Frühehen in Afrika, Asien, Europa und Lateinamerika - Informationen zu einzelnen Ländern

Frühehen sind ein weltweites Problem. Dennoch gibt es Unterschiede bei der Verbreitung, den Motiven, den sozialen und gesetzlichen Gegebenheiten vor Ort.

Im Folgenden stellen wir daher einzelne Länder genauer vor und berichten dabei auch über positive Interventionsbeispiele.

Wir bemühen uns, die Links regelmäßig zu überprüfen, es kann aber dennoch vorkommen, dass einige empfohlene Webseiten/Quellen Beiträge entfernen oder an anderer Stelle hinterlegen.

Mexiko

Fallbeispiel

Marisela Antonio Cruz aus Mexikostadt wurde mit 16 Jahren zur Ehe gezwungen. Sie wuchs in einer armen Gegend auf und hatte bereits mit 13 Jahren die Schule verlassen, um gemeinsam mit ihrer Mutter als Haushälterin zu arbeiten und somit ihre Familie finanziell zu unterstützen. Als ihr Vater herausfand, dass Marisela einen Freund hatte, schlug er sie. In seinen Augen hatte sie die Familie durch ihre Beziehung bloßgestellt. Marisela wollte in ihrem Alter nicht heiraten. Doch ihr Vater ließ ihr keine andere Wahl und da Marisela Angst hatte, heiratete sie ihren Freund. So wie Marisela, ergeht es vielen Frauen in Mexiko, insbesondere in ärmeren Gegenden[1]

 

Statistik

  • Bevölkerung: 123 Millionen EinwohnerInnen[2]
  • BIP pro Kopf 2015: 10.891 USD[3]
  • UNDP Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht): 74[4] von 187
  • Die Analphabetenrate liegt bei den über 15-Jährigen bei 5,5 Prozent (2015)[5]
  • 5 % der jungen Mädchen werden bis zu ihrem 15. Geburtstag verheiratet, 23 % bis zu ihrem 18. Geburtstag[6]

 

Landesüberblick

Bei Mexiko handelt es sich um einen Föderalstaat mit 31 Bundesstaaten und einem Bundesdistrikt. Ähnlich wie in den USA, verfügt jeder Teilstaat über eine eigene Verfassung und Gesetzgebung.[7] Mexiko ist eine Präsidialrepublik.[8]

Mexiko gilt als fortgeschrittenes Schwellenland. Es befindet sich an 15. Stelle der größten Volkswirtschaften weltweit. Das Land ist sowohl Mitglied der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) als auch der G20 (Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer). Die Modernisierung der mexikanischen Volkswirtschaft wurde durch das im Jahr 1994 geschlossene Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) eingeleitet. Die USA ist – sowohl was den Export als auch den Import betrifft – der wichtigste Handelspartner Mexikos. Trotz allem stellt die Armut vieler Teile der Bevölkerung, die unter anderem auf die ausgeprägten Ungleichheiten bei der Einkommensverteilung zurückzuführen ist, ein großes Problem dar. Laut Daten aus dem Jahr 2014 sind 46,2 % der mexikanischen Bevölkerung arm. 9,5 % lebten demnach sogar in extremer Armut. Die ärmsten Bundesstaaten finden sich im Süden des Landes. Diese sind: Chiapas, Oaxaca, Guerrero und Veracruz.[9]

Im Norden Mexikos finden sich die sogenannten Maquilas. Dabei handelt es sich um Montagebetriebe, in denen importierte Einzelteile zu (halb-)fertigen Produkten zusammengesetzt und anschließend exportiert werden.[10] Mit den Maquilas sollte die Armut in ärmeren Gebieten bekämpft werden, jedoch werden die Beschäftigten (meist Frauen) dort zunehmend ausgebeutet und müssen unter katastrophalen Bedingungen arbeiten. [11] [12]

In puncto Sicherheit und Achtung der Menschenrechte weist Mexiko verschiedene Probleme bzw. Defizite auf. Diese ergeben sich unter anderem aus dem Konflikt zwischen Sicherheitskräften und Drogenkartellen, der sich nach dem von Präsident Felipe Calderon im Jahr 2006 initiierten Krieg gegen die Drogenkartelle verschärft hat. Tatsächlich sollen seit 2006 über 25 500 Menschen verschwunden sein. Zudem sei laut Human Rights Watch die Rate der extralegalen Hinrichtungen durch Sicherheitskräfte alarmierend hoch.[13]

Besonders besorgniserregend ist die Lage mexikanischer Frauen. In den letzten Jahren berichteten verschiedene Frauenrechtsorganisationen von einer steigenden Zahl an Femiziden. Die Opfer sind oft junge Frauen aus ärmeren Gegenden. So sind beispielsweise zwischen Januar und März 2015 80 Frauen im Bundesstaat Chihuahua verschwunden. Die Opfer solcher Verschleppungen tauchen meist nie wieder auf. [14] Laut dem Instituto Nacional de Estadística y Geografía (INEGI; Nationales Institut für Statistik und Geographie ) ist für Frauen zwischen 15 und 29 Jahren der Femizid die zweithäufigste Todesursache.[15] Zudem wird laut Human Rights Watch die Bestrafung von Männern, die Mädchen und Frauen sexualisierte Gewalt zufügen, von der „Keuschheit“ des Opfers abhängig gemacht.[16]

 

Vorkommen

Laut eines aktuellen Berichts von ONU Mujeres kommt es in Mexiko häufig zur Schließung von Frühehen. Besonders betroffen hiervon sind Mädchen. Mindestens jede 5. Frau ist bei ihrer Eheschließung unter 18. Laut der Organisation Girls not Brides werden 5 % der mexikanischen Mädchen bis zu ihrem 15. Geburtstag verheiratet. 23 % sind es vor ihrem 18. Geburtstag.[17] Besonders Mädchen aus der indigenen Bevölkerung sind von Frühehen betroffen. In Chiapas, Guerrero und Veracruz beträgt die Rate an Frühehen unter Indigenen über 40 %.[18] Die gemeinnützige Organisation México Funciona hat zahlreiche Fälle dokumentiert. Insgesamt sollen 2014 in ganz Mexiko 5234 Frühehen registriert worden sein. Dabei soll es sich sowohl um Ehen zwischen Minderjährigen als auch um Ehen zwischen Minderjährigen und Erwachsenen handeln. In 15 Fällen sollen 12-Jährige zur Ehe mit einem Erwachsenen gezwungen worden sein.[19] Allein im Bundesstaat Colima wurden über 150 Minderjährige zur Ehe gezwungen, darunter auch 15-jährige Mädchen, die mit Männern über 40 oder sogar 50 Jahren verheiratet wurden.[20] Zwischen 2007 und 2015 heirateten allein im Bundesstaat Mexiko 10.272 minderjährige Mädchen.[21]

 

Beweggründe

Laut ONU Mujeres werden Frühehen insbesondere in ländlichen Gegenden sowie innerhalb von indigenen Gemeinschaften geschlossen. Auch die soziale Schicht spielt in puncto Frühehen eine Rolle: Auf einer nationalen Skala gehörten 37,3 % der Frauen, die unter 18 waren, als sie geheiratet haben, einer unteren sozialen Schicht an, wohingegen nur 4,2 % der besser situierten Frauen unter 18 waren, als sie heirateten.[22] Tatsächlich spielen laut México Funciona oft ökonomische Gründe eine besonders wichtige Rolle. Besonders arme Familien verheiraten ihre Töchter im Tausch gegen eine Geldsumme.[23] Manchmal ist auch die Sorge um die Zukunft der Tochter der treibende Faktor: So hätten Eltern ihre minderjährigen Töchter zu einer Ehe mit finanziell besser situierten Erwachsenen bzw. älteren Männern gezwungen, weil sie sich dadurch eine Besserung ihrer Lebensumstände erhofften.[24] Doch wie im Falle Mariselas ersichtlich wird, spielen auch konservative Vorstellungen eine wichtige Rolle, wenn es zur Schließung von Frühehen kommt. Das ist vor allem dann der Fall, wenn das Mädchen schwanger ist. Durch eine Eheschließung möchte die Familie die eigene „Ehre“ wahren bzw. wiederherstellen.[25]

 

Gesetzliche Lage

Laut Código Civil Federal (mexikanisches Zivilgesetzbuch) sah der mexikanische Staat für Jungen ein Mindestheiratsalter von 16 Jahren, für Mädchen von 14 Jahren, vor. Im Dezember 2014 wurde die Ley General de los Derechos de las Niñas, Niños y Adolescentes (General Law on the Rights of Children and Adolescents [26]) erlassen, die mit dem Artikel 45 eine Anhebung des Mindestheiratsalters auf 18 Jahre festgelegt hat. Wie bereits erwähnt, verfügt in Mexiko jeder Teil- bzw. Bundesstaat über eine eigene Verfassung und Gesetzgebung. Somit muss jeder Bundesstaat die eigene Gesetzgebung mit dem neuen Gesetz in Einklang zu bringen.

Geschlechtsverkehr mit einer/einem Minderjährigen unter 12 oder bis 15 Jahren – je nach Bundesstaat – wird in Mexiko als Vergewaltigung geahndet. Dabei ist es irrelevant, ob der/die Minderjährige zugestimmt hat oder nicht. Wer unter Anwendung einer Täuschung oder List eine 16 bis 18-jährige Person zum Geschlechtsverkehr „überredet“, wird gerichtlich verfolgt, wenn der/die Minderjährige, dessen/deren Eltern oder Vormund Anzeige erstattet.[27] In einigen Bundesstaaten – darunter Campeche und Baja California – kann eine volljährige Person, die Geschlechtsverkehr mit einer minderjährigen Person hatte, einer Haftstrafe jedoch entgehen, wenn sie jene heiratet.[28] Dadurch werden Kinderehen im Grunde legitimiert. Bis Ende November 2016 war das auch in Sonora möglich. Durch eine Änderung des Strafgesetzbuches kann der Täter jetzt nicht mehr durch eine Eheschließung mit dem Opfer einer Haftstrafe von zwei bis vier Jahren entgehen.[29]

 

Interventionsbeispiel

ONU Mujeres arbeitet gemeinsam mit Institutionen auf lokaler sowie nationaler Ebene, um Kinder- und Frühehen zu verhindern. Die Organisation hat im Rahmen der Kampagne „Únete para poner fin a la violencia contra las mujeres y niñas“ („UNiTE to End Violence against Women“ [30]) eine Kampagne zur Bekämpfung von Frühehen zwischen dem 25. November und dem 10. Dezember 2015 gestartet. Diese zielt darauf ab, in allen Teilstaaten Mexikos Frühehen abzuschaffen und das Mindestheiratsalter ausnahmslos auf 18 Jahre anzuheben. [31] [32]

Die Organisation México Funciona versucht mit ihrer Dokumentierung von über 5234 Fällen von Frühehen die jeweiligen Teilstaaten dazu zu bewegen, etwas gegen diese Praxis zu unternehmen. Abel Palomera Meza, Vorsitzender von México Funciona, kündigte an, dass die Organisation sich dafür einsetzen wird, Kinderehen zu beseitigen. Dazu bemüht sich die Organisation, die Gesetzgebungen der jeweiligen Teilstaaten dahingehend zu beeinflussen, dass das Mindestheiratsalter ausnahmslos auf 18 festgesetzt wird. Ein erster Erfolg ist bereits zu verzeichnen: Colima verbietet nun Ehen von unter 18-Jährigen.[33] Außerdem müssen laut Palomera Meza Standesbeamte für das Problem Kinderehen sensibilisiert werden, da es für viele schlichtweg „normal“ sei, solche Ehen vorzunehmen. Das Vorhaben der Organisation schließt u.a. Programme zur sexuellen Aufklärung von Kindern und Jugendlichen ein. Sie sollen zudem über die Themen Früh- und Zwangsehen informiert werden.[34]



Quellen:

[1] http://english.cctv.com/2016/07/22/VIDE7YfYLAZZysQux7cGnEiS160722.shtml

[2] http://hdr.undp.org/en/countries/profiles/MEX

[3] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Mexiko_node.html

[4] http://hdr.undp.org/en/countries/profiles/MEX

[5] http://cuentame.inegi.org.mx/poblacion/analfabeta.aspx?tema=P

[6] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/mexico/

[7] https://www.bwlh.de/Recht_International/Mexiko/mexiko.html

[8] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Mexiko_node.html

[9] https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/mexiko-node/-/213650

[10] http://www.lateinamerika-studien.at/content/lehrgang/lg_mader/lg_mader-349.html

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Maquila

[12] http://www.lateinamerika-studien.at/content/lehrgang/lg_mader/lg_mader-352.html

[13] https://www.hrw.org/world-report/2016/country-chapters/mexico

[14] https://amerika21.de/2015/03/114308/frauen-verschwunden-chihuahua

[15] http://www.criteriohidalgo.com/noticias/hidalgo-ujul/muestra-inegi-cifras-negras-contra-mujer

[16] https://www.hrw.org/world-report/2016/country-chapters/mexico    

[17] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/mexico/

[18]http://www2.unwomen.org/~/media/field%20office%20mexico/documentos/publicaciones/2016/matrimonio%20infantil_.pdf?v=1&d=20161007T001122

[19] http://expansion.mx/economia/2016/01/28/en-mexico-5234-casos-de-matrimonio-infantil

[20] https://www.elnoticieroenlinea.com/?p=37157

[21] http://www.eluniversal.com.mx/articulo/metropoli/cdmx/2016/07/13/promulgan-ley-para-evitar-matrimonio-de-menores-de-18-anos

