Begriffsdefinitionen: Frauenhandel und Prostitution

 

Was ist Frauenhandel?

TERRE DES FEMMES setzt sich explizit für Frauenhandel als Bestandteil von Menschenhandel ein. Laut UNODC sind weltweit 70% der Opfer von Menschenhandel Mädchen und Frauen; in Deutschland sind es sogar 87% der Betroffenen. Frauenhandel passiert oft im Kontext von Migration als Folge von Armut und Konflikten.

Die wichtigste international rechtsverbindliche Definition von Menschenhandel findet sich in Artikel 3 des UN-Protokolls zur Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung des Menschenhandels (Palermo-Protokoll, PDF-Datei) aus dem Jahr 2000. Diese Definition setzt voraus, dass die MenschenhändlerInnen zum einen unter Einsatz von Zwang, Betrug oder Täuschung Personen anwerben, befördern oder beherbergen, und zum anderen einen ausbeuterischen Zweck verfolgen. Im Sommer 2016 wurde in Deutschland die relevante EU-Gesetzgebung zu Menschenhandel (PDF-Datei) umgesetzt. Die neuen Straftatbestände in §232, $232a, §233 und §233a lehnen sich jetzt eng an das internationale Verständnis von Menschenhandel an. Der Organhandel und andere Formen der Ausbeutung wie zum Beispiel die Bettelei sind jetzt in den Straftatbestand Menschenhandel §232 mitaufgenommen. Es macht sich die Person strafbar, die Andere unter Ausnutzung einer Zwangslage oder Hilflosigkeit (z.B. durch einen Aufenthalt in einem fremden Land) anwirbt, befördert, weitergibt, beherbergt oder aufnimmt, um sie auszubeuten. Bei Personen unter 21 Jahren muss keine Zwangslage oder besondere Hilflosigkeit gegeben sein, um den Straftatbestand zu erfüllen. Die tatsächliche Ausbeutung wird mit dem neuen §233 "Ausbeutung der Arbeitskraft" geahndet.

TERRE DES FEMMES arbeitet zu den folgenden Formen von Frauenhandel:

Frauenhandel in die sexuelle Ausbeutung

Frauenhandel in die sexuelle Ausbeutung liegt vor, wenn eine Frau unter Ausnutzung einer persönlichen oder wirtschaftlichen Zwangslage oder Hilflosigkeit zur Prostitution oder zu sexuellen Handlungen gezwungen wird. Bei Minderjährigen in der Prostitution spricht man automatisch immer von Menschenhandel.

Frauenhandel in die Arbeitsausbeutung

Bei Menschenhandel in die Arbeitsausbeutung handelt sich dabei in erster Linie um das Locken oder Verschleppen von Personen aus wirtschaftlich schwachen Ländern in wirtschaftsstarke Länder, in denen die Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten müssen. Oftmals erhalten sie keinen oder nur einen sehr geringen Lohn und erfahren vielfach auch psychische oder physische Gewalt. Ein Tätigkeitsfeld, in dem die Frauen häufig eingesetzt werden, ist der Haushaltshilfebereich oder die Pflege von Kindern oder alten Menschen.

Frauenhandel in die Ehe

Von Frauenhandel in die Ehe spricht man, wenn Frauen im Rahmen der Heiratsmigration bewusst getäuscht oder ausgebeutet werden, sie mittels List, Zwang oder Schuldknechtschaft gezwungen werden, in einer Ehe zu verbleiben, ihre Selbstbestimmung eingeschränkt wird, sie sexuelle, physische oder psychische Gewalt erleiden. TERRE DES FEMMES arbeitet vor allem zur Zwangsverheiratung von Mädchen in dem spezialisierten Referat Gewalt im Nahmen der Ehre und Zwangsverheiratung.

