Eritrea

Vorkommen

Eritrea ist eines der Länder mit einer sehr hohen Verbreitung der weiblichen Genitalverstümmelungen. In Eritrea wird FGM (= Female Genital Mutilation = weibliche Genitalverstümmelung) von allen Ethnien und Religionsgemeinschaften praktiziert.

Neben fast 100% der muslimischen Bevölkerung praktizieren knapp 90 % der Katholiken und über 80 % Mitglieder anderer christlicher Konfession FGM.

Fast 60 % der Eingriffe werden von traditionellen Beschneiderinnen durchgeführt. Häufig praktizieren auch ungeübte aber dem Mädchen nahestehende Personen wie Nachbarinnen, Großmütter oder auch die eigene Mutter. Nur ein sehr geringer Prozentsatz der Verstümmelungen wird von medizinischem Personal in einem hygienischen Umfeld durchgeführt.

Zahlen

Betroffene: 89%
Befürworterinnen: 49%
Beschneidungsalter: 0 - 4 Jahre bei 90% der Mädchen, der Rest mit 5-9 Jahren
Ca. 97% der Genitalverstümmelungen werden durch traditionelle Beschneiderinnen ausgeführt.

Betroffen

Mädchen werden in Eritrea sehr früh genitalverstümmelt. 90% haben den Eingriff bei ihrem fünften Geburtstag bereits hinter sich, die anderen werden bis zum 9. Lebensjahr ebenfalls „beschnitten“. In Eritrea sind die Töchter von Kopten, Katholiken, Protestanten, Moslems und Anhängern der Tewahedo-Kirche betroffen. Da Eritrea ein multikulturelles Land ist, können die Gepflogenheiten der weiblichen Genitalverstümmelung nur verallgemeinernd wiedergegeben werden. Je nach Ethnizität, sozialen Status, Region, Bildung und Religion verfolgen die praktizierenden Familien unterschiedliche Zwecke und praktizieren deshalb unterschiedliche Formen zu unterschiedlichen Zeitpunkten. So kann man davon ausgehen, dass es innerhalb jeder Bezugsgruppe viel weniger Varianz gibt als in der Betrachtung des ganzen Landes

Formen

In Eritrea werden alle vier Formen von FGM praktiziert. Die meistverbreitete Form, die in über 50 % der Fälle angewandt wird, ist das Einschneiden oder Einstechen der Klitoris. 6 % der Betroffenen werden einer Beschneidung der Klitoris oder Klitorisvorhaut unterzogen und 38 % erfahren schwerste Form der Verstümmelung, die Infibulation, bei der die Klitoris, die kleinen und/oder großen Schamlippen entfernt werden und die Vulva zusammengenäht wird. 65 % der Infibulationen finden in ländlichen Gebieten statt, dagegen kommt die Klitoridektomie in Städten häufiger vor. Die Form der Verstümmelung variiert auch nach der ethnischen Zugehörigkeit: Während z. B. Tigrignas (ca 50% der Gesamtbevölkerung) die Klitoridektomie bevorzugen, ist bei den Hedarebs die Infibulation ihre Töchter üblich. In Eritrea korreliert auch der Bildungsgrad der Eltern stark mit der Form der Beschneidung. Je höher das Bildungsniveau der Eltern ist, desto „milder“ ist die Form der Genitalverstümmelung.

Gesetzliche Lage

Der Regierung in  Eritrea ist es nicht gelungen, ein ausreichendes Problembewusstsein zu schaffen und die Gesellschaft zur Unterlassung der Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung zu motivieren.

Währen des Unabhängigkeitkampfes hat EPLF (Eritrean People's Liberation Front) versucht FGM in den Gebieten zu verbieten, die sie kontrolliert haben. Das hat dazu geführt, dass die Praxis in den Untergrund gegangen ist. Von der EPLF betriebene Kliniken wurden boykottiert. Als Folge haben viele Frauen keine angemessene Geburtshilfe bekommen und starben. Das Scheitern der Prohibitionspolitik hat die Regierung dazu veranlasst, sich statt auf das Verbot der Praxis auf die Aufklärung zu fokussieren.

Es gibt kein Gesetz gegen FGM in Eritrea. Die Regierung hat entschieden, die Praxis der Frauenbeschneidung nicht zu kriminalisieren, um diese nicht in den Untergrund zu treiben.

Begründungsmuster 

Soziale Akzeptanz ist die Hauptmotivation der Eritrearinnen für die Beschneidung ihrer Töchter. Bei Kunamas z. B. wird nicht-beschnittenen Frauen eine angemessene Beerdigung verweigert. Es wird ebenso geglaubt, dass die Klitoris schmutzig und mit vielen Bakterien besiedelt sei, dass sie die Mädchen krank mache und in extremen Fällen zum Tod führen könne, somit werden durch die Verstümmelung Reinheit und Hygiene angestrebt. Wenn man die Klitoris wachsen ließe, drohe sie während des Geschlechtsverkehrs den Penis anzugreifen. Die Beschneidung garantiert auch die Erhaltung der für die Eheschließung unerlässlichen Jungfräulichkeit, indem einerseits die Lust der Frau gebändigt ist, andererseits die Frau durch eine Infibulation auch vor Vergewaltigung geschützt sein soll. Die Vorstellung, dass die weibliche Genitalverstümmelung durch ihre heilige Schrift vorgeschrieben sei, ist in allen Religionsgemeinschaften verbreitet. Muslime in Eritrea behaupten, es sei ihre religiöse Pflicht, Frauen zu beschneiden; in manchen Situationen darf eine unbeschnittene Frau nicht einmal beten. Laut den christlichen Gemeinden ist die Genitalbeschneidung von Männern und Frauen im Alten Testament begründet.

Es wird ebenso daran geglaubt, die unbeschnittene Frau besitze eine niedrige Fertilität. Sie beschneiden ihre Töchter, um sie fruchtbar zu machen. Beschneidung wirke außerdem positiv auf die Gesundheit des Kindes.
Des Weiteren werden ästhetische Gründe angeführt und die unbeschnittene Vulva wird als unästhetisch bewertet. Genitalien einer Frau haben glatt und unauffällig zu sein und die enge Vulva soll den Männern eine intensivere Befriedigung bescheren.

Tendenzen und Attitüde

Im Gegensatz zu 1995 (57 %) haben sich im Jahr 2002 nur 49% der Frauen zwischen 15 – 49 Jahren für FGM ausgesprochen. Ein starkes Geschlechtergefälle ist in Eritrea zu beobachten: Über 50 % der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren geben an, Genitalverstümmelungen als nützlich zu empfinden und plädieren für den Weiterbestand dieser Praxis, dabei unterstützen dies gerade noch ca. 42% der Männer (zwischen 15 und 49 Jahren). So wie in Ägypten befürworten auch in Eritrea den Weiterbestand der Genitalverstümmelung nur 37 % der Mädchen im Alter 15 – 19 Jahren die Fortsetzung von FGM, im Gegensatz zu Frauen der Altersgruppe 45 – 49, die diese „Tradition“ zu 63 % unterstützen. 22 % der Frauen wissen nicht, was ihre Partner von der weiblichen Genitalverstümmelung halten.

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