[22]http://www2.unwomen.org/~/media/field%20office%20mexico/documentos/publicaciones/2016/matrimonio%20infantil_.pdf?v=1&d=20161007T001122

[23] http://preventforcedmarriage.org/forced-marriage-overseas-mexico/

[24] http://colimanoticias.com/159-ninos-fueron-obligados-a-contraer-matrimonio-con-personas-mayores/

[25] https://rotativo.com.mx/mujer/555534-mexico-ninas-se-casan-restablecer-orden-familiar/

[26] http://www.leyderechosinfancia.mx/wp-content/uploads/2015/02/EN-LeyGeneralDeLosDerechosDeNi%C3%B1asNi%C3%B1osAdolescentes.pdf (Englisch)

[27] https://es.wikipedia.org/wiki/Edad_de_consentimiento_sexual#M.C3.A9xico

[28] http://internacional.elpais.com/internacional/2016/05/06/mexico/1462565899_296452.html

[29] http://sonoranews.tv/2016/11/30/aumentan-penas-por-delito-de-estupro/

[30] http://endviolence.un.org/about.shtml (Englisch)

[31] http://mexico.unwomen.org/es/noticias-y-eventos/articulos/2015/10/llamado-no-matrimonio-infantil

[32] http://fusion.net/story/238202/the-united-nations-urges-mexico-to-crack-down-on-child-marriages/

[33] http://www.eluniversal.com.mx/articulo/estados/2016/09/9/congreso-de-colima-prohibe-matrimonio-infantil

[34] http://colimanoticias.com/159-ninos-fueron-obligados-a-contraer-matrimonio-con-personas-mayores/

 

Stand: 01/2017

Ägypten

Fallbeispiel

Nahla war 12 Jahre alt, als ihr Vater ihrer Verheiratung mit einem Mann in seinen 50ern zustimmte. Grund hierfür war die prekäre finanzielle Lage der Familie. Der Vater, selbst 50, hatte erfahren, dass er erst mit 60 in Rente gehen könne, somit war die finanzielle Lage der Familie unsicher. Ein Mann aus den Golfstaaten hatte sich über einen Mittelsmann in Ägypten auf die Suche nach einer jungen Zweitfrau gemacht. Dafür war er bereit, eine hohe Geldsumme zu zahlen. Außerdem versprach er der Familie, ihr monatlich Geld zukommen zu lassen. Der Vater stimmte dem Angebot zu und am nächsten Tag kamen der Mittelsmann und Nahlas zukünftiger Ehemann vorbei, um Nahla zu sehen. Nahla musste Ägypten verlassen, um in das Land ihres Ehemannes zu ziehen, wo sie in einem Haus mit seiner Erstfrau und ihren gemeinsamen Kindern wohnen musste. Das jüngste Kind war drei Jahre älter als Nahla. Sie wurde dort laut eigenen Aussagen wie eine Bedienstete behandelt. Wenn sie sich widersetzte, schlug die Erstfrau sie. Als Nahla es nicht mehr aushielt, floh sie zur ägyptischen Botschaft, wo man ihr jedoch sagte, dass man nichts tun könne, da sie der Eheschließung zugestimmt hatte. Erst mit der Hilfe einiger Nachbarn gelang es ihr, eine Scheidung durchzusetzen und nach Ägypten zurückzukehren.[1]

 

Statistik

  • Bevölkerung: 92 Millionen EinwohnerInnen[2]
  • BIP pro Kopf: 3225 Euro[3]
  • UNDP Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und -erwartung einbezieht): 108[4] von 187
  • Die Analphabetenrate bei den 15 bis 24-Jährigen liegt bei 8,6 %[5]
  • 2 % der Mädchen bis zu ihrem 15. und 17% der Mädchen werden bis zu ihrem 18. Geburtstag verheiratet[6]

 

Landesüberblick

Ägypten ist das nach Südafrika am stärksten industrialisierte Land Afrikas.[7] Es handelt sich um eine Präsidialdemokratie.[8] Ägypten war nach Tunesien das zweite Land, in dem der Arabische Frühling Einzug fand. Am 25. Januar 2011 gingen junge ÄgypterInnen auf die Straße, um gegen die sozialen Missstände in ihrem Land zu protestieren und forderten den Rücktritt Mubaraks, der das Land 30 Jahre regiert hatte. Die Hoffnung auf einen Übergang zur Demokratie wurde jedoch kurz nach den ersten demokratischen Wahlen des Landes, aus denen Mohammed Mursi und die Muslimbruderschaft als Sieger hervorgingen, enttäuscht. Stattdessen wurden die Rede-, Presse- und Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt und hunderte DissidentInnen festgenommen. Unter dem Vorwand der Beleidung des Islam und/oder des Präsidenten, wurden immer mehr vermeintliche „Gegner“ der Muslimbrüder festgenommen. 2013 stürzte das Militär Mursi und ein Jahr später ging der General Abdel Fattah Al-Sisi mit 96,2 Prozent der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 48 Prozent als eindeutiger Sieger aus den Präsidentschaftswahlen hervor. Wahlbeobachter der US-Organisation Democracy International kritisierten jedoch das „Klima der Unterdrückung“ im Land, das eine demokratische Präsidentschaftswahl praktisch unmöglich gemacht hatte.[9] [10]

Auch nach der Machtübernahme Al-Sisis kommt es zu massiven Menschenrechtsverletzungen. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen berichten von Entführungen, gewaltsamem Verschwindenlassen, Vergewaltigungen und anderen Arten von Folter sowie Ermordungen von DissidentInnen. Ins Visier nimmt die Regierung insbesondere junge Männer und Frauen und zwar sowohl vermeintliche IslamistInnen bzw. Muslimbrüder als auch Liberale. Aufgrund der Einnahme der Sinai-Halbinsel durch islamistische Gruppierungen, setzt das Regime verstärkt repressive Praktiken ein, um ihnen Einhalt zu gebieten.[11]

Ägypten weist auch in puncto Frauenrechte massive Defizite auf. Seit dem Jahr 2008 ist Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) in Ägypten illegal. Dennoch wird sie weiterhin praktiziert. Im August letzten Jahres hat das Parlament einer Gesetzesänderung zugestimmt, die härtere Strafen für FGM vorsieht. Wer FGM vornimmt, muss nun mit einer Haftstrafe von fünf bis sieben Jahren rechnen. Führt die Beschneidung zu Behinderung oder gar zum Tod, beläuft sich die Haftstrafe auf bis zu 15 Jahre. Einer Umfrage des Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2014 zufolge, waren 92 Prozent der verheirateten Frauen und Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten. Problematisch ist, dass 82 Prozent der Beschneidungen von ÄrztInnen durchgeführt werden. [12]

Ein weiteres Problem sind die vielen sexuellen Übergriffe, die sich sogar täglich ereignen. Laut einer Umfrage von UN Women aus dem Jahr 2013, seien 99,3 Prozent der Frauen Opfer sexueller Belästigung gewesen.[13] Seit dem 25. Januar 2011, als sich die ÄgypterInnen auf dem Tahrir-Platz zusammenfanden um zu protestieren oder den Jahrestag der Revolution zu feiern, kommt es vermehrt zu sexuellen Übergriffen gegen Frauen. Die Schuld hierfür wird grundsätzlich beim Opfer gesucht, zu Verurteilungen kommt es kaum.[14]

 

Vorkommen

In Ägypten sollen laut UNICEF 2 Prozent der Mädchen bis zu ihrem 15. und 17 Prozent der Mädchen bis zu ihrem 18. Geburtstag verheiratet sein. Frühehen werden in Ägypten vor allem in armen, ländlichen Gegenden geschlossen. Armut und in der ägyptischen Gesellschaft tief verwurzelte patriarchale Strukturen begünstigen diese Praxis. [15] Nach ägyptischem Recht kann die Ehe erst im Alter von 18 Jahren eingegangen werden. Es gibt jedoch verschiedene Formen der islamischen Ehe, die neben einer offiziellen, staatlich anerkannten Ehe, geschlossen werden können. Diese werden nicht registriert, sodass Schließungen von Kinder- bzw. Frühehen in diesem kontextuellen Rahmen möglich werden. Ein Beispiel hierfür ist die sog. „Urfi-Ehe“. Diese ermöglicht es beispielsweise jungen Paaren, die nicht über die finanziellen Mittel verfügen, um sich eine kostspielige Hochzeit zu leisten, dennoch zu heiraten und somit keinen außerehelichen Geschlechtsverkehr zu haben, da dies in patriarchalen Gesellschaften noch immer ein Tabu ist. Mit Vernichtung des Vertrages, der bei der Eheschließung vor zwei Zeugen aufgesetzt und unterzeichnet wird, endet die Ehe. Kinder, die aus einer „Urfi-Ehe“ hervorgehen, gelten als unehelich und tragen somit nicht automatisch den Namen des Vaters. [16] Die „Urfi-Ehe“ wird in Ägypten zunehmend genutzt, um minderjährige Töchter gegen ein Brautgeld mit älteren Männern zu verheiraten.[17]

Es gibt auch die sog. „Misyar-Ehe“ (zawaj al-misyar), die als „Touristen-Ehe“ übersetzt werden könnte. Während ihres Urlaubs suchen sich reiche Touristen aus den Golfstaaten junge Mädchen aus armen Verhältnissen, und schließen für die Dauer ihres Aufenthalts im Land diese Form der islamischen Ehe. Junge Mädchen aus armen Dörfern werden von sog. HeiratsvermittlerInnen zu wohlhabenden arabischen Touristen gebracht, mit denen sie dann zeitlich befristetete Ehen eingehen. Es gibt hier Überschneidungen mit der sog. „Zeitehe“bzw. „Genussehe“ (nikāḥ al-mutʿa). Diese Form der Ehe wird eigentlich nur im schiitischen Islam (z.B. im Iran) praktiziert, kommt jedoch auch in sunnitischen Ländern wie Ägypten vor. Dabei werden Ehen für eine kurze Zeit, auch nur einen Tag oder ein paar Stunden, geschlossen. Die Eheschließung erfolgt privat und Ehedauer u. Ä. werden in einem informellen Vertrag zwischen den zwei „Eheleuten“ festgehalten. Der Mann und die Frau, die diese Form der Eheschließung wählen, einigen sich über die Dauer der Ehe. [18] [19]

Eine genaue Trennung zwischen den hier genannten Eheformen ist schwierig, da auch die „Urfi-Ehe“ zeitlich begrenzt sein kann und wie die „Misyar-Ehe“ genutzt wird, um minderjährige Mädchen zu heiraten. In den hier vorgestellten islamischen Eheformen verzichten Mann und Frau auf bestimmte Ansprüche, die ihnen im Falle einer staatlich anerkannten Eheschließung zustehen würden (z.B. verzichtet die Frau auf ihr Recht auf Unterhalt).

 

Beweggründe

Grund für die Verheiratung minderjähriger Töchter ist meist die prekäre ökonomische Lage der Familie, die sich dadurch eine Besserung ihrer Lebensumstände erhofft. Das sog. „Brautgeld“ spielt hier eine wichtige Rolle. Immer öfter suchen sich reiche Männer aus den Golfstaaten minderjährige Ehefrauen in Ägypten und versprechen ihren Familien dafür ein hohes Brautgeld. Wie bereits erwähnt, kommen Frühehen überwiegend in ländlichen Gegenden vor, die meist von Konservatismus und Traditionsdenken geprägt sind. Doch auch die Angst, dass die eigene Tochter niemals heiraten wird, ist ein Grund für eine frühe Verheiratung.[20]

 

Gesetzliche Lage

Nach der Revolution wurden von konservativen Kräften mehrere Versuche unternommen, das Mindestheiratsalter zu senken. Demnach sollten auch minderjährige Mädchen heiraten können. Dieses Vorhaben ist jedoch gescheitert.[21] Somit liegt das Mindestheiratsalter – das bereits im Jahr 2008 festgesetzt wurde – bei 18 Jahren.[22]

Im Januar 2016 wurde das „Touristen-Gesetz“ erlassen, das einem Mann aus dem Ausland – meist aus den reichen Golfstaaten – die Eheschließung mit einer ägyptischen Frau, die mindestens 25 Jahre jünger ist als er, nur erlaubt, wenn er 50.000 ägyptische Pfund auf ihren Namen einzahlt. Das Gesetz soll die ökonomischen Interessen der Frau schützen. Es handelt sich hierbei nicht um ein neues Gesetz, sondern um eine Modifizierung eines Gesetzes aus dem Jahr 1976: Dieses verbat die Ehe zwischen einem Nicht-Ägypter und einer Ägypterin, wenn jener 25 Jahre älter war als sie. Im Jahr 1993 wurde dieses Verbot aufgehoben und die Bedingung eingeführt, dass der ausländische Mann einen bestimmten Betrag zu zahlen hat, um eine mindestens 25 Jahre jüngere Ägypterin heiraten zu dürfen. Kritiker sehen diese „Touristen-Ehen“ jedoch als eine legalisierte Form der Prostitution. Die Egyptian Initiative for Personal Rights bezeichnet die Vorstellung, dass die Anhebung des „Brautpreises“ auf 50.000 ägyptische Pfund das Problem der Touristen-Ehen beseitigen wird, als naiv. Entgegen der Meinung der Befürworter des Gesetzes, werden Mädchen und Frauen durch dieses Gesetz nicht geschützt. Mädchen müssen diese Ehen auf Zeit eingehen, um ihre Familien finanziell zu unterstützen. Ein derartiges Gesetz und die aktuelle Modifizierung fördern diese Praxis nur, da den Familien jetzt ein höherer Preis für ihre Töchter gezahlt wird.[23] [24]

