf internationaler Ebene ist TDF zudem Mitglied in dem Netzwerk DV@WorkNet, das sich im Herbst 2014 in Toronto, Kanada, getroffen hat. Ziel ist es, einen Austausch zwischen relevanten Akteuren aus dem Bereich „Häusliche Gewalt am Arbeitsplatz“ zu ermöglichen, sei es über Erfahrungen, erarbeitetes Wissen, Methoden oder aber entwickelte Maßnahmen, um dem Problem effektiv entgegenzuwirken.

Sexistische Werbung

Pünktlich zum Internationalen Tag „NEIN zu Gewalt an Frauen“ am 25. November hat TDF zum ersten Mal den „Zornigen Kaktus“ für besonders sexistische Werbung verliehen. Aus etwa 200 eingereichten Vorschlägen hat die Jury (bestehend aus Stevie Schmiedel/Pinkstinks, Stefanie Lohaus/Missy Magazin und Jasna Strick/#aufschrei) vier Vorschläge ausgewählt, über die abgestimmt werden konnte. „Gewinner“ war der Sportverein Füchse Berlin.

Leider werden in der Werbeindustrie immer noch viel zu häufig Geschlechterklischees und Rollenbilder genutzt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Alltäglich ist der Anblick von leicht bekleideten Frauen, die Werbung machen für Produkte, bei denen ein inhaltlicher Zusammenhang nicht einmal im Entferntesten zu erkennen ist. Nach einer Demonstration gegen sexistische Werbung im Jahr 2013, bei der TDF-Referentin Birte Rohles bereits deutlich die Zusammenhänge zwischen frauenfeindlicher Werbung und Gewalt an Frauen aufgezeigt hat, macht TDF mit dem „Zornigen Kaktus“ weiterhin auf Missstände aufmerksam und setzt sich dafür ein, dass Rollenklischees und stereotypisierte Körperschönheitsideale aus der Werbung verbannt werden.

Ereignisse aus dem Jahr 2016

Sexualisierte Gewalt

Im Sommer 2016 verabschiedete der Deutsche Bundestag die Reform des Sexualstrafrechts und setzt damit erstmalig konsequent das sexuelle Selbstbestimmungsrecht im Strafrecht um. Im Zentrum der Reform steht der § 177 StGB und die von TDF lang umkämpfte „Nein heißt Nein!“-Lösung. Strafbar macht sich nun nicht mehr nur, wer sexuelle Handlungen mit Gewalt oder Gewaltandrohung erzwingt, sondern wer sich über den erkennbaren Willen einer Person hinwegsetzt. Bereits 2013 hat TDF mit einer Unterschriftenaktion eine Reform des deutschen Sexualstrafrechts gefordert. Sie legte den Grundstein für das Bündnis „Nein heißt Nein!“, das sich mit Aktionen und Protesten immer wieder hartnäckig für einen Paradigmenwechsel im Strafrecht einsetzte. Die Reform ist der größte Lobby-Erfolg in der Geschichte von TERRE DES FEMMES.

Die Reform stellte auch eine Reaktion auf die sexualisierte Gewalt dar, von der Frauen in verschiedenen deutschen Städten an Silvester betroffen waren. TDF gab im Januar 2016 zahlreiche Interviews für Reportagen und Hintergrundberichte zu dem Thema und veröffentlichte ein Statement zu den Geschehnissen, in dem jegliche Form von Gewalt klar verurteilt, ein Generalverdacht gegenüber MigrantInnen jedoch klar abgelehnt wurde.

Häusliche Gewalt

TDF setzt sich seit Jahren unermüdlich dafür ein, dass Häusliche Gewalt nicht länger tabuisiert und als Privatsache angesehen, sondern öffentlich diskutiert wird, um unsere Gesellschaft für die Problematik zu sensibilisieren und Betroffenen Auswege aufzuzeigen.

Jedes Jahr am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, lenkt TDF mit spektakulären Aktionen den Blick der Öffentlichkeit auf Missstände bei der Einhaltung der Menschenrechte von Frauen und Mädchen. Unter dem Slogan „Tür auf! Schutzräume für alle gewaltbetroffenen Frauen!“ hat TDF dieses Jahr eine Aktion gestartet, die mit einem Straßentheater auf die mangelnde finanzielle Absicherung und Ausstattung von Frauenhäusern und Beratungsstellen aufmerksam gemacht hat. Allein im Jahr 2011 mussten laut Bericht der Bundesregierung 9000 Frauen von Frauenhäusern abgewiesen werden, sei es aufgrund von Platzmangel, weil die Finanzierung nicht gesichert war oder es keinen barrierefreien Zugang gab. Von der vorgegebenen Quote der Istanbul-Konvention, ein Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, laut derer ein pro 10.000 EinwohnerInnen eines Staates für 1 Familie Platz sein sollte, ist Deutschland leider noch weit entfernt.

