Pressearchiv 2006

24.02.2006: Presseerklärung zum Kampagnenstart "Stoppt Zwangsprostitution"

Vor Fussball-WM: Heide Simonis präsentiert Kampagne gegen Zwangsprostitution
"Menschenhandel ist Verbrechen gegen die Menschlichkeit"

Heide Simonis, Vorsitzende von UNICEF Deutschland, hat am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Berlin der Öffentlichkeit eine bundesweite Kampagne gegen Zwangsprostitution vorgestellt. Die Kampagne "Stoppt Zwangsprostitution", deren Schirmherrschaft Frau Simonis übernommen hat, soll - insbesondere im Umfeld der Fußballweltmeisterschaft - gezielt für die Not der von Zwangsprostitution betroffenen Frauen sensibilisieren. Männer sollen über Hintergründe und Warnsignale informiert, zum Handeln motiviert und zur Hilfe aufgefordert werden.

Frau Simonis wies darauf hin, dass die Inanspruchnahme der Dienste von Zwangsprostituierten bis heute als Kavaliersdelikt bagatellisiert werde. "Es ist deshalb höchste Zeit, dass die öffentliche Aufmerksamkeit auf dieses immer größer werdende dunkle Feld unserer sozialen Wirklichkeit gelenkt wird. Denn Menschenhandel und Zwangsprostitution sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die unsere Gesellschaft unter keinen Umständen hinnehmen darf."

Bei der Kampagne, so Frau Simonis, gehe es nicht um das gesellschaftliche Phänomen der Prostitution generell. Dazu gäbe es ganz unterschiedliche Auffassungen. Die Kampagne richte sich auch nicht gegen die Kunden von Prostituierten. Es gehe  vielmehr um kriminelle Handlungen, nämlich um das
Verbrechen, Frauen auf welchem Weg und auf welche Weise auch immer in unser Land zu bringen und hier zur Prostitution zu zwingen. Es liegt nahe und sei richtig, Männer bei der Hilfe für die Betroffenen und die Bekämpfung der kriminellen Praktiken in die Verantwortung zu nehmen. Dazu müsse man gleichzeitig aufrütteln und informieren. Genau dies solle mit der Kampagne in den nächsten Monaten geschehen.

Als prominente Unterstützer stellten sich Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, und die "Fussballlegende" Siggi Held hinter die Kampagne. Freiberg beschrieb die schwierige Situation der Polizei bei der Aufdeckung von Delikten der Zwangsprostitution und begrüßte ausdrücklich die
Initiative der durch ein breites Netzwerk getragenen Kampagne.

Siggi Held forderte, dass sich bei einer gelungenen Weltmeisterschaft fair play nicht auf die Spielfelder beschränken dürfe. "Als Fussballspieler fordere ich alle Zuschauer und Fans auf: Zeigt der Zwangsprostitution die Rote Karte."

Die Kampagne wird von einem Netzwerk aus regionalen und überregionalen Partnerorganisationen getragen. Zu den überregionalen gehören zum Beispiel die Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland, die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland, TERRE DES FEMMES und der bundesweite Koordinierungskreis gegen Frauenhandel & Gewalt an Frauen im Migrationsprozess (KOK). Die regionalen Organisationen sind vor allem Fachberatungsstellen zu Menschenhandel und Zwangsprostitution wie KARO in Plauen, Jadwiga in München und contra in Kiel. Das Informations- und Beratungszentrum in der Arbeit gegen Menschenhandel in Hessen, FIM - Frauenrecht ist Menschenrecht in Frankfurt(Main), hat die Kampagne initiiert und koordiniert sie bundesweit.

Die Partnerorganisationen werden in den kommenden Monaten durch gezielte Ansprache, durch Aktionen und Veranstaltungen, durch Aufklärung und Information über Plakate, Flyer, Postkarten oder Anzeigen in Zeitschriften Männer ansprechen, sie über die Merkmale und Anzeichen von Zwangsprostitution aufklären und sie schließlich ermutigen, sich in solchen Fällen an Fachberatungsstellen bzw. auch an die Polizei zu wenden. Noch in dieser Woche werde zudem eine Website mit weiteren Informationen und Hinweisen ihren Betrieb aufnehmen (www.stoppt-zwangsprostitution.de). Alle Materialien werden auf eine bundesweite ständig besetzte Hotline hinweisen.