 

Interventionsbeispiele

Das Kinderhilfswerk Plan-International engagiert sich in Ägypten, um Frauen- und Kinderrechte zu schützen. Mit seinen Programmen, versucht „Plan International Egypt“ auf sog. harmful traditional practices wie Frühehen und FGM aufmerksam zu machen und somit Betroffene zu schützen. Das Empowerment der Mädchen soll durch Bildung gefördert werden.[25]

Die Association of the Egyptian Female Lawyers setzt sich u.a. gegen Kinderehen ein. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise ein Projekt gestartet, um syrische Flüchtlingsmädchen vor „Zeitehen“ zu schützen.[26] Beispielsweise bietet die NGO Betroffenen Unterstützung in rechtlichen Angelegenheiten. 2015 wurde eine Kampagne ins Leben gerufen, deren Ziel die Abschaffung von Kinder- und Frühehen ist. Dazu soll ein Netzwerk bestehend aus AnwältInnen, PsychologInnen und SozialarbeiterInnen eng mit NGOs zusammenarbeiten, die Betroffene von Frühehen in sozialen wie rechtlichen Angelegenheiten unterstützen.[27] Zudem veranstaltet die Organisation Seminare zu den Themen Frühehen und Menschenhandel, um diese Probleme in den am stärksten betroffenen Bezirken anzugehen.[28]

 

 Quellen:

[1] https://www.alaraby.co.uk/english/features/2014/10/9/the-shame-of-child-marriage-in-egypt

[2] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Aegypten_node.html

[3] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Aegypten_node.html

[4] http://hdr.undp.org/en/countries/profiles/EGY

[5] https://www.alaraby.co.uk/english/features/2015/6/8/almost-half-of-egyptians-are-illiterate

[6] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/egypt/

[7] https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/aegypten-node/wirtschaft-/212624 

[8] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Aegypten_node.html

[9] http://www.n-tv.de/politik/Al-Sisi-holt-fast-100-Prozent-der-Stimmen-article12925576.html

[10] http://www.dailynewsegypt.com/2015/07/01/from-palace-to-prison-1-year-of-morsis-rule/

[11] https://www.hrw.org/world-report/2016/country-chapters/egypt

[12] https://www.hrw.org/news/2016/09/09/egypt-new-penalties-female-genital-mutilation

[13] http://www.huffingtonpost.com/engy-abdelkader/99-percent-of-egyptian-women-girls-have-been-sexually-harassed_b_3373366.html

[14] https://www.theguardian.com/world/2013/jul/05/egypt-women-rape-sexual-assault-tahrir-square

[15] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/egypt/

[16] http://www.kas.de/wf/doc/kas_12726-544-1-30.pdf?080108111937

[17] https://www.alaraby.co.uk/english/features/2014/10/9/the-shame-of-child-marriage-in-egypt

[18] http://egyptianstreets.com/2015/08/01/child-marriages-form-15-of-all-marriages-in-egypt/

[19] http://egyptianstreets.com/2014/07/23/the-story-behind-child-brides-in-egypt/

[20] https://www.alaraby.co.uk/english/features/2014/10/9/the-shame-of-child-marriage-in-egypt

[21] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/egypt/

[22] https://egyptianstreets.com/2015/08/01/child-marriages-form-15-of-all-marriages-in-egypt/

[23] https://english.alarabiya.net/en/2016/01/18/Does-Egypt-s-new-tourist-marriage-law-really-protect-women-.html

[24] http://www.npr.org/sections/parallels/2016/02/01/463708687/does-egypts-law-protect-short-term-brides-or-formalize-trafficking

[25] https://plan-international.org/egypt/protection-egypt

[26] http://www.aeflwomen.com/en/legal-protection-for-syrian-women-and-girls-exploited-for-temporary-marriage-and-non-marriage-documents

[27] http://www.aeflwomen.com/en/the-association-of-egyptian-female-lawyers-launches-a-campaign-to-eliminate-early-marriage

[28] http://www.aeflwomen.com/en/public-seminar-on-dangers-of-trafficking-and-violence-against-women-and-children

 

Stand: 01/2017

USA

Fallbeispiel

Die junge Esther* aus New York, die einer jüdisch-orthodoxen Familie entstammt, wurde mit 17 Jahren mit einem sechs Jahre älteren Mann verheiratet. Ihre Familie war arm, die Familie ihres Zukünftigen hingegen war gut situiert. Um keine „Schande“ über die Familie zu bringen, stimmte Esther der Hochzeit zu. Sie hat ihren Mann nur ein Mal gesehen, bevor sie ihn vier Monate später geheiratet hat. Es war den beiden nicht gestattet, sich vor der Hochzeit zu sehen, somit hat Esther tatsächlich einen Unbekannten geheiratet. Später fand sie heraus, dass ihr Mann nicht nur zu viel trank, sondern auch Drogen nahm. Er fügte ihr von Anfang an sexualisierte Gewalt zu und drohte ihr außerdem, dass er ihr ihre Kinder wegnehmen würde. Esther berichtet auch davon, dass sie in ihrer Ehe mit Wissen ihres Mannes Opfer von Gruppenvergewaltigungen wurde. Sie beschloss nach neun Jahren, ihn endgültig zu verlassen. Sie floh mit ihren Kindern zu ihren Eltern und erzählte ihnen von ihrem Martyrium. Esther spricht sich heute gegen Frühehen aus und ruft auch andere dazu auf, sich dagegen stark zu machen. Sie bemerkt hierzu, dass, wenn ihre Eltern nicht die Möglichkeit gehabt hätten, durch ihre Unterschrift der Ehe zuzustimmen, sie vielleicht mit 18 den Mut gehabt hätte, nein zu sagen. Die junge Frau sagt des Weiteren, dass ihr gesamtes Leben auch heute noch davon bestimmt wird, dass sie mit 17 verheiratet wurde. [i]

* Name geändert

 

Statistik

Bevölkerung: 321 Millionen EinwohnerInnen[ii]

Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf: etwa 49.695 Euro (Stand: 2015)[iii]

UNDP Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht): 8[iv] von 187

Im Juni 2016 betrug die Arbeitslosenquote in den USA 4,9 %. 2015 lebten über 43 Mio. AmerikanerInnen in Armut, über 19 Mio. sogar in extremer Armut.[v]

 

Landesüberblick

Die USA gilt als weltweit stärkste Wirtschaftsmacht. Sie ist Mitglied in den bedeutendsten internationalen Organisationen, wie den Vereinten Nationen und der NATO. Bei den USA handelt es sich um eine Präsidialdemokratie mit einem Zweiparteiensystem. Darin sind die Republikaner und die Demokraten die größten und bedeutendsten Parteien. Zwar gibt es noch weitere kleine Parteien, diese können sich jedoch nicht gegen die oben genannten durchsetzen. Das Zweiparteiensystem birgt auch Probleme: So kommt es häufig zu innerpolitischen Blockaden.[vi] [vii] Bei den USA handelt es sich um eine föderale Republik.[viii] Jeder Bundesstaat verfügt über eine eigene Gesetzgebung. Folglich werden u.a. Straftaten je nach Bundesstaat unterschiedlich geahndet.

Verschiedene Ereignisse haben in den letzten Monaten (und Jahren) verschiedene Debatten ausgelöst:

Aktuell findet in den USA eine Debatte um Rassismus und Polizeigewalt statt. In den letzten Jahren wurden zunehmend junge Afroamerikaner von weißen Polizisten erschossen. Die Opfer waren meist unbewaffnet. Ein Beispiel hierfür ist der Mord an Walter Scott, der – obwohl er unbewaffnet war und somit keine Gefahr für den Polizisten darstellte – durch acht Schüsse in den Rücken getötet wurde. Nur Dank einer Dashcam im Polizeiwagen und der Aufnahme eines Augenzeugen konnte die Schuld des Polizisten bewiesen werden.[ix]

Im Juni 2016 wurde ein Student der renommierten Stanford University, der sich an einer bewusstlosen jungen Frau vergangen hatte, zu lediglich sechs Monaten Haft verurteilt und im September frühzeitig aus der Haft entlassen. Das Gerichtsurteil sorgte in den USA für Empörung und entfachte eine Debatte zum Thema „rape culture“ und Privilegien in den USA. Sexualisierte Gewalt stellt in den USA ein ernstes Problem dar. Tatsächlich handelt es sich bei Vergewaltigungen um das Delikt, das am seltensten angezeigt wird. Grund hierfür sind u.a. die Handhabung solcher Fälle durch die Justiz sowie die Stigmatisierung der Opfer.

Viele Teile der USA gelten noch heute als besonders konservativ. Darunter die Südstaaten: Dort befindet sich der sogenannte „Bible Belt“ (zu deutsch: Bibelgürtel). Dieses Gebiet ist insbesondere vom evangelikalen Protestantismus geprägt. Hier finden die sogenannten „Purity Balls“ (zu deutsch: Reinheitsbälle) statt, bei denen Töchter ihren Vätern versprechen, jungfräulich in die Ehe zu gehen. Bei der feierlichen Zeremonie übergibt die Tochter ihrem Vater einen kleinen Schlüssel, symbolisch für den Schlüssel zu ihrem Herzen. Diesen übergibt der Vater am Tag ihrer Hochzeit ihrem Ehemann. Zudem unterzeichnen beide einen Vertrag, in dem die Tochter ihr Versprechen festhält und ihr Vater verspricht, ein vorbildliches Leben zu führen. Hier wird ersichtlich, dass – wie in vielen anderen Kulturen – besonderer Wert auf die Jungfräulichkeit der Frau gelegt wird, denn für Söhne gibt es eine derartige Zeremonie nicht. Statistiken zeigen zudem, dass 88 Prozent der Mädchen, die ein solches Versprechen auf einem Reinheitsball gegeben haben, dieses nicht halten. Problematisch ist in diesem Zusammenhang auch die mangelnde Aufklärung: So sei das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft bzw. einer Schwangerschaft im Teenageralter bei Mädchen, die den „Reinheitsschwur“ geleistet hatten, viel höher, als bei Mädchen, die das nicht haben. Auch das Risiko, sich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit anzustecken sei in diesen Fällen höher. [x] [xi] [xii]

 

Vorkommen

Frühehen und Zwangsheiraten werden oft als Phänomen betrachtet, das nur in ärmeren Regionen der Welt bzw. im islamischen Kulturkreis vorkommt. Zwar sind die Zahlen in diesen Teilen der Welt extrem hoch, das heißt jedoch nicht, dass die reichen Industrienationen nicht auch von diesem Problem betroffen sind. So auch die USA. Daten des Tahirih Justice Center in den USA zeichnen ein besorgniserregendes Bild: Zwischen 2004 und 2013 wurden allein im Bundesstaat Virginia fast 4500 Minderjährige verheiratet; davon waren über 200 15 Jahre alt oder jünger.[xiii] In 30 bis 40 % der Fälle waren die zukünftigen EhepartnerInnen 21 Jahre alt oder älter; in einigen dieser Fälle betrug der Altersunterschied zwischen dem/der Minderjährigen und der/dem Erwachsenen sogar Jahrzehnte. 90% der verheirateten Minderjährigen sind Mädchen. 13 der unter 15-Jährigen sollen sogar mit Erwachsenen verheiratet worden sein, die über 20 Jahre älter sind.[xiv] Zwischen 2000 und 2010 haben im Bundesstaat New York 3853 Minderjährige mit Zustimmung ihrer Eltern und/ oder eines Richters geheiratet.[xv] Laut einem Bericht des Tahirih Justice Center aus dem Jahr 2011 soll es zudem 3000 Fälle von Zwangsehen in den USA gegeben haben. Die Ehefrauen sollen meist unter 18 Jahre alt gewesen sein.[xvi]

 

Beweggründe

Einer Umfrage des Tahirih Justice Center zufolge, seien Frühehen bzw. Zwangsheiraten Phänomene, die sowohl in muslimischen wie christlichen (vor allem katholischen), hinduistischen und buddhistischen Kreisen auftauchen. Fairdy Reiss, Gründerin der Organisation Unchained at Last, dokumentierte Fälle von Zwangs- und Frühehen in der jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft sowie unter Mormonen. Trotz der religiösen Unterschiede, scheinen die Gründe für eine Frühehe und/oder Zwangsheirat meist dieselben zu sein: Die Kontrolle der Sexualität bzw. der Erhalt der Jungfräulichkeit des Mädchens sowie des Verhaltens der Kinder innerhalb kultureller Normen und die Wahrung der „Familienehre“. Anhand des Beispiels der „Reinheitsbälle“ im Bible Belt ist deutlich zu erkennen, dass insbesondere die Sexualität von Mädchen kontrolliert werden soll. Auch ökonomische Faktoren spielen hier jedoch eine Rolle.[xvii] Beispielsweise fließt Geld in Form von Vermittlungsgebühren oder eines Brautpreises.[xviii] Ein weiterer Grund für eine Frühehe bzw. eine Zwangsheirat ist, dem Bräutigam bzw. der Braut aus der Heimat der Eltern zu ermöglichen, in die USA einzuwandern.[xix] [xx]

 

