Deutliches „Nein“ zu Zwangsheirat, aber Unstimmigkeit bei Frühehen. Schülerinnen und Schüler diskutieren mit TERRE DES FEMMES e.V. über Früh- und Zwangsehe in der Türkei und Deutschland

Über 80 Schülerinnen und Schüler verfolgen gespannt den Vortrag im Diesterweg Gymnasium in Berlin-Wedding. Foto: © TERRE DES FEMMESÜber 80 Schülerinnen und Schüler verfolgen gespannt den Vortrag im Diesterweg-Gymnasium in Berlin-Wedding.
Foto: © TERRE DES FEMMES
Zum internationalen Frauentag am 8. März 2017 gibt es weltweit Veranstaltungen und Aktionen für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Frau. Im Rahmen der zweiwöchigen Veranstaltungsreihe von TERRE DES FEMMES zum Thema Früh- und Zwangsehe in der Türkei und Deutschland fand am 10. März 2017 ein Vortrag mit Diskussionsrunde am Diesterweg-Gymnasium in Berlin-Wedding statt.

Dr. Necla Kelek und Şermin Güven von TERRE DES FEMMES e.V. stellten die Partnerorganisation YAKA-KOOP im Osten der Türkei vor und klärten über die Menschenrechtssituation der dort lebenden Mädchen und Frauen auf. Die Tätigkeiten des 2002 gegründeten Vereins konnten sich die Schülerinnen und Schülern in einem Film anschauen. Dass Früh- und Zwangsehe eine weitverbreitete Menschenrechtsverletzung ist, die in der Türkei in der Vergangenheit zu ansteigenden Suizidzahlen führte, verursachte Betroffenheit bei den Schülerinnen und Schülern.

Nicht nur in der Türkei, sondern weltweit und auch in Deutschland sind Mädchen und Frauen von Gewalt in physischer, psychischer, sexueller und wirtschaftlicher Form betroffen. „Was wird in Deutschland dagegen getan?“ lautete eine der vielen Fragen der interessierten Schülerinnen und Schüler. Die Antwort der beiden Türkei-Projektkoordinatorinnen ist deutlich: Es gäbe Menschenrechts- und Kinderrechtsverletzungen, zu deren Bekämpfung sich Staaten wie die Türkei und Deutschland gemäß der Menschenrechtscharta und der UN-Frauenkonvention (CEDAW) verpflichtet hätten. Auch gingen uns Menschenrechtsverletzungen in einer demokratischen Gesellschaft alle an und wir seien dazu verpflichtet, Verantwortung zu übernehmen, um Mann und Frau die gleichen Rechte zu zugestehen.

Die schüchterne Fragerunde entwickelte sich zu einer spannenden Diskussion, als von einem Schüler eine Differenzierung zwischen Religion und Kultur gefordert wurde. Er merkte an, dass seine Religion, der Islam, auch Gesetze und Regeln kenne.

In dem Zusammenhang war den Schülerinnen und Schülern unklar, welche Gültigkeit eine so genannte Imam-Ehe hat. In der Türkei ist nur die standesamtliche Heirat rechtsgültig. Bis 2015 war eine religiöse Trauung ohne vorherige standesamtliche Heirat strafbar, die AKP änderte dies jedoch. Imam-Ehen kommen häufig vor und haben für die Familien oft mehr Gewicht als standesamtliche Ehen. Frauen können sich ausschließlich auf islamisches Recht berufen, wenn sie rein religiös getraut wurden. Gesetzliche Gleichstellung bleibt ihnen in diesem Fall verwehrt. Für die standesamtliche Trauung müssen Partner und Partnerin beide ihr 18. Lebensjahr erreicht haben und beide freiwillig der Ehe zustimmen. Mit der Einwilligung beider Eltern dürfen allerdings auch Minderjährige mit Vollendung ihres 16. Lebensjahres heiraten. Jedoch kommt es gerade in ländlichen, infrastrukturell vernachlässigten Gebieten der Türkei häufig vor, dass Mädchen unter 16 Jahren verheiratet werden oder Frauen ihren zukünftigen Ehepartner nicht eigens wählen dürfen. Bevormundung und Verletzung der Selbstbestimmungsrechte ist ein Thema, das die Schülerinnen und Schüler auch hier beschäftigt und betrifft. Wann die nötige Reife zur Eheschließung erlangt ist und welche Rolle die islamische Religion dabei spielt, wurde von Schülerinnen und Schülern heftig diskutiert.

Kelek gab in diesem Punkt zu bedenken, dass religiös begründete Forderungen an die Frau mit demokratischen Grundrechten vereinbar sein müssen. Eine Schülerin betonte, dass es die Mädchen und Frauen sind, die von Reglementierungen und Kontrolle betroffen seien. Sie sage zu Hause ihre Meinung, auch wenn dies zu Kontroversen führe. Schließlich seien Kinder „ein Produkt ihrer Eltern“, da sie Weltbilder, Lebensformen und Ansichtsweisen von ihnen übernähmen. Eine kritische Auseinandersetzung und insbesondere Bildung würden ihnen helfen, Reife zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen, da waren sich mehrere Schülerinnen und Schüler einig. Wann das passende Heiratsalter erreicht sei, erschließe sich, wenn diese Voraussetzungen gegeben seien, und selbst dann bliebe noch genug Zeit, eine solche Entscheidung zu treffen: „Wenn man verliebt ist, kann man sich ja auch zunächst nur verloben“. Widerspruch kommt von den männlichen Schülern: „Wenn ich mit 15 reif und erwachsen bin, habe ich meine Meinung und möchte meine eigenen Entscheidungen treffen, dann kann ich auch heiraten.“

Dass das Recht auf Meinungsfreiheit und Selbstbestimmung nur soweit reicht, bis es ebendieses Recht eines Anderen, in diesem Fall des Mädchens oder der Frau verletzt, ist ein wesentliches Merkmal einer Demokratie. Kelek fragt: „Was ist mit allen Anderen? Die, die nicht an islamisches Gesetz glauben?“ Sie betont die Wichtigkeit von Pluralität in unserer Gesellschaft, die durch eine Vermischung von Staat und Religion verunmöglicht wird und individuelle Lebensformen unterdrückt. Glaubensfreiheit darf und soll in diesem Land gelebt werden, aber nicht über die Köpfe der anderen hinweg, so Kelek. Die Befreiung aus patriarchalen Strukturen ist wesentlich für die persönliche Entfaltung und Selbstbestimmung von Mädchen und Jungen, für Frau und Mann. Menschen, die in diesen Rechten verletzt sind, stehen uns oftmals näher als wir denken: „Sprecht mit euren Müttern, Tanten und Großmüttern. Wenn sie nicht zwangsverheiratet wurden, dann höchstwahrscheinlich als minderjährige Kinder. Fragt sie, wie es ihnen ergangen ist und ob sie es gerecht fanden,“ fordert Güven zum Abschluss der anregenden und diskussionsreichen Veranstaltung auf.

 

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