Die Kampagne, so Heide Simonis, soll den Spaß am Fußball nicht verderben. Sie soll aber zeigen, dass unsere Gesellschaft massenhaftes Unrecht und menschliches Leid nicht einfach hinnimmt oder ignoriert. Kurz gesagt, dass wir eine Gesellschaft sind, die ihren humanen Anspruch nicht aufgibt.

11.01.2006: Ehegattennachzug ab 21 verhindert Zwangsehen nicht!

Die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES lehnt die von der deutschen Regierung geplante Anhebung des Nachzugsalters für Ehegatten auf 21 Jahre ab. Zwangsverheiratungen werden dadurch nicht verhindert.

Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD ist festgelegt, dass Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Zwangsverheiratungen ausgebaut werden müssen. Das aktuelle Gesetzesvorhaben der Bundesregierung ist allerdings ein Schritt in die falsche Richtung. Auf Kosten einer Diskriminierung aller AusländerInnen werden Maßnahmen vorgeschlagen, die eher dazu geeignet sind, die Zahl von Zuwanderern zu verringern als die Situation von betroffenen Frauen zu verbessern.

Es darf stark bezweifelt werden, dass sich Familien durch eine Anhebung des Nachzugsalters davon abhalten lassen, ihre Töchter gegen ihren Willen zu verheiraten. Die Probleme werden für weitere drei Jahre, also zwischen dem 18. und 21. Lebensjahr der Frauen, in die Herkunftsländer abgeschoben. Dort gibt es für die Frauen meist keine adäquate Hilfe.

Im schlechtesten Fall kann es sogar dazu führen, dass Frauen noch länger in einer Gewaltsituation ausharren müssen, weil sie nach der “offiziellen" Familienzusammenführung noch zwei Jahre warten müssen, bis sie eine eigenständige Aufenthaltserlaubnis erhalten. Begrüßen würden wir dagegen, wenn grundsätzlich keine Ehepartner unter 18 Jahren, also bis zum Erreichen der Volljährigkeit, nach Deutschland einreisen dürften.

Das neue Gesetz sieht vor, dass bereits vor dem Nachzug Deutschkenntnisse nachgewiesen werden müssen. Für Analphabetinnen ist diese Hürde unüberwindbar und ein flächendeckendes Angebot an deutschen Sprachkursen in den Herkunftsländern ist schlicht unmöglich. Zudem steht zu befürchten, dass es dadurch zu einer Herabsetzung der Integrationskurse in Deutschland kommt, die sehr erfolgreich begonnen haben. TERRE DES FEMMES warnt ausdrücklich davor, diese positiven Entwicklungen durch ein solches Gesetz zu gefährden. Es hat sich gezeigt, dass spezielle Kursangebote für Frauen mit Kinderbetreuung die Isolation durchbrechen und dadurch von Zwangsheirat betroffene Frauen Informationen über Hilfsmöglichkeiten bekommen.

TERRE DES FEMMES fordert die Bundesregierung auf, die im Koalitionsvertrag gemachten Versprechungen eines verbesserten Betreuungs-, Beratungs- und Hilfsangebot für die betroffenen Frauen in die Tat umzusetzen anstatt unter dem Vorwand einer Verbesserung der Lebenssituation von Frauen andere Ziele zu verfolgen.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an: Sibylle Schreiber/ Rahel Volz,
Tel. 07071/79 73-0,  E-Mail: ehrverbrechen@frauenrechte.de

07.02.2006: Vergesst niemals Hatun! Ein "Ehren"-Mord-Opfer

Ein "Ehren"-Mord-Opfer wird zum Symbol für den Freiheitskampf junger Migrantinnen in Deutschland.

Heute vor einem Jahr wurde Hatun Sürücü von ihrem jüngsten Bruder auf offener Straße in Berlin erschossen. Zwei weitere Brüder stehen unter Verdacht an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Der Grund für den Mord: Hatuns westlicher Lebensstil bedrohte die Familienehre.