Gesetzliche Lage

In den meisten Bundesstaaten ist eine Eheschließung zwar erst ab 18 Jahren möglich, dennoch gibt es Ausnahmen, die eine frühere Eheschließung ermöglichen. So ist eine Eheschließung mit Zustimmung der Eltern ab dem 16. Geburtstag möglich. Eine zweite Ausnahme stellt die gerichtliche Genehmigung dar: In diesem Fall können sogar Minderjährige unter 16 Jahren heiraten. Wie bereits erwähnt, verfügt jeder Bundesstaat über eine eigene Gesetzgebung. Somit verhält es sich in puncto Eheschließung in jedem Bundesstaat anders. Während in einigen Bundesstaaten eine Eheschließung ausnahmslos erst ab 18 möglich ist, können in Bundesstaaten wie Massachusetts auch 12-Jährige Mädchen heiraten bzw. verheiratet werden.[xxi] Das war auch im Bundesstaat Virginia bis vor Kurzem möglich: Im Fall einer Schwangerschaft konnte eine 12-Jährige heiraten, wenn die Eltern der Eheschließung zustimmten. Im Juli 2016 wurde dort das Mindestheiratsalter jedoch auf 18 Jahre erhöht. Nur noch in Ausnahmefällen könne eine 16-jährige Person eine Ehe schließen.[xxii]

 

Interventionsbeispiele

Die Organisation Unchained at Last ist eine non-profit Organisation, die Frauen und Mädchen dabei unterstützt aus Zwangsehen auszubrechen bzw. diese gar nicht erst einzugehen. Dazu bietet die Organisation den Betroffenen unentgeltlich Rechtsberatung und Rechtsbeistand. Beispielsweise wurde Esther aus dem oben genannten Fallbeispiel von Unchained at Last unterstützt. Die Organisation suchte einen Anwalt, der ihr half, das volle Sorgerecht für ihre Kinder zu bekommen. Weiterhin werden junge Mädchen und Frauen bei der Suche nach einer Unterkunft unterstützt. [xxiii] [xxiv] Die Gründerin der Organisation, Fairdy Reiss, heiratetet als 19-Jährige. Wie es in der jüdisch-orthodoxen Gemeinde üblich ist, war die Ehe arrangiert. Nach 12 Jahren Ehe floh sie mit ihren zwei Töchtern vor ihrem Ehemann. Reiss ist sich der Probleme bewusst, denen Frauen auf ihrem Weg aus einer solchen Ehe heraus begegnen.[xxv] 2011 gründete sie die Organisation, die bereits 250 Mädchen und Frauen geholfen hat, aus arrangierten Ehen auszubrechen.[xxvi]

Mit seiner „Forced Marriage Initiative“ bietet das Tahirih Justice Center von Zwangsheirat betroffenen Personen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion etc. Unterstützung. Die Organisation bietet den Hilfesuchenden eine umfassende Beratung und versorgt sie mit hilfreichen Informationen (z.B. Notunterkünfte in der eigenen Umgebung).[xxvii] Die Organisation wurde 1997 von der angehenden Juristin Layil Miller-Muro mit dem Ziel gegründet, Frauen, die vor geschlechterspezifischer Gewalt fliehen, Schutz in den USA zu bieten. Ausschlaggebend war der Fall der togolesischen Fauziya Kassindja gewesen, die 1994 als Teenager aus ihrer Heimat über Ghana und Deutschland in die USA geflohen ist, um der Schließung einer polygamen Ehe zu entgehen. Miller-Muro war Teil des Anwaltsteams, das Kassindja vor Gericht vertrat, nachdem diese nach ihrer Einreise in die USA festgenommen wurde. Als Miller-Muro feststellte, dass es wenige Organisationen gab, die Frauen mit Flüchtlingsstatus rechtlichen Beistand boten, gründete sie 1997 das Tahirih Justice Center. [xxviii]

 

Stand: 12/2016

 

Quellen:

 

Zentralafrikanische Republik

Statistik

  • Bevölkerung: 4,8 Millionen
  • Religionen: Christliche Religionen (50%), animistische Religionen (35%), Islam (15%)
  • Bruttoinlandsprodukt (BIP): rund 1,559 Milliarden US-Dollar (2014 Weltbank), entspricht einem BIP pro Kopf von etwa 320 US-Dollar [1]
  • Lebenserwartung bei der Geburt: 53 Jahre für Frauen, 49 Jahre für Männer[2]
  • Analphabeten-Rate: 63,2%
  • Human Development Index (HDI) des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht): Rang 187 von 188[3]
  • 68% der Mädchen werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, 29% sogar vor ihrem 15. Geburtstag[4]

Landesüberblick

Die Zentralafrikanische Republik ist ein Binnenstaat in Zentralafrika. Die fast 5 Millionen EinwohnerInnen setzen sich aus über 80 verschiedenen ethnischen Gruppen zusammen. Das Land ist heute offiziell eine Demokratie, aber Grundfreiheiten wie die Pressefreiheit sind weiter stark eingeschränkt. Seit der Erlangung der Unabhängigkeit von Frankreich 1960, gab es mehrere Staatsstreiche, Militärrevolten und Bürgerkriege, die zusammen mit der Korruption eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung verhindert haben. Zudem haben sich bewaffnete Konflikte aus Nachbarländern wie Uganda über die Grenzen in die Zentralafrikanische Republik ausgebreitet. [5] Eine halbe Million Menschen sind Binnenflüchtlinge, 400.000 haben in den Nachbarländern Zuflucht gesucht.[6]

Vorkommen

In der Zentralafrikanischen Republik werden 68% aller Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, 29% der Mädchen sogar vor ihrem 15. Geburtstag. Die Raten ergeben sich aus dem Prozentsatz der 20-24-jährigen Mädchen, die vor Erreichen des 18. Lebensjahres verheiratet waren.[7] Damit ist die Zentralafrikanische Republik das Land mit dem dritthöchsten Aufkommen von Frühehen.

Beweggründe

Armut und schlechter Zugang zu Bildung tragen zu dem hohen Aufkommen von Frühehen in der Zentralafrikanischen Republik bei. Das Land hat das zweitniedrigste Brutto-Inlandsprodukt weltweit und Mädchen bleiben durchschnittlich nur bis zum Alter von sieben Jahren in der Schule.

Kulturelle Praktiken wie Polygamie, Brautpreis und weibliche Genitalverstümmelung sind weitere treibende Faktoren von Frühehen. Männer können in der Zentralafrikanischen Republik legal bis zu vier Frauen heiraten. Je jünger die Ehefrau ist, desto höher ist auch der gesellschaftliche Status der Familie.

In Ländern, in denen, wie in der Zentralafrikanischen Republik, Konflikte herrschen, sind Frühehen allgemein weit verbreitet. Die Familien sehen in der frühen Verheiratung eine Möglichkeit, die Sicherheit ihrer Töchter zu schützen, die andernfalls von sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt bedroht sein könnten.[8]

Gesetzliche Lage

Das gesetzliche Mindestheiratsalter liegt in der Zentralafrikanischen Republik bei 18 Jahren. Allerdings ist eine Heirat ab 13 Jahren erlaubt, wenn ein Gericht zustimmt oder das Mädchen schwanger ist. Eine frühere Heirat ist mit Zustimmung der Eltern ebenfalls legal.[9]

 

Stand: 09/2016

 

Quellen:

[1] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/ZentralafrikanischeRepublik_node.html

[2] https://esa.un.org/unpd/wpp/DataQuery/

[3] http://hdr.undp.org/en/countries/profiles/CAF

[4] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/central-african-republic/

[5] https://www.soschildrensvillages.ca/central-african-republic

[6] http://www.savethechildren.org/site/c.8rKLIXMGIpI4E/b.8730175/k.6D31/Central_African_Republic.htm

[7] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/central-african-republic/

[8] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/central-african-republic/

[9] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/central-african-republic

 

Syrien

Fallbeispiele

Maha ist erst 13 Jahre alt, aber bereits verheiratet und schwanger. Ihr Ehemann ist zehn Jahre älter als sie. „Ich wollte nicht heiraten, ich wollte die Schule abschließen und Ärztin werden. Aber meine Eltern zwangen mich zur Heirat. Mein Vater war besorgt wegen der sexuellen Belästigungen hier.“[1]

Salma, die mit ihrer Stiefmutter aus Syrien in ein Flüchtlingscamp in Jordanien floh, wurde im Alter von 13 Jahren das erste Mal gegen ihren Willen verheiratet. Während der Ehe wurde sie mehrfach vom Cousin ihres Ehemannes vergewaltigt, ohne dass dieser einschritt. Nachdem sie wegen schweren Blutungen ins Krankenhaus gebracht wurde, wurden ihr Ehemann und sein Cousin verhaftet und die Ehe geschieden. Kurz nach der Rückkehr zu ihrer Familie wurde Salma an einen 20 Jahre älteren Mann verheiratet, um die durch die gescheiterte Ehe beschmutzte Familienehre wiederherzustellen. Heute ist sie 16 Jahre alt, hat ein 9 Monate altes Baby und ist mit Zwillingen schwanger.[2]

Statistik

  • Bevölkerung: ca. 22 Millionen (Stand 2011)
  • Seit März 2011 hat der UNHCR in den Nachbarländern circa 4,8 Millionen syrische Flüchtlinge erfasst, die Zahl der Binnenflüchtlinge wird auf 6,5 Millionen geschätzt
  • 13,5 Millionen Syrer sind auf humanitäre Hilfe angewiesen[3]
  • Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen: Platz 134 von 188 (2015)[4]

Landesüberblick

Im Jahr 2011 entwickelte sich aus friedlichen Protesten gegen die Diktatur von Baschar al-Assad ein grausamer Bürgerkrieg. Die Zivilisten erleiden seitdem nicht nur Angriffe seitens der syrischen Regierung sondern auch seitens des „Islamischen Staates“ und verschiedener Rebellenmilizen. Seit September 2014 greifen die USA gemeinsam mit mehreren arabischen Staaten in den Konflikt ein, seit September 2015 auch Russland.[5] Rund 45% der Bevölkerung sind vertrieben, circa 470.000 Menschen getötet worden, geht aus einer Studie des Syrian Center for Policy Research hervor. Die Lebenserwartung ist von 70,5 Jahren (2010) auf 55,4 Jahre (2015) gefallen. Etwa 45,2% der Kinder im Schulalter besuchen keine Schule (mehr).[6]

Vorkommen

Vor Ausbruch des Krieges wurden 13% der Mädchen vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet und 3% bereits vor ihrem 15. Geburtstag. Neuere Zahlen zum Aufkommen von Frühehen in Syrien stehen uns wegen der chaotischen Situation im Land nicht zur Verfügung.[7] Wir gehen aber davon aus, dass sich das Aufkommen von Frühehen in Syrien verstärkt hat, da sich einige Auslöser von Frühehen durch den Konflikt verschärft haben und gleichzeitig neue hinzugekommen sind. Genauere Informationen gibt es zu syrischen Flüchtlingen, die in die Nachbarländer geflohen sind. Die SOS-Kinderdörfer geben den Anteil der syrischen Flüchtlingsmädchen, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet werden, mit 51% an. Besonders betroffen seien Mädchen aus Flüchtlingscamps in Jordanien, Libanon, Irak und Türkei.[8]

Syrische Flüchtlinge in Jordanien

In Jordanien lag das Aufkommen von Frühehen unter den registrierten Ehen syrischer Flüchtlinge im Jahr 2013 bei 25% und im ersten Quartal 2014 bereits bei 31,7%. Von den syrischen Mädchen, die im Alter zwischen 15 und 17 Jahren verheiratet wurden, wurden 2012 16,2% an einen mindestens 15 Jahre älteren Mann und 48% an einen mindestens 10 Jahre älteren Mann verheiratet. Da syrische Flüchtlinge ihre religiös geschlossenen Ehen häufig gar nicht oder erst später registrieren lassen, ist das genaue Aufkommen von Frühehen unbekannt. Außerdem besteht ohne Registrierung kein Schutz für die Ehefrau sowie für die aus der Ehe hervorgehenden Kinder.[9]

Eine weitere Bedrohung für junge Mädchen in syrischen Flüchtlingsgemeinschaften sind befristete Ehen, also vertraglich zeitlich beschränkte Ehen, die oft mit einer einmaligen Zahlung eines Brautpreises an den männlichen Vormund des Mädchens einhergehen. Die Mädchen müssen bei dieser Form der Ehe auf rechtliche Ansprüche gegenüber dem Ehemann verzichten und geraten so in eine prekäre Lage. Da befristete Ehen in Jordanien illegal sind und oft für eine Form von Prostitution gehalten werden, werden sie oft im Geheimen geschlossen um soziale wie gesetzliche Sanktionen zu umgehen.[10] Daher sind uns keine Zahlen zum Aufkommen von befristeten Ehen bekannt.