Bereits seit 2007 setzt sich TDF im Bereich Häusliche Gewalt für die Umsetzung des Konzepts der Workplace Policy ein. Unternehmen und Verwaltungen werden im Rahmen des Projektes für das Thema Häusliche Gewalt sensibilisiert, um Betroffenen Schutz und Unterstützung anbieten zu können. Bei der CARVE-Tagung (Companies Against Gender Violence) konnte TDF-Referentin Birte Rohles diese Erfahrung einbringen. Die Konferenz zum Thema „Gewalt am Arbeitsplatz“, die im Juni 2016 in Brüssel stattfand, ermöglichte VertreterInnen von Unternehmen, Gewerkschaften, aus der Wissenschaft und NGOs über das Thema zu diskutieren. Wir waren froh, mit den Ergebnissen unserer langjährigen Arbeit Möglichkeiten aufzeigen zu können, wie ArbeitgeberInnnen Betroffene von Häuslicher Gewalt unterstützen können.

Auch zu der Konferenz des WAVE (Women Against Violence in Europe) Netzwerks in Berlin hat TDF einen Beitrag geleistet. TDF-Referentin Birte Rohles hat im Rahmen der Veranstaltung einen Vortrag gehalten und tauschte sich gemeinsam mit 400 TeilnehmerInnen aus 52 Ländern über das Thema Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen aus. Besonderer Fokus lag auf der Umsetzung der Istanbul-Konvention, die Deutschland zwar unterschrieben, jedoch immer noch nicht ratifiziert hat. 

Ereignisse aus dem Jahr 2015

Sexualisierte Gewalt

Mit knapp 29.000 Unterstützern hat TDF letztes Jahr im Rahmen einer Unterschriftenaktion deutlich gezeigt, wie notwendig eine Reform des Sexualstrafrechts ist. Nachdem die Unterschriften Bundesjustizminister Heiko Maas mit der Aufforderung übergeben wurden, eine grundlegende Reform des Sexualstrafrechts vorzunehmen und endlich die Internationalen Abkommen, die Deutschland unterzeichnet hat, umzusetzen, hat das Bundesjustizministerium Ende 2015 diversen Verbänden, unter anderem auch TDF, einen ersten Entwurf vorgelegt. TDF bewertete den Entwurf und befand ihn schließlich für nicht ausreichend. Zwar würde die angestrebte Änderung einige Schutzlücken schließen, unserer Forderung nach einer „Nein heißt Nein“-Lösung kam der Entwurf jedoch nicht nach. Die Tatsache, dass die Strafbarkeit einer sexuellen Handlung weiterhin davon abhängig bleibt, ob das Opfer Widerstand leistet oder aber aufgrund bestimmter Umstände keinen Widerstand leisten kann, ist für uns nicht hinnehmbar. Ausschlaggebend muss der Wille der betroffenen Personen sein.

Neben einem Wechsel hin zu einem „Nein heißt Nein!“ setzt sich TDF bereits seit geraumer Zeit für ein umfassendes, deutschlandweites Angebot von Anonymer Spurensicherung (ASS) ein. Der Einsatz zeigt Wirkung: immer mehr Bundesländer ermöglichen Betroffenen sexueller Gewalt, ihre Verletzungen anonym und anzeigenunabhängig sichern zu lassen. So können wichtige Spuren auch dann dokumentiert werden, wenn Betroffene sich nicht zu direkt zu einer Anzeige entschließen können oder wollen.

Während es sowohl in Thüringen als auch in Berlin lange Zeit kein Angebot für die ASS gab, hat nun jedoch die Gewaltschutzambulanz der Charité bekanntgegeben, dass sie ein solches Verfahren ab Mitte Mai 2016 anbieten möchte. Sobald dies der Fall ist, wird TDF die Charité in die Karte auf unserer Website aufnehmen, die wir regelmäßig aktualisieren und auf der die Anlaufstellen in den jeweiligen Bundesländern angezeigt werden.

Häusliche Gewalt

Seit der umfassenden Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2004 ist bekannt: jede vierte Frau in Deutschland hat im Laufe ihres Lebens Häusliche Gewalt erlebt. Einer europaweiten Studie des letzten Jahres zufolge ist es sogar jede dritte Frau, die schon einmal körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt hat. Immer wieder bemüht TDF sich daher darum, aus dem Tabuthema ein gesamtgesellschaftliches Anliegen zu machen. Nur so können Betroffene einen Ausweg aus der Gewaltspirale finden.