“Der Mord an der Deutsch-Türkin hat die Bevölkerung aufgerüttelt," berichtet Myria Böhmecke, Leiterin der Kampagne “NEIN zu Verbrechen im Namen der Ehre!" der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES. “Das Problem der Ehrverbechen in Deutschland wurde zuvor als Einzelschicksale abgetan."

Der Verein macht auf die Situation junger Frauen mit Migrationshintergrund aufmerksam und berät Betroffene. “Seit dem Mord stehen unsere Telefone nicht mehr still, so viele Frauen suchen Hilfe" erzählt Böhmecke. In Deutschland werden Mädchen und Frauen mit Migrationhintergrund im Namen der Familienehre unterdrückt, misshandelt, zwangsverheiratet und sogar ermordet. Zahlen über die Ausmaße fehlen bisher.

Trotz der öffentlichen Aufmerksamkeit hat sich für die Betroffenen nicht viel geändert. Die zuständigen Behörden sind nicht in der Lage, die Frauen zu schützen. Häufig sind sie nicht ausreichend sensibilisiert, es wird gar nicht oder zu spät gehandelt.

Es gibt zu wenig spezielle Beratungs- und Zufluchtseinrichtungen. Erfolgreiche Projekte wie das Mädchenwohnhaus Rabea, die einzige Zufluchtsstätte in Nordrhein-Westfalen, wird aus Geldmangel gerade wieder geschlossen.

Dringend notwendig ist vor allem die verstärkte Präventionsarbeit in Schulen, damit Mädchen frühzeitig über ihre Rechte und Hilfsmöglichkeiten aufgeklärt werden. Außerdem fordert TERRE DES FEMMES die Verbesserung des Aufenthaltstatus bedrohter Frauen.

In Kooperation mit TERRE DES FEMMES wird zum Internationalen Frauentag am 08.03.06 in der Kölner Fachhochschule die Konferenz “Vergesst niemals Hatun! Kampagne gegen Ehrenmorde" mit internationalen Rednerinnen stattfinden.

Für Nachfragen und Interviewwünsche stehen wir gerne zur Verfügung.

Bitte wenden Sie sich an:
TERRE DES FEMMES, Rahel Volz oder Sibylle Schreiber
Tel. 07071/79 73-25,
E-Mail: ehrverbrechen@frauenrechte.de

31.01.2006: TERRE DES FEMMES macht mobil gegen weibliche Genitalverstümmelung

...und erhält zusammen mit weiteren Organisationen Unterstützung von Bundespräsident Dr. Horst Köhler.

Er übernimmt die Schirmherrschaft für INTEGRA - Deutsches Netzwerk zur Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung (FGM), weil er überzeugt ist, dass das Schicksal von Millionen Mädchen und Frauen uns alle angeht und es für Menschenrechte keine Grenzen gibt.

Weltweit leben etwa 150 Millionen Frauen und Mädchen, denen meist ohne Betäubung die äußeren Genitalien ganz oder teilweise entfernt wurden. Um gemeinsam besser über das Thema weibliche Genitalverstümmelung aufklären und die Menschen in Afrika in der Abschaffung dieser Praxis unterstützen zu können, haben sich bislang 21 Organisationen, unter ihnen TERRE DES FEMMES e.V., in Deutschland zum Netzwerk INTEGRA zusammengeschlossen.

Am 06. Februar, dem internationalen Tag "Null Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung", macht TERRE DES FEMMES mit verschiedenen Aktionen auf diese fundamentale Menschenrechtsverletzung an Mädchen und Frauen aufmerksam.

Zusammen mit der Integrationsbeauftragten und dem Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Stuttgart lädt TERRE DES FEMMES zwischen dem 6.2. und dem 8.3.2006, dem internationalen Frauentag, zu einer Veranstaltungsreihe zum Thema weibliche Genitalverstümmelung ein.

Auftakt ist die Lesung "Tränen im Sand" von Nura Abdi am 6. Februar um 19:30 Uhr im Landtag Baden-Württemberg. Ziel ist es, eine breite Öffentlichkeit über das Thema zu informieren und durch spezielle Angebote für medizinisches und pädagogisches Personal die Situation betroffener Frauen und gefährdeter Mädchen in Baden-Württemberg zu verbessern. TERRE DES FEMMES geht davon aus, dass allein in Deutschland etwa 30.000 betroffene Frauen und gefährdete Mädchen leben.