Beweggründe

Frühehen waren auch vor dem Krieg ein Problem in Syrien, aber der andauernde Konflikt hat zu einem drastischen Anstieg der Frühehen in Syrien und in Syrischen Flüchtlingsgemeinden geführt.[11] Viele Eltern handeln in dem Glauben, dass die Heirat den Mädchen einen Schutz, sowohl vor sexuellen Übergriffen als auch vor anderen Gefahren auf der Flucht, bietet. Die Verheiratung von Mädchen zum Schutz vor sexuellen Übergriffen ist eng verbunden mit traditionellen Geschlechterrollen und Ungleichheiten, bei denen der Wert eines Mädchens durch den Erhalt der Familienehre und ihre Rolle als Ehefrau und Mutter bestimmt wird.[12] In einer Umfrage unter syrischen Flüchtlingen in Jordanien stimmten 39,3% der Befragten der Aussage zu, dass die Verheiratung von Mädchen unter 18 Jahren dem Schutz der Familienehre dienen kann. 44,2 % der Befragten gaben an, die Verheiratung von Mädchen unter 18 Jahren sei Teil ihrer Gebräuche und Traditionen.[13] Frühehen verstetigen die Geschlechterungleichheiten weiter, da sie den Mädchen die Chance auf Bildung und ökonomische Unabhängigkeit durch eine eigene Berufstätigkeit nehmen.[14]

Andere Eltern handeln aus durch den Konflikt (und durch ihre Flucht) intensivierten ökonomischen Notlagen heraus. Die Familien sehen in der Verheiratung der Tochter eine Möglichkeit, die finanzielle Belastung zu vermindern, denn die Familie erhält häufig einen Brautpreis und sie muss mit dem Übergang der Tochter in den Haushalt der Familie des Ehemannes eine Person weniger versorgen.[15]

Bildung gilt als einer der wichtigsten Faktoren zur Vermeidung von Frühehen, schließlich werden Mädchen, die sich noch in einer Schulausbildung befinden, seltener verheiratet als Mädchen, die nicht (mehr) zur Schule gehen. Seit Beginn des Syrien-Konfliktes sind die Einschulungsraten von fast 100% auf rund 50%, in manchen Regionen, wie zum Beispiel in Aleppo, sogar auf 6% gefallen. Fehlende Bildung erhöht das Risiko für Mädchen, früh verheiratet zu werden.[16]

Gesetzliche Lage

In Syrien liegt das gesetzliche Mindestheiratsalter für Mädchen bei 17 und für Jungen bei 18 Jahren. Mit Genehmigung des männlichen Vormunds und der Zustimmung eines Richters können Mädchen bereits ab 13 und Jungen ab 15 Jahren heiraten.

In Jordanien beträgt das Mindestheiratsalter 18 Jahre, aber mit Genehmigung eines Gerichtes dürfen schon 15-Jährige heiraten.[17]

Im Libanon besteht kein einheitliches Mindestheiratsalter.[18]

Interventionsbeispiele

  • UNHCR Jordanien betreibt mehrere Aufklärungsprogramme für syrische Flüchtlinge über die Konsequenzen von Frühehen[19]
  • Seit 2013 betreibt Al Dar im Libanon drei Frauenhäuser, in denen von Gewalt betroffene Mädchen Schutz finden. Rund ein Drittel der Frauen, die das Angebot in Anspruch nehmen, sind syrisch. Al Dar bietet Kriseninterventionsgespräche, Therapiesitzungen, Rechtsberatung und sensibilisiert zu den Themen häusliche und sexuelle Gewalt und Frühehen. Unterstützt wird das Projekt von UNHCR, UNICEF und der österreichischen Caritas.[20]
  • Im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari kämpft die 15-jährige Omaima Hoshan gegen Frühehen. Nachdem sie im Alter von 11 Jahren aus Syrien geflohen war, bemerkte sie, dass viele Mitschülerinnen verheiratet wurden und danach nicht mehr in die Schule kamen. Da sie selbst dieses Schicksal nicht teilen und auch andere Mädchen davor bewahren wollte, recherchierte sie die Risiken von Frühen Ehen und drängte ihre Klassenkameraden, diese Informationen mit ihren Eltern zu teilen. Außerdem organisiert sie Kunst, Musik und Theater Workshops im Camp, um die Praxis zu schwächen.[21]

 

Stand: 09/2016

 

Quellen:

[1] http://www.savethechildren.org/atf/cf/%7B9def2ebe-10ae-432c-9bd0-df91d2eba74a%7D/TOO_YOUNG_TO_WED_REPORT_0714.PDF

[2] http://www.jordantimes.com/news/local/child-marriage-rise-among-syrian-refugees

[3] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Syrien_node.html

[4] http://hdr.undp.org/sites/default/files/2015_human_development_report.pdf

[5] http://www.zeit.de/thema/syrien

[6] http://scpr-syria.org/publications/confronting-fragmentation/

[7] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/syrian-arab-republic/

[8] http://www.sos-kinderdoerfer.de/presse/pressemitteilungen/immer-mehr-zwangsheiraten-kinderehen-syrische-fluc

[9] https://www.unicef.org/media/files/UNICEFJordan_EarlyMarriageStudy2014-email.pdf

[10] http://jordan.unwomen.org/en/digital-library/publications/2013/7/gender-based-violence-and-child-protection-among-syrian-refugees-in-jordan

[11] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage-and-the-syrian-conflict-7-things-you-need-to-know/

[12] https://www.savethechildren.org.uk/content/dam/global/reports/education-and-child-protection/too-young-to-wed.pdf

[13] http://jordan.unwomen.org/en/digital-library/publications/2013/7/gender-based-violence-and-child-protection-among-syrian-refugees-in-jordan

[14] https://www.savethechildren.org.uk/content/dam/global/reports/education-and-child-protection/too-young-to-wed.pdf

[15] https://www.savethechildren.org.uk/content/dam/global/reports/education-and-child-protection/too-young-to-wed.pdf

[16] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage-and-the-syrian-conflict-7-things-you-need-to-know/

[17] https://www.unicef.org/media/files/UNICEFJordan_EarlyMarriageStudy2014-email.pdf

[18] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/lebanon/

[19] http://www.jordantimes.com/news/local/child-marriage-rise-among-syrian-refugees

[20] http://www.fr-online.de/politik/fluechtlinge-aus-syrien-zuflucht-vor-erzwungenem-sex-und-gewalt,1472596,34177806.html

[21] http://www.huffingtonpost.com/entry/meet-the-syrian-malala_us_571fb9fde4b01a5ebde3a8ed

Mozambique

Fallbeispiele

Es war nicht Lucias Entscheidung Velasco zu heiraten. Ihre Tante stellte die beiden einander vor als sie 15 war. Velasco besuchte noch drei andere Mädchen, entschied sich dann aber für Lucia. Lucia wollte ihn nicht heiraten, ihre Familie hielt die Ehe jedoch für eine gute Entscheidung. Kurz drauf wurde sie schwanger und musste die Schule abbrechen. Lucia wollte gerne Lehrerin werden. Sie hofft, dass sie nach der Geburt mit der Unterstützung ihrer Eltern weiter zu Schule gehen kann.[1]

Als Cidalia 15 war, lernte sie einen älteren Mann kennen. Kurz darauf wurde sie von ihm schwanger und musste bei ihm einziehen. Auch wenn es nie eine offizielle Hochzeit gab, wurde die Beziehung als Ehe angesehen. Ihr Mann misshandelte sie und verließ sie nach einem Jahr. Daraufhin musste sie mittelos wieder bei ihrer Familie einziehen. Da sie sich um Ihren Sohn kümmern muss, kann sie die Schule nicht besuchen.[2]

Statistik

Bevölkerung: ca. 25,2 Millionen EinwohnerInnen (UNDP)

Platz 178 von 187 im Human Development Index der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht) (UNDP)

54,7% der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze von 1,25 US$ am Tag (UNDP)

50% der Erwachsenen sind AnalphabetInnen (UNDP)

48% der Mädchen werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet (UNICEF)

Landesüberblick

Mozambique gilt als Beispiel für erfolgreichen politischen und wirtschaftlichen Wandel. Das Land erreichte 1975 die Unabhängigkeit von Portugal. Die frühen Jahre des unabhängigen Staates waren durch den 16 Jahre dauernden Bürgerkrieg geprägt. Seit dem Friedensvertrag von 1992 und dem anschließenden Konsolidierungsprozess gilt die noch relativ junge Demokratie trotz innenpolitischer Spannungen im südlichen Afrika und auch international

als politisch stabiles Land. Die Republik Mosambik ist eine zentralistisch strukturierte Präsidialdemokratie. Seit den ersten freien Wahlen vom Oktober 1994 liegt die gesetzgebende Gewalt beim Parlament. [3]

Trotz positiven Wirtschaftswachstum und mittelfristiger Perspektiven leben fast 55% der mosambikanischen Bevölkerung immer noch unter der Armutsgrenze und mit einem Bruttoinlandsprodukt von 593 US-Dollar pro Kopf zählt Mosambik zu den ärmsten Ländern der Welt. Das Land bleibt stark anfällig für äußere Faktoren (Weltmarktpreise für Öl, Weizen und die Exportprodukte Aluminium und Kohle; Wechselkurs). Einheimisches Unternehmertum und lokale Arbeitskraft sind unterqualifiziert und unterentwickelt. Das Geschäftsklima wird von vielen Unternehmern als entwicklungshemmend gesehen. Unzureichender Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten, Korruption und wenig oder schlecht ausgebaute Infrastruktur werden als größte Hemmnisse genannt.

Die meisten Menschen im ländlichen Raum leben von Subsistenzlandwirtschaft oder von mit einfachen Mitteln betriebener Fischerei. Etwa die Hälfte aller Erwachsenen sind AnalphabetInnen. Die Gesundheitsversorgung ist unzureichend und die HIV-Prävalenzrate unter Erwachsenen ist mit 12,5% landesweit besorgniserregend.[4]

Vorkommen

Fast jedes zweite Mädchen wird in Mozambique vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, ca. 48%. 14.3% der Mädchen zwischen 20 und 24 wurden vor ihrem 15. Lebensjahr verheiratet. In den nördlichen Regionen liegt die Zahl der minderjährig verheirateten Mädchen sogar bei 55% unter 18 und bei 45% unter 15.

Wie auch in anderen Ländern im südlichen Afrika, besonders aber in Malawi, Zambia und Mozambique, werden sogenannte Initiationsrituale mit jungen Mädchen, teilweise schon im Alter von 9 Jahren, durchgeführt. In Mozambique werden diese Rituale von angesehenen älteren Frauen geleitet, welche die Mädchen auf ihr Leben als verheiratete Frau vorbereiten und sie darüber aufklären, wie sie ihren Ehemann sexuell befriedigen können.

Von Seiten der Gesetzgebung wurde diese Praktik zwar verboten, in etlichen Gemeinden werden diese Rituale aber weiterhin praktiziert. Dabei werden manchmal auch weibliche Genitalverstümmelungen praktiziert, auch im Glauben, dass diese das sexuelle Vergnügen der Männer verbessern würden.[5]

Beweggründe

In Mozambique, wie auch in weiten Teilen des südlichen Afrikas, ist einer der Hauptbeweggründe für Frühehen Armut. Die prekäre finanzielle Lage der Eltern veranlasst diese oft, ihre Töchter sehr früh zu verheiraten. Viele der Mädchen brechen danach die Schule ab und werden schwanger.

Die Eltern erhalten durch die Heirat einen Brautpreis, sog. Lobolo, und müssen dann eine Person weniger finanziell unterstützen, da diese Verantwortung nun in der Hand des Ehemannes liegt. Für eine Familie, die unterhalb der Armutsgrenze lebt, ist das eine große finanzielle Entlastung.

Normen und Grundsätze über die Heiratsfähigkeit eines Mädchens werden in den Gemeinschaften und von MeinungsführerInnen weitergegeben und erhalten. Großen Einfluss haben dabei vor allem die weiblichen Ältesten, die oft auch für die Initiationsrituale verantwortlich sind.

Die Rituale markieren für die Mädchen den Übergang in das Erwachsenwerden und die soziale Norm befürwortet, dass die Mädchen danach für eine Ehe und Fortpflanzung bereit sind. Dadurch werden Frühehen gesellschaftlich legitimiert.[6]

Gesetzliche Lage

Das gesetzliche Mindestheiratsalter in Mozambique liegt bei 18 Jahren. Mit Zustimmung der Eltern ist eine Ehe allerdings schon ab 16 Jahren möglich.

Bei einem Verstoß ist dennoch nicht mit einer rechtlichen Ahndung zu rechnen.

Der Großteil der Ehen sind jedoch religiöse oder soziale Bindungen und werden nicht offiziell registriert. Oft werden diese auch einfach nur durch die Zahlung eines Brautpreises geschlossen. Sie werden von der Gesellschaft jedoch genauso bindend angesehen wie eine Ehe.[7]

Interventionsbeispiele

Im April 2016 hat Mozambique die „National Strategy to Prevent and Combat Child Marriage“ eingeführt. Diese wurde unter der Federführung des Ministeriums für Gender, Kinder und Soziales entwickelt, mit Unterstützung zahlreicher anderer Ministerien, internationaler Organisationen und Partnern. Die Strategie skizziert acht essentielle Säulen, die unabdingbar sind um Frühehen in Mozambique zu beenden. Darunter sind eine soziale Mobilisierungskampagne, die Verbesserung des Zugangs für Mädchen zu Bildung, sexueller und reproduktiver Gesundheitsversorgung, Familienplanung und Sexualerziehung, sowie eine Reform des rechtlichen Rahmens.

