Vereinigte Republik Tansania

© UNICEF Data: Monitoring the Situation of Children and Women. 2013. Country Profile: Vereinigte Republik Tansania.© UNICEF Data: Monitoring the Situation of Children and Women. 2013. Country Profile: Vereinigte Republik Tansania.Vorkommen

Von den 120 in Tansania lebenden Ethnien praktiziert ein Zehntel weibliche Genitalverstümmelung (FGM/C - Female Genital Mutilation/Cutting). Diese Ethnien leben alle im Inneren des Landes. Insgesamt wurde an 16% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) FGM/C durchgeführt.

Die Gogo, die Rangi und die Sandawi in der Dodoma-Region, die Nyaturu in Singida, die Chagga am Kilimanjaro, die Waarusha aus Arusha, die Luguru im Morogoro-Distrikt, die Maasai, die Iraqw, die Barbaig und die Hazabe aus Manyara, und die Kurya der Mara-Region praktizieren FGM/C. Weibliche Genitalverstümmelung soll die Töchter vor Infektionen und krankheitsauslösendem Schmutz schützen. Doch nicht nur aus vermeintlich hygienischen Gründen wird die Praktik fortgeführt, sondern auch, um dem angeblichen Wunsch der Ahnen gerecht zu werden.


Zahlen

Betroffene: 16% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Befürworterinnen: 9% Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Beschneidungsalter: 46% von FGM/C fanden vor dem 4. Lebensjahr des Mädchens statt, 22% zwischen dem 5. und 9., 21% zwischen dem 10. und 14. und nochmals 10% nach dem 15. Geburtstag

99 % der Eingriffe werden von traditionellen Beschneiderinnen durchgeführt

Formen

In Tansania wird mit 98% Typ II (Exzision) von FGM/C am häufigsten praktiziert. Hierbei wird der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der äußeren Lippen teilweise oder vollständig entfernt. Bei 1% der beschnittenen Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) wurde Typ I (Klitoridektomie) vollzogen. Dabei wird der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und/ oder die Klitorisvorhaut teilweise oder vollständig entfernt. 2% der Genitalverstümmelungen sind eine Infibulation (Typ III). Das heißt, das gesamte äußerlich sichtbare Genital wird herausgeschnitten und die offene Wunde bis auf ein kleines Loch vollständig zugenäht.

Begründungsmuster

Die Begründungen für die weibliche Genitalverstümmelung unterscheiden sich von Ethnie zu Ethnie. Viele Punkte werden von allen Gesellschaften angeführt, wenn auch in unterschiedlicher Hierarchie. Zu diesen Argumenten gehört:

  • FGM/C dient als Vorbereitung auf die Ehe und Mutterschaft
  • Nicht verstümmelte Frauen sind keine „echten Frauen“
  • Der Schnitt markiert die Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenenalter (Initiation)
  • Durch Entfernung der Klitoris wird Promiskuität und Prostitution verhindert
  • Tradition und Glaube schreiben FGM/C vor
  • Das Blutopfer durch die Verstümmelung stimmt die Ahnen gnädig
  • Unversehrte Frauen werden ausgegrenzt, gelten als verflucht und werden sozial gedemütigt, so dass sogar Einzelfälle bekannt sind, in denen sich aufgrund des gesellschaftlichen Drucks noch Seniorinnen FGM/C unterzogen haben oder Schulmädchen sich selbst zu beschneiden versuchten
  • Beschneiderinnen sind von dem Geschäft abhängig und fördern es entsprechend. Pro Beschneidung bekommt jede Ngariba zwischen 3 und 9 Euro

Eine in Tansania unter einigen Ethnien weit verbreitete Begründung für weibliche Genitalverstümmelung ist die vermeintliche Krankheit „lawalawa“. Als 1968 die Fortsetzung von FGM/C verboten wurde, kam es zeitgleich zu einer Welle von Vaginal- und Blasenentzündungen. Ein Kausalzusammenhang besteht medizinisch nicht, wurde aber angenommen. So galt FGM/C als Prävention, aber auch als Heilmittel gegen diese Entzündung und mittlerweile auch gegen jedes Jucken im Genitalbereich und Fieber – bei Mädchen wie bei Jungen. Während die ursprüngliche Krankheit durch Antibiotika kuriert und durch Zugang zu Hygiene verhindert werden kann, wurde der Begriff „lawalawa“ mit der Zeit ein Synonym für einen bedrohlichen Körperzustand, der durch Beschneidung und Genitalverstümmelung eliminiert werden könne, da das Jucken eine Strafe der Götter sei und diese durch das Blut- und Hautopfer besänftigt werden müssten.

Gesetzliche Lage

Seit 1998 ist weibliche Genitalverstümmelung vor Erreichen der Volljährigkeit (18 Jahre) verboten. Nicht nur die Durchführung ist strafbar, sondern auch jegliche sonstige Beteiligung an der Tat. Dies kann mit hohen Geldstrafen oder fünf bis fünfzehn Jahren Gefängnis geahndet werden. Die Verurteilungen aufgrund von FGM/C sind aber sehr rar.

Haltung und Tendenzen

Das Gesundheitsministerium Tansanias hat durch eine Studie den Rückgang weiblicher Genitalverstümmelung festgestellt. Laut dieser Studie ist der Anteil der beschnittenen Mädchen und Frauen in zehn Jahren bis 2005 von 18% auf 15% zurückgegangen. Kontinuierliche Kampagnenarbeit soll den kulturellen Wandel in der Bevölkerung weiter beschleunigen. 89% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) sind der Meinung, dass FGM/C abgeschafft werden soll.

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Stand 09/2016

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