„Es schlägt einem aufs Herz“ - Das Trauma der Frauen, die in Burkina Faso jahrzehntelang Beschneidungen an Mädchen durchgeführt haben

 

Rakieta Poyga, Leiterin von Association Bangr Nooma und Frau Gira, in Toukin. Foto: © TERRE DES FEMMESRakieta Poyga, Leiterin von Association Bangr Nooma und Frau Gira, in Toukin. Foto: © TERRE DES FEMMESDer 18. Mai ist in Burkina Faso seit 2010 ein nationaler Aktionstag im Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Auch für TERRE DES FEMMES ist es ein besonderer Tag, den wir in Solidarität mit unserer Partnerorganisation Bangr Nooma begehen. Seit 1998 kämpfen wir gemeinsam darum, dass die weibliche Genitalverstümmelung in Burkina Faso nicht weiter praktiziert wird. Bei unserem TERRE DES FEMMES - Besuch 2016 in Burkina Faso zur Beerdigungszeremonie der Beschneidungswerkzeuge in der Region Toukin hatten wir die Möglichkeit, eine ehemalige Beschneidungsassistentin zu interviewen.

Dieses Interview gibt einen Einblick in den Schmerz und die Trauer einer Generation von Frauen, die Mädchen beschnitten haben. Das Interview wurde von unserer ehrenamtlichen Projektkoordinatorin Burkina Faso, Irma Bergknecht, im November 2016 in Ouagadougou durchgeführt.

Frau Gira ist ungefähr 60 Jahre alt. Wir treffen sie auf einem Schulhof in Toukin. Um uns herum sind circa 50 Kinder, die unbedingt wissen wollen, was wir da machen. Die Umgebung ist deshalb etwas unruhig und es fällt schwer, sich auf das Interview zu konzentrieren. Frau Giras Biographie ähnelt vielen Frauen ihrer Generation. Sie wurde verheiratet, sehr jung, nicht aus Liebe. Sie hat sechs Kinder von denen zwei verstorben sind und 20 Enkelkinder. Eines ihrer Enkelkinder ist bei unserem Interview dabei. Frau Gira hat einen Blick auf ihn, sie steht während unseres Gespräches immer wieder auf, um ihn zu suchen. Es braucht Zeit, bis wir den Fokus auf das Gespräch gebracht haben. Irgendwann werden auch die Kinder, die uns umzingelt haben, fortgeschickt und es wird ruhiger um uns... Frau Gira erzählt ihre Geschichte.

Ihre Mutter hat ihr den Beruf der Beschneidungsassistentin beigebracht und quasi an sie vererbt. Sie schätzt, dass sie ihn mit 20 Jahren übernommen hat. Viele Jahre führten sie den Beruf der sogenannten Wäscherinnen aus, mehr als 25 Jahre. Die sogenannten Wäscherinnen sind die Assistentinnen von Beschneiderinnen. Sie sind es, die die Mädchen bei der Beschneidung an den Beinen festhalten, sie waschen und trösten, wenn sie weinen. Im Durchschnitt verbringt eine Wäscherin eine Woche mit den Mädchen, die diese Prozedur erleiden mussten. Sie pflegen die Wunden und achten darauf, dass sie sich nicht entzünden. Frau Gira ist selbst beschnitten, wie alle Frauen ihrer Generation. Mit einer Armbewegung zeigt sie uns, wie sie die Beine der Mädchen auseinander- und festgehalten hat. Wie körperlich anstrengend das für sie war, aber vor allem wie sehr sie unter dem Schmerz der Mädchen mitgelitten hat. Frau Giras Gesicht ist voller Trauer bei dem Gedanken an ihre frühere Tätigkeit.

„Früher“, so sagt sie, „wurden alle Mädchen beschnitten, keiner wollte eine unbeschnittene Frau. Ebenso war das Ansehen der Beschneiderinnen und ihrer Assistentinnen hoch. Wir waren die Hüterinnen der Traditionen.“ Immer wieder scheut Frau Rasmata meinen Augenkontakt, schaut weg und steht auf, um nach ihrem Enkelsohn zu sehen.

„Alle denken, wir sind diejenigen, die gemein sind, aber das ist nicht so! Die Eltern sind diejenigen, die ihre Kinder zu uns geschickt haben. Die sind die Gemeinen. Sie mussten nicht die Schreie der Mädchen hören. Wir schon, bis heute!“, so berichtet sie und fügt noch trauriger hinzu, dass viele Mädchen verblutet und gestorben sind nach der Beschneidung. „All das schlägt einem aufs Herz.“ Sie steht wieder auf und sucht Ihr Enkelkind.

„Ich konnte das nicht mehr weitermachen...“.

Nachdem Sie auf die Organisation Bangr Nooma gestoßen ist und einen Mikrokredit bekommen hat, konnte sie sich beruflich umorientieren und selbständig machen. Sie wollte ihrer Familie nicht zur Last fallen, das wäre ihrer unwürdig gewesen. Heute verkauft sie auf dem Markt Gemüse und Obst und passt auf ihre Enkelkinder auf. Durch die Niederlegung ihres vorherigen Berufes als Beschneidungsassistentin hat sie nun innere Ruhe bekommen. Doch bis heute hört sie im Schlaf die Schreie der Mädchen.

Zehn Jahre ist es her, dass sie ihren Beruf niedergelegt hat. Sie konnte es mit Ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren, aber auch weil sie die körperliche Kraft nicht mehr hatte, die Mädchen festzuhalten. „Und wie viele sind verblutet, wie viele verstorben. Sie starben in meinen Händen.“ Sie schaut mich ganz kurz an und weint. Ich weine mit. Frau Gira wird wieder unruhig steht auf und sucht ihren Enkel.

Für mich war es einmal mehr ein Anlass festzustellen, wie wichtig die Arbeit unserer Partnerorganisation Bangr Nooma in Burkina Faso ist: die Aufklärungsarbeit auf den Dörfern sowie das Bereitstellen von Mikrokrediten für die (ehemaligen) Beschneiderinnen und ihre Assistentinnen. Um zu einer Veränderung der traditionellen Normen zu kommen, so dass künftige Generationen vor der weiblichen Genitalverstümmelung in Burkina Faso geschützt sind, brauchen wir einen langen Atem und viel Unterstützung.

 

 

Stand: 04/2017

 

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