Damit hat Mozambique eine der ambitioniertesten Strategien gegen Frühehen in der Region eingeführt. Die Umsetzung der Strategie steht jedoch noch am Anfang und es bleibt abzuwarten, wie erfolgreich diese in den nächsten Jahren verläuft.[8]

Quellen

[1] http://www.unicef.org.mz/en/in-the-end-it-wasnt-my-choice-child-marriage-in-mozambique/

[2] https://www.theguardian.com/global-development/2015/nov/26/mozambique-child-marriage-african-girls-summit-lusaka-zambia

[3] https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/mosambik-node/-/221784

[4] http://www.mz.undp.org/content/mozambique/en/home/countryinfo/

[5] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/mozambique/

[6] http://www.unicef.org.mz/wp-content/uploads/2015/07/EN_Moz_Child_Marriage_aw-Low-Res.pdf

[7] http://www.unicef.org.mz/wp-content/uploads/2015/07/EN_Moz_Child_Marriage_aw-Low-Res.pdf

[8] http://www.girlsnotbrides.org/press-release-mozambique-launches-national-strategy-to-end-child-marriage/

 

Guinea

Fallbeispiel

Mariame wollte eigentlich die High School beenden wie ihre Freundinnen. Aber wie viele junge Mädchen in Guinea, bekam sie Druck, zu heiraten. Nach lokaler Tradition heiratete sie einen älteren Mann, als sie 13 war. Mit ihm zog sie in die Hauptstadt von Sierra Leone, wo sie niemanden kannte. Ihre Eltern verpflichteten sie zwar dazu, einen Mann zu heiraten, der ihnen versprach, dass sie weiterhin die Schule besuchen dürfe. Nachdem sie zu ihm gezogen war, erklärte er allerdings, dass er sie nicht geheiratet habe, damit sie zur Schule gehen kann, sondern damit sie sich um den Haushalt kümmert und ihm Kinder gebärt.

Die fünf Jahre, in denen sie bei ihm lebte, waren von Gewalt geprägt. Nach dem sie keine Kinder bekam, warf er sie aus dem Haus, damit er eine andere Frau heiraten kann, die ihm Kinder gebärt. Mariame kehrte daraufhin zurück zu ihren Eltern nach Guinea. Die mittlerweile 18-Jährige wohnt dort bei ihrer Mutter und besucht wieder die Schule.[i]

Statistik

Bevölkerung: ca. 12,2 Millionen EinwohnerInnen (UNDP)

55,2% der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze von 1,25 US$ am Tag (UNDP)

65% der Menschen sind AnalphabetInnen (UNDP)

52% der Mädchen werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet (UNICEF)

Landesüberblick

Kurz nach der Unabhängigkeit kamen in Guinea bis 2008 zwei langjährige autoritäre Regime an die Macht: 1958 – 1984 die diktatorische Einparteienherrschaft unter Präsident Sekou Touré; 1984 – 2008 das trotz politischer Öffnung autokratische System unter Präsident Lansana Conté. Guinea ist seit der Verfassung von 1991 eine präsidiale Republik. Die Republik Guinea von heute ist geprägt von einem demokratischen Aufbruch.

Guinea gehört trotz großer natürlicher Ressourcen zu den ärmsten Ländern der Welt. Ursächlich dafür ist das unter dem damaligen Staatspräsidenten Sekou Touré durchgeführte Experiment einer sozialistisch orientierten Staats- und Planwirtschaft, das scheiterte und bestehende Wirtschaftsstrukturen ruinierte.

Seit 2010 zielt die Politik verstärkt auf eine Teilhabe am internationalen Wirtschaftssystem ab. Defizite des Rechtsstaats, schwache staatliche Strukturen und unzureichende Ausbildungssysteme verschlechtern zusätzlich die Investitionsbedingungen. Die Bildungspolitik gehört zu den größten Herausforderungen für den guineischen Staat. Die Ebola-Epidemie behinderte zudem einen breiten wirtschaftlichen Aufschwung: Der Ausbruch der Epidemie führte in den Jahren 2014 und 2015 zu einem empfindlichen Rückgang in der binnenmarktorientierten landwirtschaftlichen Produktion und zu ausbleibenden Investitionen. Schlechte Regierungsführung, Vetternwirtschaft und die nach wie vor hohe Korruption (Transparency International Corruption Perception Index 2015 Platz 139 von 167), hemmen nach wie vor den wirtschaftlichen Aufschwung.[ii]

Vorkommen

Etwa 52% der Mädchen in Guinea werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Die Zahl in ländlichen Gebieten ist dabei mehr als doppelt so hoch wie in Städten. [iii]

Nur etwa 23% der Mädchen erhalten eine weiterführende Schulbildung nach der Grundschule. Der Zusammenhang zwischen Bildung und Heiratsalter ist nur schwer zu ignorieren. 73% der Mädchen ohne Schulbildung werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Im Vergleich dazu liegt die Zahl der Frühehen bei Mädchen mit weiterführender Schulbildung bei nur 27%.

Die Zahl der Frühehen hat sich kaum merklich verringert in den letzten 15 Jahren. Nach wie vor sind Mädchen, aus Familien die unter der Armutsgrenze leben, am stärksten gefährdet und nur weniger als 1 von 10 Mädchen verwendet Verhütungsmittel.[iv]

Beweggründe

Wie auch in vielen anderen Ländern, ist Armut der größte Beweggrund für Eltern, ihre Töchter so früh wie möglich zu verheiraten. Oft zahlen die Ehemänner den Eltern einen Brautpreis für ihre Töchter und mit der Heirat gehen die finanziellen Verpflichtungen für das Mädchen von der Familie auf den Ehemann über.

Armut und der mangelnde Zugang zu Bildungseinrichtungen sind die größten Auslöser für Frühehen in Guinea. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze und über ein Drittel der Kinder werden zwei Jahre später eingeschult als eigentlich vorgesehen. 65% der Menschen können nicht lesen und schreiben.

Eine Heirat wird als Verbindung zweier Familien angesehen und nicht als die Wahl von zwei individuellen Menschen. Männer, die mehrere junge Bräute haben, werden hoch angesehen. Das durchschnittliche Heiratsalter bei Mädchen liegt bei 14 Jahren und mehr als 25% der 15 bis 19-Jährigen leben in einer Polygamen Verbindung. [v]

In Guinea gibt es außerdem eine Tradition, die als Soroya System bekannt ist: Wenn die Ehefrau stirbt, bieten ihre Eltern dem Ehemann an, ihre jüngere Schwester zu heiraten, damit eine gute Beziehung mit dem Ehemann und gegebenenfalls auch Unterhaltszahlungen aufrechterhalten werden können.

Stirbt ein Ehemann, kann dann andersherum dessen Bruder seine Witwe zur Ehefrau nehmen.

Es kommt auch vor, dass eine Ehe als „Kompensation“ oder „Einigung“ zwischen Familien von sexuell missbrauchten Mädchen und ihren Peinigern geschlossen wird.[vi]

Gesetzliche Lage

Gegenwärtig regelt in Guinea der Child Code 2011 das Mindestheiratsalter. Darin wird dieses auf 18 Jahre für Mädchen und Jungen festgeschrieben, mit oder ohne Zustimmung der Eltern.

In der Praxis wird ein Verstoß dagegen jedoch nicht konsequent geahndet. Auch finden viele Eheschließungen in sozialen oder religiösen Zeremonien statt, welche nicht unter das Gesetz fallen, aber für die Mädchen genauso bindend sind.

Zwar wurde 2009 eine Sensibilisierungskampagne zur Aufklärung gegen
Kinderheirat von den Behörden Guineas, Journalisten und NGOs durchgeführt. Trotz dieser breit angelegten Kampagne ist die Zahl der Frühehen kaum zurückgegangen.[vii]

Interventionsbeispiel:

Diaryatou kommt aus einer Familie mit vier Ehefrauen und mehr als 20 Kindern. Schon ihre Mutter wurde mit 13 verheiratet. Schon in ihrer Kindheit erlebte sie Gewalt, als sie mit 8 Jahren Opfer einer weiblichen Genitalverstümmelung wurden. Mit 14 Jahren wurde sie mit einem 30 Jahre älteren Mann in Frankreich verheiratet. Die Ehe ist von körperlicher und seelischer Misshandlung geprägt. [viii]

Sie blieb 7 Jahre lang bei ihm, bis sie ihn schließlich mit 21 Jahren verlässt. Hilfe bekam sie dabei von einer französischen Sozialarbeiterin, welche ihr lesen und schreiben beibrachte. Diaryatou schrieb ein Buch („Ich kämpfte für ein neues Leben“) über ihr Leben und gründete 2006 eine NGO. Mit „Espoirs et combats de femmes“ hilft sie Migrantinnen in Frankreich, aber auch Frauen in ihrem Heimatland, die Opfer von sexualisierter Gewalt und weiblicher Genitalverstümmelung wurden.[ix]

 

Quellen

[i] https://www.childfund.org/Content/StoryDetail/2147492072/

[ii] https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/guinea-node/-/206132

[iii] http://www.unicef.org/wcaro/english/UNICEF-Child-Marriage-Brochure-low-Single(1).pdf

[iv] CARE: Vows of poverty, 2016

[v] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/guinea/

[vi] https://www.childfund.org/Content/StoryDetail/2147492072/

[vii] https://www.unicef.nl/media/4464270/unc_rapport_child_notice_guinee_en_final_web.pdf.

[viii] http://www.unicef.org/infobycountry/guinea_46390.html

[ix] http://www.excisionparlonsen.org/diaryatou-bah-du-traumatisme-a-lengagement/

Malawi

Fallbeispiel

Elina V. 19, heiratete einen 24-jährigen Mann als sie 15 war. Er war Fischer und hat ihr gelegentlich Geld gegeben. Sie besuchte die Schule, bis sie von ihm schwanger wurde und von ihrer Mutter gezwungen wurde, ihn zu heiraten.

Ihre Ehe war von Gewalt geprägt und sie musste neben dem Haushalt auch bei der Feldarbeit helfen. Sowohl von ihrem Mann, als auch von ihrer Schwiegermutter wurde sie körperlich und verbal misshandelt. Als ihre Schwiegermutter ihrem Sohn verbot Elina Geld zu geben, jagte er sie fort. Seitdem hat sie keine Unterstützung mehr für sich und ihr Kind und lebt übergangsweise bei ihrer Schwester. [i]

Ein weiteres Fallbeispiel findet sich im Bericht “I’ve Never Experienced Happiness” - Child Marriage in Malawi von Human Rights Watch auf Seite 33. 

Statistik

Bevölkerung: ca. 15.9 Millionen EinwohnerInnen (UNDP)

Platz 170 von 187 im Human Development Index der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht) (UNDP)

50,7% der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze von 1,25 US$ am Tag (UNDP)

84% der Jugendlichen sind AnalphabetInnen (UNDP)

50% der Mädchen werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet (unicef)

Landesüberblick

Malawi liegt am drittgrößten Binnengewässer Afrikas, dem Lake Malawi. In Ermangelung größerer mineralischer Rohstoffreserven ist Malawi fast gänzlich auf landwirtschaftliche Produkte fokussiert. Zu den Hauptexportgütern gehören Tabak, Tee und Zucker. Ca. 90% der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft, im Wesentlichen als Klein- und Subsistenzbauern. Über die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze von 1,25 US$ am Tag und damit in extrem prekären Lebensverhältnissen. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 320 US$ gehört Malawi zu einem der ärmsten Länder der Welt.[ii]

Malawi ist eine junge präsidentielle Demokratie. Erst 1994 fanden nach jahrzehntelanger Einparteien-Herrschaft und Diktatur die ersten freien Wahlen statt, bei denen mehrere Parteien zugelassen waren. Der Präsident ist gleichzeitig Regierungschef. Er besitzt aufgrund seiner direkten Wahl durch das Volk eine starke Stellung.

Die Verfassung legt die Gleichberechtigung der Frau fest. Gesetze, die noch überkommene frauenfeindliche Regeln enthalten, sind verfassungswidrig und werden unter Mitwirkung der "Law Commission" aufgehoben.In der Realität ist Malawi von der Chancengleichheit der Geschlechter noch weit entfernt. Mädchen werden schon früh an ihre der Tradition gemäße Rolle als Hausfrau und Mutter herangeführt. Indiz dafür ist, dass bereits in der sekundären Bildung der Anteil von Mädchen und jungen Frauen rapide abnimmt. [iii]

Die etwa 14 Millionen EinwohnerInnen gehören verschiedenen Bantuvölkern an, doch die Zahl der Volksgruppen ist in Malawi anders als in vielen Staaten der Region vergleichsweise klein: Es werden insgesamt 13 verschiedene Kultur- und Sprachgruppen unterschieden. Die größte ethnische Gruppe in Malawi bilden die Chewa, die knapp 40% der Bevölkerung stellen und hauptsächlich in der Zentralregion angesiedelt sind. Es folgen die Lomwe mit 17,6% und die Yao mit 13,5%. Amtssprachen sind Englisch und Chichewa.
In Malawi ist es bisher nicht zu gewaltsam ausgetragenen ethnischen Konflikten gekommen. Ein regionales Identitätsbewusstsein herrscht jedoch vor. Diese regionalen Identitätslinien spielen bis heute eine wichtige Rolle, vor allem bei Korruption und Nepotismus.[iv]

Vorkommen

Im Durchschnitt wird eins von zwei Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Eine Studie der Vereinten Nationen 2010 ergab, dass 50% der 20 bis 24-jährigen Frauen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet wurden. Bei den Männern lag der Wert hingegen bei nur 6,4%.