Bundesweit ist mit unserer Unterstützung der Film "Moolaadé" zum Thema weibliche Genitalverstümmelung auf Rundreise. Der aktuellste Spielfilm des bekannten senegalesischen Regisseurs Ousmane Sembène ist seit Januar als Preview in verschiedenen deutschen Kinos zu sehen. Der Film spielt in einem afrikanischen Dorf, in dem vier junge Mädchen bei einer der Frauen des Dorfes, Collé Ardo, Schutz vor ihrer drohenden Genitalverstümmelung suchen. Collé beschwört den im Dorf mächtigen vorislamischen Geist Moolaadé zum Schutz der Mädchen. Solange der Schwur gilt, sind die Mädchen in ihrem Hof zunächst sicher. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich eine spannungsgeladene Geschichte. Der künstlerisch hervorragende Film zeigt die Problematik der weiblichen Genitalverstümmelung in Afrika in ihrer ganzen Vielschichtigkeit und Komplexität. Der beim Filmfestival in Cannes ausgezeichnete Film ist in Stuttgart, Bielefeld, Hannover und weiteren Städten zu sehen.

Seit nunmehr 25 Jahren engagiert sich TERRE DES FEMMES mit Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland und direkter Hilfe in Afrika gegen weibliche Genitalverstümmelung.

 

Bei Fragen wenden Sie sich an: Franziska Gruber, TERRE DES FEMMES, Tel: 07071/79730, E-Mail: genitalverstuemmelung@frauenrechte.de

10.02.2006: Unsere Kampagne trägt Früchte...! Zwangsheirat soll eigener Straftatbestand werden

Heute berät der Bundesrat über einen Gesetzesentwurf zur Bekämpfung von Zwangsehen, den das Land Baden-Württemberg eingebracht hat. Zwangsverheiratung soll demnach mit Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren geahndet werden.

Die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES wertet den Gesetzesentwurf als großen Erfolg. “Ohne unsere Kampagne gegen Zwangsheirat und ohne die Arbeit vieler mutiger Migrantinnen wären Zwangsehen auch heute noch ein Tabuthema", betont Christa Stolle, die Geschäftsführerin von TERRE DES FEMMES.

“Der Gesetzentwurf ist generell ein großer Schritt in die richtige Richtung," so die Anwältin Seyran Ates. “Allerdings enthält der baden-württembergische Entwurf nicht die notwendige Änderung des Aufenthaltrechtes." Bislang kann eine Betroffene, die im Ausland zwangsverheiratet wurde und sich länger als sechs Monate dort aufhält, nicht mehr nach Deutschland einreisen.

Auch Hanife Gashi, die nach dem "Ehren"-Mord an ihrer Tochter durch ihren Ex-Ehemann mit TERRE DES FEMMES e.V. an die Öffentlichkeit geht, fordert die Ministerpräsidenten der Länder auf: “Lasst die Mädchen nicht im Stich! Die Rückkehr nach Deutschland sollte den verschleppten Frauen so einfach wie möglich gemacht werden."

Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD ist festgelegt, dass Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Zwangsverheiratungen ausgebaut werden müssen. Das aktuelle Gesetzesvorhaben der baden-württembergischen Landesregierung ist ein erstes Signal, das diese Menschenrechtsverletzung nicht länger geduldet wird. Der rechtliche Bereich ist allerdings nur ein Punkt eines ganzen Maßnahmenkataloges. Ebenso wichtig ist es, zusätzliche Präventions- und Hilfsangeboten zu schaffen sowie Schulungen für Jugendämter, Polizei, Schule und Ärzt/-innen anzubieten.

Deshalb fordert TERRE DES FEMMES die Bundesregierung auf, die im Koalitionsvertrag gemachten Versprechungen eines verbesserten Betreuungs-, Beratungs- und Hilfsangebot für die betroffenen Frauen in die Tat umzusetzen.

Nähere Informationen erhalten Sie bei:
TERRE DES FEMMES,
Referat “Gewalt im Namen der Ehre,
Sibylle Schreiber und Rahel Volz