Zahlen zu Frauenhandel

Es gibt national und international keine fundierten Zahlen zu Menschenhandel. Schätzungen über die Anzahl der Betroffenen von Menschenhandel basieren auf unterschiedlichen Annahmen und Quellen. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO schätzt, dass 880.000 Menschen in der EU in der Privatwirtschaft Zwangsarbeit leisten, davon 58% weibliche Betroffene. Die ILO schätzt, dass in der EU 270.000 Personen sexuell ausgebeutet werden (ILO 2012). Laut Eurostat gab es dagegen 30.146 Betroffene von Menschenhandel in der EU im Zeitraum 2010-2012, davon 20.800 in der sexuellen Ausbeutung. 80% der Betroffenen von Menschenhandel in der EU sind Frauen und Mädchen (Eurostat 2015, PDF-Datei). In Deutschland zählt das Bundeskriminalamt insgesamt 470 Betroffene im Jahr 2015, davon 408 weibliche Opfer von Menschenhandel, und 416 Personen, die sexuell ausgebeutet werden (BKA 2015, PDF-Datei). In Deutschland sind über die Hälfte der Betroffenen von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung unter 21 Jahre alt (54%). Trotz dieser offiziellen Zahlen rechnen Eurostat und das BKA jeweils mit einem sehr hohen Dunkelfeld, so dass das wahre Ausmaß des Menschenhandels und Frauenhandels weiterhin unklar bleibt.

Der Anteil von Frauen als Betroffene von Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung ist mit 19 % relativ niedrig. Durch mehr Aufmerksamkeit auf die Situation von Au-pairs, Altenpflegerinnen und Haushaltshilfen könnte sich diese Proportion in der Hellziffer jedoch ändern. Weder die Öffentlichkeit, noch viele Betroffenen realisieren, dass hier Menschenhandel passiert.

In Deutschland stammt eine Vielzahl der Betroffenen von Menschenhandel aus mittel- und osteuropäischen Ländern, vor allem Rumänien und Bulgarien. Dort hat sich die ökonomische und soziale Situation für einen Großteil der Bevölkerung erheblich verschlechtert. Da die Menschen in ihrem Land keine Perspektiven sehen und es schwer ist, legal im Ausland zu arbeiten, bezahlen sie hohe Summen an Menschenhändler, die ihnen gute Jobs versprechen. Doch statt der Beschäftigung in Restaurants oder Haushalten warten oft Bordelle auf die Migrantinnen, in denen sie zur Prostitution gezwungen werden. Auch die Migrantinnen, die sich bewusst ins Rotlichtmilieu vermitteln lassen, werden rücksichtslos bei ihrer Ankunft in Deutschland ausgebeutet.

Obwohl Frauenhandel in der Öffentlichkeit immer nur als grenzüberschreitendes Phänomen angesehen wird, sind 23 % der Betroffenen von Menschenhandel in die sexuelle Ausbeutung Deutsche, und fast die Hälfte der minderjährigen Betroffenen im BKA Jahresbericht 2015 (PDF-Datei) hatte die deutsche Staatsangehörigkeit. Durch die sogenannte Loverboy-Methode bringen Männer Mädchen dazu, sich zu prostituieren und beuten sie dann aus.

Laut BKA, waren drei Viertel der Täter männlich und ein Viertel weiblich. Deutsche stellen die größte Gruppe der Tatverdächtigen dar, gefolgt von rumänischen und bulgarischen Tatverdächtigen. Das Europäische Parlament schätzt einen jährlichen Ertrag von ca. 25 Milliarden Euro in der EU (EP 2013).

 


Was ist Prostitution?

Prostitution ist eine der am längsten tradierten Formen sexueller Ausbeutung von Mädchen und Frauen im Patriarchat und ist somit Ausdruck eines grundlegenden Machtungleichgewichts zwischen den Geschlechtern. Prostitution verfestigt Geschlechterhierarchien und suggeriert eine permanente sexuelle Verfügbarkeit der Frau. Prostitution verstößt gegen die Menschenwürde und ist somit menschenverachtend.

Das 2016 Prostituiertenschutzgesetz (PDF-Datei) definiert Prostitution in §2 als "eine sexuelle Handlung mindestens einer Person an oder vor mindestens einer anderen unmittelbar anwesenden Person gegen Entgelt oder das Zulassen einer sexuellen Handlung an oder vor der eigenen Person gegen Entgelt."