12% dieser Frauen wurde bereits vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet. Bei Männern lag der Wert bei 1,2%.[v]

Die Malawische Human Rights Commission stellte in einer Studie von 2005 zu kulturellen Praktiken fest, dass einige Mädchen bereits im Alter von 9 Jahren, unmittelbar nach Erreichen der Pubertät, zur Heirat gezwungen werden, falls sie eine körperlich Reife haben. Jungen hingegen werden meist erst mit 17 verheiratet.[vi]

In Teilen Malawis werden zur Vorbereitung auf die Ehe sogenannte „sexuelle Initiationsriten” durchgeführt: Kusasa fumbi, übersetzt etwa Reinigung. Unter anderem in speziellen Camps werden junge Mädchen, manche gerade erst 7 Jahre alt, gezwungen zu lernen, wie sie Männer sexuell befriedigen sollen. Teilweise werden sie dabei entjungfert, oftmals ohne schützende Kondome. Dadurch erhöht sich für sie das Risiko, schwanger zu werden oder an einer sexuell übertragbaren Krankheit wie HIV zu erkranken. In manchen Fällen soll es dabei auch zu FGM (Female Genital Mutilation) kommen. Genaue Zahlen über die Häufigkeit lassen sich dazu jedoch nicht finden.[vii]

Beweggründe

Die Hauptgründe für eine so große Verbreitung von Frühehen in Malawi sind vor allem die große Armut, Teenager-Schwangerschaften, Tradition, eine Kultur die Gewalt gegen Frauen und Mädchen toleriert, sowie ein Mangel an angemessenen Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Alle diese Faktoren sind mit einem Mangel an starken rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen verbunden.

Vor allem die hohe Armut in Malawi ist ein bedeutender Faktor bei Frühehen. Viele arme Familien sehen junge Mädchen als finanzielle Belastung, was dazu führt, dass sie so früh wie möglich versuchen ihre Töchter zu verheiraten. Sowohl die Familien, als auch die Mädchen selbst versuchen die Heirat als einen Weg aus der Armut zu nutzen. Viele Familien glauben, dass ihre Töchter dadurch die Chance auf ein besseres Leben erhalten.

In der nördlichen Region wird eine Ehe auch als Form der Rückzahlung von Schulden geschlossen. Die Eltern geben dabei ihre Tochter einem Gläubiger zur Frau, um damit eine Schuld zu begleichen.

Ebenfalls auf Grund von Armut, lassen sich viele junge Mädchen auf sexuelle Handlungen im Tausch gegen Geld oder Essen ein. Manche werden auch von ihren Eltern dazu gezwungen, da dies in Malawi eine allgemein akzeptierte Praxis ist.

Auf Grund der schlechten Kenntnissen der jungen Mädchen über Sexualität und Verhütung

oder weil sie Verhütung gegenüber dem Mann oft nicht durchsetzten können, werden viele Mädchen schwanger und sind dann gezwungen zu heiraten.

Unverheiratete, schwangere Mädchen werden nach wie vor als Schande angesehen und die Ehe gilt dann als bestes Mittel, um die Familienehre zu bewahren.[viii]

Gesetzliche Lage

Die malawische Regierung hat 2015 einen Schritt zur Abschaffung von Frühehen getan und das Gesetzt „Marriage, Divorce and Family Relations“ verabschiedet. Darin wird erstmals das Mindestheiratsalter auf 18 Jahre festgesetzt und ein Verstoß kann mit bis zu 10 Jahren Gefängnis bestraft werden.[ix]

Allerdings kann das neue Gesetzt nicht die Verfassung überschreiben, welche weiterhin eine Heirat ab 15 Jahren mit Zustimmung der Eltern erlaubt. Auch verbietet die Verfassung nicht konkret die Ehe von Kindern unter 15 Jahren, die Regierung wird lediglich dazu angehalten diese zu „entmutigen“.[x]

Die widersprüchliche Gesetzgebung und die nach wie vor hohe Armut sind daher ein großes Problem für die Bekämpfung von Frühehen in Malawi.

Interventionsbeispiele

Theresa Kachindamoto, Senior Chief im Dedza Distrikt, hat seit 2014 850 Kinderehen aufgelöst. Sie überzeugte ihre 50 Sub-Chiefs, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, Kinderehen nicht zuzulassen bzw. zu annullieren. Sie setzt sich zudem vehement für ein Ende der sogenannten „sexuellen Initiationsriten” ein. Die Kinder wurden zurück in die Schulen geschickt, notfalls mit Stipendien.

Vier Chiefs, die entgegen der Vereinbarung Kinderehen zugelassen hatten, wurden entlassen und erst wieder eingestellt, nachdem sie die Ehen aufgelöst hatten.[xi]

 

Quellen:

[i] https://www.hrw.org/report/2014/03/06/ive-never-experienced-happiness/child-marriage-malawi

[ii] http://www.mw.undp.org/content/malawi/en/home/countryinfo/

[iii] https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/malawi-node/-/208524

[iv] https://www.liportal.de/malawi/gesellschaft/

[v] https://dhsprogram.com/pubs/pdf/FR247/FR247.pdf

[vi] https://www.hrw.org/news/2014/03/06/malawi-end-widespread-child-marriage

[vii] https://www.one.org/de/blog/2016/04/14/chief-kachindamoto-mutige-kaempferin-gegen-kinderehen/

[viii] https://www.hrw.org/report/2014/03/06/ive-never-experienced-happiness/child-marriage-malawi

[ix] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/malawi/

[x] https://www.hrw.org/news/2015/02/25/dispatches-preventing-child-marriage-malawi

[xi] http://www.aljazeera.com/indepth/features/2016/03/malawi-fearsome-chief-terminator-child-marriages-160316081809603.html

 

Burkina Faso

Fallbeispiele

Adjaratou ist 11 Jahre alt, als sie von ihrem Vater mit einem 37-jährigen Mann verheiratet wird. Ihr Ehemann verbietet ihr trotz herausragender Noten die Grundschule abzuschließen mit der Begründung, dass ihr Platz zuhause am Herd sei. Um die Ehre der Familie zu wahren, wird von ihr erwartet, seinem Willen zu folgen. Ihrer Tante ist es zu verdanken, dass sie der Situation entkommen kann. Sie nimmt Ajaratou zu sich und schickt sie zur Großmutter des Mädchens, einer respektierten Frau mit gutem Status in der Community. Dort ist sie sicher vor einer Vergeltung ihres Vaters und kann ihre Schulbildung fortsetzen. [1]

Maria wird mit 13 Jahren von ihrem Vater zur Eheschließung mit einem 70-jährigen Mann gezwungen. Sie versucht sich zu wehren. Ihr Vater droht ihr jedoch, sie zu töten, sollte sie sich verweigern, die sechste Ehefrau des Mannes zu werden. Ihre vier älteren Schwestern werden ebenfalls zwangsverheiratet. Von allen Töchtern wird erwartet, ihr Leben als Hausfrauen und Mütter zu leben. Maria zieht zuerst in das Haus ihrer Mit-Ehefrauen, es gelingt ihr aber die Flucht. Sie legt 170 Kilometer zu Fuß zurück, bevor sie zu einer Schutzeinrichtung für Mädchen gelangt. [2]

 

Statistik

  • Bevölkerung: 17,6 Millionen EinwohnerInnen (Auswärtiges Amt 2015) [3]
  • Human Development Index der Vereinten Nationen: Platz 183 von 188 Ländern (2014) [4]
  • 71% der Bevölkerung ab 15 Jahren sind AnalphabetInnen (UNICEF 2015) [5]
  • 45% der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze von US$1,25 am Tag (UNICEF 2015) [5]
  • 52% der 20- bis 24 jährigen Frauen waren bei ihrer Hochzeit unter 18 Jahre alt. (UNICEF 2015) [5]

 

Landesüberblick

Burkina Faso gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Bei einem BIP von 12,5 Milliarden US-Dollar im Jahre 2014 beruht die Wirtschaft neben dem Bergbau und Baumwollanbau primär auf Subsistenzwirtschaft. Damit ist die wirtschaftliche Situation des Landes abhängig von klimatischen Bedingungen und den Weltmarktpreisen. Außerdem spielt die geographische Lage als Binnenland ökonomisch eine benachteiligende Rolle. Ein großer Anteil der Bevölkerung ist von Armut betroffen. So leben 45% der Bevölkerung von weniger als US$1,25 am Tag und das Land weist einen der schlechtesten Werte des menschlichen Entwicklungsindexes auf. Mehr als 80% der Menschen leben auf dem Land und betreiben Subsistenzwirtschaft. Der kulturelle Hintergrund der Bevölkerung ist divers mit ca. 60 verschiedenen ethnisierten Bevölkerungsgruppen. Über 50% der Bevölkerung bekennt sich zum Islam. Seit [6, 7]

Burkina Fasos politisches System ist eine parlamentarische Demokratie nach französischem Vorbild. 2015 fanden seit 55 Jahren zum ersten Mal freie Wahlen statt. Mit der Wahl Roch Marc Christian Kaborés kommt der Präsident des Landes erstmalig nicht aus den Reihen der Militärs. [8, 9]

Anfang 2015 hat die Regierung von Burkina Faso offiziell die Kampagne der Afrikanischen Union zu einer Beendigung der Praxis von Frühehen aufgegriffen und das Thema damit auf die politische Agenda gesetzt. [10]

 

Vorkommen

West- und Zentralafrika ist nach Südasien die Weltregion mit dem höchsten Vorkommen von Frühehen. Burkina Faso bildet darin keine Ausnahme. Einer UNICEF-Studie zufolge, die Daten zwischen 2005 und 2013 erhob, waren 10% bzw. 52% der 20- bis 24-jährigen Frauen vor ihrem 15. bzw. ihrem 18. Geburtstag verheiratet oder lebten in einer eheähnlichen Gemeinschaft. Damit steht Burkina Faso an sechster Stelle der Länder mit den höchsten Raten von Frühehen. Wenn die aktuelle Dynamik weiter anhält, wird sich aufgrund des schnellen Bevölkerungsanstiegs die Anzahl von minderjährigen Ehefrauen bis 2050 verdoppeln. Eine weitere UNICEF-Studie zeigt außerdem, dass Burkina Faso zwischen 2000 und 2011 einen negativen Trend in Richtung eines früheren durchschnittlichen Heiratsalters aufwies. [5, 11]

Neben Frühverheiratungen erfahren zahlreiche Mädchen und Frauen in Burkina Faso auch anderen Formen geschlechtsbasierter Gewalt. Von weiblicher Genitalverstümmelung etwa sind einem UNICEF-Bericht von 2013 zufolge 76% der Mädchen und Frauen betroffen. Gesetzlich ist die Praxis seit 1996 verboten. [12]

Obwohl die frühe Verheiratung von Mädchen im ganzen Land hoch ist, gibt es regionale Unterschiede. Beispielsweise weist die Sahelregion im Norden des Landes die höchsten Raten von Frühverheiratungen auf. Des Weiteren sind am meisten Mädchen mit geringem Bildungshintergrund, die von Armut betroffen sind und aus ländlichen Regionen stammen, von Frühehen betroffen. Die Mehrheit der minderjährigen Ehefrauen lebt außerdem in einer polygenen Vereinigung, bei denen eine Hierarchie unter den Ehefrauen vorhanden sein kann. Ein späteres Heiratsalter wurde in Zusammenhang mit dem Innehaben eines Jobs und städtischem Wohnsitz gebracht.

Eine Folge der Vielzahl an Frühverheiratungen in Burkina Faso, sind frühe Schwangerschaften. Die Hälfte der Mädchen, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet sind, wird im ersten Ehejahr schwanger. Eine Schwangerschaft in jungem Alter birgt hohe physische Risiken für die Mädchen. [13, 14]

 

Beweggründe

Ein Beweggrund für Eltern, ihre Töchter im Kinder- und Jugendalter zu verheiraten, kann deren ökonomisch prekäre Situation sein. Dies kann bedeuten, dass die Schulgebühren nicht bezahlt, Töchter nicht ausreichend ernährt werden können oder durch ihre Verheiratung eine Mitgift erhalten wird. Außerdem werden Ehen geschlossen, um Beziehungen zwischen Familien zu festigen. Des Weiteren spielen kulturelle Traditionen in einem Kontext aus mangelnden Bildungschancen und der Überforderung von Eltern mit einer hohen Kinderanzahl eine Rolle. Um die Familienehre zu wahren, gilt es, eine außereheliche Schwangerschaft der Töchter zu verhindern. Eine frühe Verheiratung bietet die Möglichkeit, dies zu gewährleisten. Da Polygynie weit verbreitet ist, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die Mädchen zu verheiraten. Außerdem werden Frühehen im öffentlichen Diskurs selten für problematisch erklärt. Dies wird in einer Studie als Hauptgrund für das hohe Vorkommen und Fortbestehen der Praxis erkannt. [14, 15]

 

Gesetzliche Lage

In Burkina Faso regelt § 238 des Personen- und Familienrechts die Voraussetzungen für eine Eheschließung. So dürfen Frauen ab 17 Jahren und Männer ab 20 Jahren heiraten. Ausnahmen von diesem Gesetz können von einem Gericht erteilt werden. Außerdem ist es zivilrechtlich geregelt, dass Frauen das Recht haben, ihren Partner selbst zu wählen. [16]

Problematisch ist, dass die gesetzliche Lage nicht konsequent durchgesetzt wird und auch nur für zivile Eheschließungen gilt. Religiöse und traditionelle Eheschließungen kommen häufig vor, sind aber nicht registriert und daher nicht von den gesetzlichen Bestimmungen betroffen. Frühehen werden meist durch religiöse und rituelle Zeremonien geschlossen. [17]

                                                                              

