Vereinigte Republik Tansania

Vorkommen

Von den 120 in Tansania lebenden Ethnien praktiziert ein Zehntel die weibliche Genitalverstümmelung. Die sieben Regionen dieser Völker liegen alle im Inneren des Landes und vielen praktizierenden Ethnien ist gemein, dass die weibliche Genitalverstümmelung eingesetzt wird, um vor„lawalawa“, einer (vermeintlichen) Vaginal- und Blasenentzündung zu schützen. Die Überzeugung rührt daher, dass eine Epidemie dieser Krankheit die Region heimsuchte, kurz nachdem FGM (=Female Genital Mutilation = weibliche Genitalverstümmelung) 1968 verboten worden war.

Zahlen

Betroffene: 15%
In Regionen: Kilimanjaro 22%, Tanga 20%, Morogoro 21%, Iringa 13%, Arusha 59%, Manyara 71%, Dodoma 64%, Singida 51%, Mara 40%, Kagera 1%, Mwanza 1%, Shingyanga 0%, Kigoma 1%, Tabora 6%, Rukwa 1%, Mbeya 1%, Ruvuma 2%, Pwani 6%, Lindi 0%, Mtwara 0%.
Befürworterinnen: 6%
100 % der Eingriffe werden von traditionellen Beschneiderinnen durchgeführt.  
GegnerInnen: 90 % der Männer
81 % der Paare
10% im ärmsten Fünftel
1% im reichsten Fünftel
Alter: 50% werden heute schon vor ihrem fünften Geburtstag genitalverstümmelt, während früher erst der Beginn der Pubertät Anlass zur Beschneidung gab.

Betroffen

Die Gogo, die Rangi und die Sandawi in der Dodoma-Region, die Nyaturu in Singida, die Chagga am Kilimanjaro, die Waarusha aus Arusha, die Luguru im Morogoro-Distrikt, die Maasai, die Iraqw, die Barbaig und die Hazabe aus Manyara, und die Kurya der Mara-Region praktizieren FGM. Die weibliche Genitalverstümmelung soll die Töchter vor Infektionen und krankheitsauslösendem Schmutz schützen. Doch nicht nur aus vermeintlich hygienischen Gründen wird weiter praktiziert sondern auch um dem angeblichen Wunsch der Ahnen gerecht zu werden.

Früher wurden die Mädchen noch im Rahmen eines Initiationsritus gemeinsam in der Öffentlichkeit verstümmelt, heutzutage wird die Beschneiderin (Ngariba) heimlich nachts ans Bett des Mädchens geführt.

Formen

Fas immer, nämlich in 98 % der dokumentierten Fälle wurde eine Exzision vorgenommen. Die Weltgesundheitsorganisation spricht hier von „Typ II“. Dies bedeutet, dass die inneren Schamlippen und die Klitoris, sowie manchmal auch die großen Schamlippen herausgeschnitten werden.

Begründungsmuster

Die Begründungen für die weibliche Genitalverstümmelung unterscheiden sich von Ethnie zu Ethnie. Viele Punkte werden von allen Gesellschaften angeführt, wenn auch in unterschiedlicher Hierarchie. Zu diesen Argumenten gehört:

  • FGM dient als Vorbereitung auf die Ehe und Mutterschaft
  • Unbeschnittene Personen weiblichen Geschlechts sind keine „echten Frauen“
  • Der Schnitt markiert die Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenenalter
  • Durch Entfernung der Klitoris wird Promiskuität und Prostitution verhindert
  • Tradition und Glaube schreiben FGM vor
  • Das Blutopfer durch die Verstümmelung stimmt die Ahnen gnädig
  • Unversehrte Frauen werden ausgegrenzt, gelten als verflucht und werden sozial gedemütigt, so dass sogar Einzelfälle bekannt sind, in denen sich aufgrund des gesellschaftlichen Drucks noch Seniorinnen FGM unterzogen haben oder Schulmädchen sich selbst zu beschneiden versuchten.
  • Beschneiderinnen sind von dem Geschäft abhängig und fördern es entsprechend. Pro Beschneidung bekommt jede Ngariba zwischen 3 und 9 Euro.

Ungefähr die Hälfte der Genitalverstümmelungen wird religiös begründet, wobei von diesen Betroffenen 69% christlichen und 25% muslimischen Glaubens sind.

Eine in Tansania unter einigen Ethnien weit verbreitete Begründung für weibliche Genitalverstümmelung ist die vermeintliche Krankheit „lawalawa“. Als 1968 die Fortsetzung von FGM verboten wurde, kam es zeitgleich zu einer Welle von Vaginal- und Blasenentzündungen. Ein Kausalzusammenhang besteht medizinisch nicht, wurde aber angenommen. So galt FGM als Prävention aber auch als Heilmittel gegen diese Entzündung und mit der Zeit gegen jedes Jucken im Genitalbereich und Fieber – bei Mädchen wie bei Jungen. Während die ursprüngliche Krankheit durch Antibiotika kuriert und durch Zugang zu Hygiene verhindert werden kann, wurde der Begriff „lawalawa“ mit der Zeit ein Synonym für einen bedrohlichen Körperzustand der durch Beschneidung und Genitalverstümmelung eliminiert werden kann, da das Jucken eine Strafe der Götter sei und diese durch das Blut- und Hautopfer besänftigt werden müssten.

Gesetzliche Lage

Seit 1998 ist weibliche Genitalverstümmelung vor Erreichen der Volljährigkeit (18 Jahre) verboten. Nicht nur die Durchführung ist strafbar sondern auch sonstige Beteiligung an der Tat. Dies kann mit hohen Geldstrafen oder fünf bis fünfzehn Jahren Gefängnis geahndet werden. Die Verurteilungen aufgrund von FGM sind aber sehr rar.

Einige Experten sehen den „Trend“ zu immer früheren Verstümmelungen und der Verlegung des Engriffs in Privathaushalte als direkte Folge der harten Strafen aber inkonsequenten Verfolgung dieses Verbrechens.

Tendenzen und Attitüde

Das Gesundheitsministerium Tansanias hat durch eine Studie den Rückgang weiblicher Genitalverstümmelung festgestellt. Laut diesem Dokument ist der Anteil der beschnittenen Mädchen und Frauen in zehn Jahren bis 2005 von 18 auf 15% zurückgegangen. Kontinuierliche Kampagnenarbeit soll den kulturellen Wandel in der Bevölkerung weiter beschleunigen.

Trotz der immer früheren Beschneidung liegt der Anteil der verstümmelten Jugendlichen bei „nur“ noch 7% während z.B. die 45-49jährigen zu 22% beschnitten sind.

Die Zahl der BefürworterInnen ist zwischen 1998 und 2006 jedoch gleich geblieben.

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