Aus diesem Grund hat TDF die Kampagne „Schaust du hin?“ gestartet, in deren Zentrum ein Kurzfilm zum Thema Häusliche Gewalt steht. TDF-Referentin Myria Böhmecke betreute die Kampagne, die am 6. März im Schloss Bellevue im Rahmen des Symposiums „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ ihren Auftakt feierte. Bundespräsident Joachim Gauck und TDF-Bundesgeschäftsführerin Christa Stolle führten in das Thema ein. Im Rahmen des Symposiums wurde der dreiminütige Kurzfilm das erste Mal gezeigt und es folgte eine Podiumsdiskussion mit Katrin Schwedes (TERRE DES FEMMES e.V.), Gerhard Hafner (Beratung für Männer - gegen Gewalt, Berlin), Mine Kral (Polizistin, LKA), Alexandra Goy (Rechtsanwältin) und Anna Palinski (ehemals Betroffene von häuslicher Gewalt).

Das Konzept für den Kurzfilm stammt von der Kreativagentur HEYMANN BRANDT DE GELMINI, die dieses vollständig pro bono für uns erarbeitete. Produziert wurde der Kurzfilm nicht nur in Zusammenarbeit mit TDF, sondern auch mit diversen Prominenten. Statements von Nazan Eckes, Ulrike Folkerts, Claudia Michelsen, Johannes B. Kerner und Sophie von Kessel sind Teil des Projekts und rufen zu Zivilcourage bei Fällen von Häuslicher Gewalt auf. Auch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig unterstützte die Kampagne und ruft in einer Videobotschaft zu Zivilcourage und Enttabuisierung bei Häuslicher Gewalt auf. Der Kurzfilm feierte sein offizielle Premiere am 8. März in Berlin und wurde danach anlässlich des 25. Novembers, dem internationalen Tag „NEIN zu Gewalt an Frauen“, bundesweit in 42 Kinos und bei zahlreichen Veranstaltungen gezeigt. Ebenfalls Teil der Kampagne war, neben dem Film und den Veranstaltungen, eine Homepage und eine Facebook-Seite. Dort sind ExpertInnenstatements von ÄrztInnen, Frauenbeauftragten und Beratungsstellen zu finden, die sowohl Betroffenen helfen sollten als auch solchen Menschen, die Hilfe leisten möchten.

Das hohe Maß an Unterstützung von vielen Seiten und das Engagement haben schließlich auch dazu geführt, dass die Kampagne nicht nur für den Politikaward 2015 nominiert war, sondern es auch noch unter die fünf besten Kampagnen in der Kategorie „Kampagnen gesellschaftlicher und privater Sektor“ des Magazins „politik & kommunikation“ schaffte.

Auf der 86. JustizministerInnenkonferenz im Juni 2015 wurde das Bundesjustizministerium beauftragt, die Zuständigkeit von Familiengerichten in Fällen mit Gewaltbefürchtungen zu überprüfen. Der aktuellen Gesetzgebung nach ist immer das Familiengericht des aktuellen Aufenthaltsorts der Frau bzw. des gemeinsamen minderjährigen Kindes zuständig. Das kann bei Fällen von Häuslicher Gewalt fatale Folgen haben: sucht eine Mutter mit ihrem Kind Schutz in einem Frauenhaus, führt dies zu einem Wechsel des zuständigen Familiengerichts. Besonders in kleineren Gerichtsbezirken ist das Risiko für die Betroffenen dann besonders hoch entdeckt zu werden und erneut Gefahr ausgesetzt zu sein. TDF setzt sich daher dafür ein, dass die Betroffenen wählen dürfen, ob das Familiengericht des aktuellen oder des letzten gemeinsamen Aufenthaltsorts zuständig ist.

Langjährige Erfahrung hat TDF mittlerweile in dem Bereich der Workplace Policy, für deren Umsetzung wir uns nach wie vor stark machen. Häusliche Gewalt ist keine Privatsache und den Betroffenen muss die Angst davor genommen werden, sich Hilfe zu suchen. TDF arbeitet daher immer wieder mit Unternehmen zusammen, um diese für Zeichen Häuslicher Gewalt zu sensibilisieren und klärt vor Ort auf Hilfsangebote und Unterstützungsstrukturen. TDF-Referentin Anna Hellmann hielt im Rahmen des Projektes Vorträge bei Gleichstellungsbeauftragten und der Berliner Senatsverwaltung.