Interventionsbeispiel

  • Die Organisation Mwangaza Action leistet in Kooperation mit dem Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen Aufklärungsarbeit in den Gebieten des Landes, in denen Frühehen weit verbreitet sind. Die Strategie ist, lokale Autoritäten zu MultiplikatorInnen auszubilden, die sich für die Abschaffung von Frühehen und für die Bildung von Mädchen aussprechen. Ungefähr 2500 Mädchen sollen bislang durch das Programm erreicht worden sein. [18, 19]
  • 2013 hat EngenderHealth zusammen mit der US-amerikanischen Agentur für internationale Entwicklung in Westafrika das Projekt „Agir pour la Planification Familiale“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, den Zugang zu Familienplanungsangeboten zu erhöhen und die Risiken früher Schwangerschaften zu verringern. Dabei wird Aufklärungsarbeit über Verhütungsmöglichkeiten geleistet, der Zugang zu Verhütungsmittel ausgebaut sowie die Qualität der vorhandenen Verhütungsmittel verbessert. [20]
  • Die Association Bangr Nooma (ABN), hat 2015 eine Schutzeinrichtung und Beratungszentrum für von Gewalt betroffene Mädchen und Frauen in Ouagadougou eröffnet. ABN ist Partnerorganisation von TERRE DES FEMMES und wurde mit Vereinsmitteln und Mitteln des BMZ bezuschusst. ABN setzt sich seit 1998 durch Aufklärungsarbeit v.a. für von weiblicher Genitalverstümmelung Betroffene ein. An die neu eröffnete Beratungsstelle können sich Mädchen Frauen wenden, die von jeglicher Form von geschlechtsbasierter Gewalt, u.a. Zwangsverheiratung betroffen sind und erhalten dort Unterstützung und Schutz. [21]

 

Quellen

  1. http://www.unicef.org/bfa/english/reallives_10015.html
  2. http://www.news.com.au/lifestyle/real-life/true-stories/go-to-your-husband-teenage-girls-forced-to-wed-in-burkina-faso/news-story/45a9abc028d17c56b7f006c8f93f70b8
  3. http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/BurkinaFaso_node.html
  4. http://hdr.undp.org/en/composite/HDI
  5. http://www.unicef.org/publications/files/SOWC_2015_Summary_and_Tables.pdf
  6. https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/burkinafaso-node/wirtschaft/212338
  7. https://www.liportal.de/burkina-faso/wirtschaft-entwicklung/
  8. https://www.liportal.de/burkina-faso/geschichte-staat/#c58715
  9. https://www.tagesschau.de/ausland/burkina-faso-wahl-101.html
  10. https://au.int/en/newsevents/27020/burkina-faso-launches-au-campaign-end-child-marriage-africa
  11. http://www.unicef.org/media/files/Child_Marriage_Report_7_17_LR..pdf
  12. http://www.childinfo.org/files/FGCM_Lo_res.pdf
  13. https://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/burkina-faso/
    UNFPA (2012): Fact Sheet zu Frühehen in Burkina Faso
  14. http://www.girlsnotbrides.org/wp-content/uploads/2013/10/Ford-Foundation-CM-West-Africa-2013_09.pdf
  15. https://www.amnesty.org/en/press-releases/2016/04/burkina-faso-forced-early-marriage-facts/
  16. http://www.girlsnotbrides.org/wp-content/uploads/2013/04/Minimum-age-of-marriage-in-Africa-March-2013.pdf
  17. https://www.amnesty.org.uk/sites/default/files/youth_group_action_pack_-_burkina_faso_0.pdf
  18. http://www.unfpa.org/news/child-marriage-%E2%80%9Cshatters%E2%80%9D-future-girls-communities
  19. http://www.mwangaza-action.org/
  20. https://www.engenderhealth.org/our-countries/africa/burkina-faso.php
  21. https://www.dandc.eu/de/article/die-organisation-bangr-nooma-kaempft-gegen-weibliche-genitalverstuemmelung-burkina-faso

 

Stand: 03/2016

 

Brasilien

Fallbeispiel

Die bisherige Recherche englischsprachiger Literatur konnte keine Fallbeispiele ausmachen.

Statistik

  • Bevölkerung: 201,5 Millionen EinwohnerInnen (Auswärtiges Amt 2015)
  • Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht): Platz 75 von 188 Ländern (2014)
  • 36% der 20- bis 24-jährigen Ehefrauen waren unter 18 Jahren bei ihrer Hochzeit (UNFPA 2012)
  • Über 65.000 Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren leben in eheähnlichen Verbindungen (IGBE 2010 übersetzt in Promundo)

Landesüberblick

Brasilien ist mit einem BIP von ca. 2.353 Mrd. USD im Jahr 2014 die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt. Das durchschnittliche Einkommen pro Person liegt bei ca. 11.600 USD jährlich. Zwischen 2004 und 2011 konnte das Land ein solides Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 4,9% verzeichnen. Seit 2012 verschlechtert sich die wirtschaftliche Situation Brasiliens, was mit einer schwierigeren Arbeitsmarktsituation einhergeht. [1]

Brasilien weist im Bereich Bildung Defizite auf. Im Allgemeinen ist das Bildungsangebot nicht ausreichend, so dass nicht alle Menschen Zugang zu Bildung haben. 2014 wurde allerdings eine Bildungsreform verabschiedet, die eine bessere Qualität des Angebotes und einen weitreichenderen Zugang zu Schul- und Universitätsbildung gewährleisten soll. So sollen die Ausgaben in Bildung innerhalb der nächsten Jahre schrittweise auf 10% des BIP ansteigen. [6]

Gewalt gegen Frauen ist in Brasilien ein großes Problem. Nach Schätzungen des Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung beläuft sich die Anzahl der versuchten Vergewaltigungen jährlich auf 527.000. Grund dafür sind verbreitete sexistische „Macho“- Ansichten und stereotype Rollenbilder. So macht ein Großteil der Bevölkerung das Auftreten und Verhalten von Frauen selbst für die hohe Anzahl von Vergewaltigung verantwortlich. Diese Haltung wurde auch anhand der Gesetzeslage deutlich. Bis 2009 wurden Vergewaltigungen als Vergehen gegen die soziale Würde geahndet, also als eine Missachtung der Familienehre gewertet. Erst 2009 wurde das Opfer in den Fokus der Straftat gestellt. [7]

2015 wurde neben den Verbesserungen im Strafrecht bei Vergewaltigungen ein neues Gesetz zur Kriminalisierung von Femiziden, also geschlechtsbasierten Straftaten, die häusliche Gewalt sowie die Diskriminierung oder Missachtung von Frauen beinhalten und den Tod einer Frau verursachen, verabschiedet. Mit dem Gesetz wird das Strafmaß solcher Taten erhöht. [8]

Die reproduktiven Rechte von Frauen sind in Brasilien beschränkt. Frauen dürfen einen Schwangerschaftsabbruch nur in Ausnahmefällen, wie etwa nach einer Vergewaltigung und bei Lebensgefährdung, vornehmen lassen. Andernfalls droht eine dreijährige Freiheitsstrafe bzw. riskieren Frauen ihre Gesundheit, wenn sie illegale Abreibungen durchführen lassen. [8]

Vorkommen

Obwohl in den anderen Regionen der Welt die Anzahl der minderjährigen Bräute sinkt, bleiben die Zahlen in Lateinamerika und der Karibik relativ stabil. Girls not Brides zufolge weist Brasilien die höchste Anzahl von minderjährigen Ehefrauen in Lateinamerika auf und mit 877.000 die vierthöchste absolute Anzahl von Ehefrauen unter 15 Jahren weltweit. Nach einem Zensus von 2010 leben ca. 65.000 Kinder im Alter zwischen 10 und 14 Jahren in eheähnlichen Gemeinschaften. Allerdings sind die meisten minderjährigen Ehefrauen älter als 12 Jahre. Die Frühehen in Brasilien treten trotz der hohen Anzahl kaum im internationalen Diskurs um Kinderehen auf. [5, 9, 10]

Eine Eheschließung wird in den Studien und der Diskussion häufig mit Zusammenleben oder informellen Zusammenschlüssen gleichgesetzt und findet weniger als ritualisierte Praxis statt. Daher ist es auch schwierig, die tatsächliche Anzahl zu erfassen. Frühehen basieren eher auf sozialen als traditionsbedingten Dynamiken und finden häufig in Übereinstimmung der PartnerInnen statt. [5]

Entgegen des Stereotyps, Kinderheiraten kämen v.a. in ländlichen und indigen geprägten Gebieten vor, ist das Phänomen auch in der Stadt präsent. Auch wenn sowohl Mädchen als auch Jungen davon betroffen sind, kommt eine Verbindung meist zwischen Mädchen und erwachsenen Männern zustande. [5, 11, 12]

Beweggründe

Trotz der hohen Anzahl von Frühehen sind wenige systematische Untersuchungen zum Thema vorhanden. In einer Studie in den beiden Bundesstaaten mit den meisten Ehen von Minderjährigen, Pará im Norden und Maranhão im Nordosten des Landes, wurde den Hintergründen nachgegangen. Einige Motive stehen im Zusammenhang mit der hohen Anzahl von frühen Schwangerschaften in Brasilien. Zum einen wird hier mit einer Ehe die Hoffnung auf Stabilität im Kontext von begrenzten Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten verbunden. Zum andere werden das Drängen der Familie auf eine Eheschließung, um einem drohenden Ansehensverlust der Familie bei einer frühen Schwangerschaft der Tochter zu entgehen, und die Kontrolle der Sexualität von jungen Mädchen als Gründe genannt. [5, 10]

Daneben kommt eine Heirat häufig auch auf Initiative der Mädchen zustande. Mädchen und junge Frauen erhoffen sich von der Verbindung mit älteren Männern bessere materielle und soziale Freiheiten. Dies findet beispielsweise in dem Wunsch Ausdruck, das Elternhaus aufgrund mangelnder Perspektiven oder Gewalterfahrungen zu verlassen und um sich finanziell abzusichern. Nach dem Zusammenschluss werden viele Mädchen von den negativen Konsequenzen überrascht. Dies können frühe Schwangerschaften und die damit einhergehenden Gesundheitsrisiken, schwindende Bildungsaussichten, eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Kontaktarmut, die Kontrolle durch den Mann oder häusliche Gewalt sein. In Brasilien gelten junge Mädchen darüber hinaus als begehrte Partnerinnen. [5, 10]

Gesetzliche Lage

In Brasilien darf gesetzlich ab 18 Jahren geheiratet werden. Es gibt eine Ausnahmeregelung, nach der mit der Zustimmung beider Eltern auch bereits mit 16 Jahren geheiratet werden darf. Unter 16 Jahren erlaubt das Gesetz z.B. im Falle einer Schwangerschaft zu heiraten. [5, 12]

Interventionsbeispiel

  • Plan International Brazil bietet im Nordosten des Landes Workshops und Seminare für Mädchen, aber v.a. auch Jungen und Männern an, um Frühehen und deren negative Folgen zu vermeiden. Die Bildungs- und Aufklärungsarbeit in der männlichen Community basiert auf empirischen Erkenntnissen darüber, dass Mädchen mit Gender-sensiblen Männern im direkten Umfeld weniger sexueller Gewalt ausgesetzt sind und Partner wählen, die einen respektvollen Umgang mit Frauen pflegen. Plan führt auch Projekte durch, in denen Väter ihren Töchtern beim Fußballspielen zusehen. Beiden Projektformen liegt die Idee zugrunde, dass soziale Geschlechternormen aufgebrochen werden müssen, um Frühehen zu vermeiden und Kindern die Möglichkeit von alternativen Wegen zu eröffnen. [13]
  • Die Initiative GUERREIRAS PROJECT: Women's Football in Brazil – Juggling Roles & Creating Space wurde 2010 in Brasilien initiiert. Durch Workshops, Trainings, Ausstellungen, Performances und Forschung wird Fußball genutzt, um unbewusste Geschlechterstereotype infrage zu stellen. Denn im Fußball zeichnen sich Geschlechtsnormen besonders deutlich ab. Beispielsweise halten professionelle Fußballerinnen Workshops in Communities, diskutieren über Rollenbilder und teilen ihre eigene Geschichte. Damit fungieren sie als Vorbilder dafür, was Frauen in der Lage sind zu erreichen. [14]

Stand: 03/2016

 

Quellen

  1. http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Brasilien_node.html
  2. http://hdr.undp.org/en/composite/HDI
  3. http://www.liportal.de/brasilien/wirtschaft-entwicklung/
  4. https://www.unfpa.org/sites/default/files/pub-pdf/MarryingTooYoung.pdf
  5. http://promundoglobal.org/wp-content/uploads/2015/07/SheGoesWithMeInMyBoat_ChildAdolescentMarriageBrazil_EN_postprint_web.pdf
  6. http://www.theguardian.com/the-report-company/2015/may/18/education-in-brazil-a-plan-for-change
  7. http://america.aljazeera.com/opinions/2014/5/brazil-rape-sexualviolenceipeawomenculture.html
  8. https://www.hrw.org/world-report/2015/country-chapters/brazil
  9. http://www.unicef.org/media/files/Child_Marriage_Report_7_17_LR..pdf
  10. http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/brazil/
  11. http://www.aworldatschool.org/news/entry/Hidden-problem-of-child-marriage-in-Latin-America-2430
  12. http://www.theguardian.com/global-development-professionals-network/2016/jan/04/brazil-boys-girls-attitudes-gender-equality-campaigner
  13. http://promundoglobal.org/programs/child-marriage-prevention/
  14. http://www.guerreirasproject.org/about-us/