Fundierte Daten, die das tatsächliche Ausmaß von Prostitution in Deutschland wiedergeben, existieren einfach nicht. Auch wenn die Schätzung von 400.000 Prostituierten in Deutschland regelmäßig seit den 1980er Jahren wiederholt wird, wird diese Zahl dadurch nicht stichfester. Schätzungen zufolge ist die Mehrheit der Prostituierten ausländischer Herkunft, vor allem aus Osteuropa (TAMPEP 2008, PDF-Datei). Dies entspricht auch den Erfahrungen der Polizei und Fachberatungsstellen. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums haben die wenigsten Prostituierten einen Arbeitsvertrag oder sind über diese Tätigkeit sozialversichert (BMFSFJ 2007, PDF-Datei) ). 

TERRE DES FEMMES fordert die Bundesregierung dazu auf, durch Studien zur Prostitution in Deutschland endlich statistisch fundierte Zahlen zu erreichen.

Die Motive, aus denen Frauen sich veranlasst oder gezwungen sehen, der Prostitution nachzugehen, sind sehr unterschiedlich und oft mehrschichtig. Wirtschaftliche Not und fehlende alternative Verdienstmöglichkeiten stehen häufig im Vordergrund. Auch Bildungsbenachteiligung, prekärer Aufenthaltsstatus, Schulden, Drogenkonsum, emotionale Abhängigkeiten sowie die Absicherung des Lebensunterhalts der (Herkunfts-)Familie können eine wichtige Rolle spielen. Die gleichen Faktoren bedingen in vielen Fällen, dass die Frauen sich kaum gegen ausbeuterische Bedingungen und riskante Praktiken (z.B. ungeschützten Geschlechtsverkehr) wehren können. Viele Prostituierte geraten dabei in einen Teufelskreis, aus dem ein Ausstieg nur schwer gelingt. Nur sehr wenige Frauen üben Prostitution aus freier Entscheidung und wirtschaftlich erfolgreich aus.

Prostituierte sind in deutlich höherem Maße von Gewalt betroffen, als die weibliche Gesamtbevölkerung Deutschlands. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums erleiden Frauen in der Prostitution nicht nur häufiger im Privat- und Arbeitsleben Gewalt, sondern erfahren – gemessen an ihren Verletzungsfolgen – auch bedrohlichere Gewaltformen. 68 % der Befragten in einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums (PDF-Datei) aus dem Jahr 2004 geben an, Gewalt mit Lebensbedrohung erlebt zu haben. Über die Hälfte der Prostituierten wurde schon vergewaltigt. Neben den (Ex-)Partnern bilden Sexkäufer die größte Tätergruppe der sexualisierten und/oder körperlichen Gewalt.

Sexkäufer im Fokus - Ein Perspektivenwechsel

TERRE DES FEMMES fordert einen Perspektivenwechsel. Nicht die Regulierung der Prostitution, sondern die Bekämpfung ihrer Ursachen muss im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte und politischen Entscheidungsfindung stehen. Nicht die Prostituierten, sondern die Sexkäufer, die ZuhälterInnen und die BordellbetreiberInnen müssen ins Visier der Gesetzgebung genommen werden. Prostitution ist ein florierendes Geschäft: in Deutschland werden hier jährlich 14,6 Milliarden Euro Umsatz gemacht.

Wir fordern eine gesetzliche Regelung, die den Sexkauf verbietet und ein Fokus auf Ursachenbekämpfung der Prostitution. Jenseits dieser Forderungen sieht sich TERRE DES FEMMES aufgerufen, auf die soziale Realität von Prostitution zu reagieren und fordert eine Reihe von Sofortmaßnahmen, wie eine strenge Regulierung von Prostitutionsstätten und die Einführung klarer Mindeststandards für die Arbeitsbedingungen und Sicherheit der Prostituierten.

Unser ausführliches Positionspapier zum Thema Prostitution finden Sie hier (PDF-Datei).

 

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