Nein zu Früh- und Zwangsverheiratung! Zur Frauenrechtslage in der Türkei

Podiumsfrauen Wegener, Serdar, Toprak und Akgün  Referentinnen Rußbült/FES (2.v.l.), Ritte/TDF (3.v.r.),  und Moderatorin Martin/FES (3.v.l.). Foto: © Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro NRWPodiumsfrauen Wegener, Serdar, Toprak und Akgün
Referentinnen Rußbült/FES (2.v.l.), Ritte/TDF (3.v.r.) und Moderatorin Martin/FES (3.v.l.).
Foto: © Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro NRW
„An der Sexualität entzündet sich die Emanzipation der Frau“. So das Fazit von Dr. Lale Akgün auf dem Podium zu Frauenrechtsverletzungen und zur Situation von Mädchen und Frauen in der Türkei bei der Kooperationsveranstaltung von TERRE DES FEMMES und der Friedrich-Ebert-Stiftung am 8. März 2017 in Bonn. Neben Dr. Lale Akgün waren dort Seda Serdar, die Leiterin des türkischen Programms der Deutschen Welle, Cigdem Toprak, Journalistin und Aktivistin, und Maja Wegener, Fachbereichsleiterin von TERRE DES FEMMES, vertreten. Zwei Stunden diskutierten die Expertinnen mit dem Publikum über Früh- und Zwangsverheiratung in der Türkei. Vor allem die Politik der AKP, das anstehende Referendum und die möglichen Auswirkungen eines Präsidialsystems für Mädchen und Frauen in der Türkei standen im Fokus.


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Maja Wegener machte darauf aufmerksam, dass „weltweit zurzeit mehr als 720 Millionen Frauen vor ihrem 18. Geburtstag zwangsverheiratet werden, mehr als 250 Millionen davon noch vor ihrem 15. Lebensjahr“. In der Türkei wird nach Studien der Hacettepe-Universität Ankara jedes dritte Mädchen frühverheiratet. Religiöse Voraustrauungen sind seit 2015 in der Türkei nicht mehr verboten. Wenn sie vor dem Gesetz auch nicht rechtsgültig sind, haben so genannte Imam-Ehen in vielen Familien bindende Wirkung und meist mehr Gewicht als standesamtliche Trauungen. Mädchen, die in einer religiösen Zeremonie verheiratet werden, sind im Sorge-, Scheidungs- und Erbrecht nicht gleichgestellt: sie werden nach islamischem Recht beurteilt und können sich weder auf Gesetz noch Verfassung berufen.

Projektkoordinatorin Eva Ritte stellt die Arbeit von YAKA-KOOP vor. Foto: © TERRE DES FEMMESProjektkoordinatorin Eva Ritte stellt die Arbeit von YAKA-KOOP vor.
Foto: © TERRE DES FEMMES
Frauenorganisationen wie YAKA-KOOP, der türkische Kooperationspartner von TERRE DES FEMMES, spürten deutlich, dass die Nachfrage nach Beratung und Hilfe in akuter Not gestiegen sei, berichtete Eva Ritte, ehrenamtliche Projektkoordinatorin. Anstelle von vorher drei Frauen pro Woche fragten nun drei Frauen pro Tag in ihren Zentren um Unterstützung an.

YAKA-KOOP ist humanistischen Prinzipien verpflichtet und damit politisch und religiös neutral. Sie leisten psychologische und Rechtsberatung in Fällen von drohender Früh- und Zwangsverheiratung oder bei anderer Gewalt. Zudem unterstützt die Organisation Frauen darin, Zugang zu Bildung zu bekommen oder einzufordern. Frauen, die später einen Beruf ergreifen, können sich der finanziellen Abhängigkeit entziehen.

Podiumsdiskussion zu Frauenrechten in der Türkei. Foto: © TERRE DES FEMMESPodiumsdiskussion zu Frauenrechten in der Türkei.
Foto: © TERRE DES FEMMES
Derzeit, so waren sich die Referentinnen auf dem Podium einig, würde die AKP die laizistischen Strukturen, also die Trennung von Staat und Religion, in der Türkei abbauen. Konservative und nationalistische Narrative und Gesellschaftsbilder seien auf dem Vormarsch. Dies bedeute auch Rückschritte in der Gleichstellung von Mann und Frau. Neben einem aggressiven Wahlkampf und dem anhaltenden Ausnahmezustand drohe eine Wirtschaftskrise. Kämpfe im Grenzgebiet zu Syrien und Zuwanderung spitzten die Lage weiter zu. Dies hätte negative Auswirkungen auf Mädchen und Frauen: die Zahl der Frühehen steige und die Anmeldung von Mädchen an Schulen gehe weiter zurück. „Auch für Frauen- und Frauenrechtsorganisationen ist die Lage besorgniserregend“, so Cigdem Toprak. „Seit Ausrufung des Ausnahmezustands sind viele zivilgesellschaftliche Organisationen an ihrer Arbeit gehindert oder geschlossen worden“.

Ein positiv ausfallendes Ergebnis des für April angesetzten Referendums würde in erster Linie den Frauen zum Verhängnis werden. Die Gesetze würden dann nahezu ausschließlich von Männern der AKP gemacht, die für konservative Geschlechterrollen und eine Stärkung der Vormachtstellung von Männern stehen. Bestes Beispiel sei der nun in den Kinos angelaufene Film „Reis“, der Erdogan’s politische Karriere beschreibt. Laut Seda Serdar sei keine namhafte Rolle in diesem Film von einer Frau besetzt.

Dabei sei es an der Zeit, gesellschaftliche Tabus offen anzusprechen und zu brechen; trotz gesetzlicher Fortschritte für Frauen im letzten Jahrzehnt: „Bei allem, was rechtlich passiert, ist die konservative Gesellschaft stärker als auf dem Papier“, so Akgün. In ihrer Psychotherapie-Praxis in Deutschland hat sie jahrelang türkischstämmige Familien begleitet, die eine Selbstbestimmung ihrer Töchter zwiespältig sehen. Vielen Familien sei wichtig, dass ihre Töchter sich bildeten und nach einem angesehenen Beruf strebten, gleichzeitig aber jungfräulich in die Ehe gingen und vorehelichen Kontakt zu nicht verwandten Jungen vermieden. „Mädchen nur in einem Lebensbereich Entscheidungsfreiheit zuzugestehen, funktioniert nicht“, so Akgün. „Dies ist gerade für junge Menschen, die sich selbst finden müssen, widersprüchlich und mündet in eine Zerreißprobe“.

Die Kontrolle und Fremdbestimmung des Körpers der Frau sind zentral für die Aufrechterhaltung patriarchaler Strukturen. Traditionelle Begriffe von „Ehre“ machen sich an einem „adäquaten“ sexuellen Verhalten von Mädchen und Frauen fest. „Dies“, so Akgün, „wird von Männern festgelegt, überwacht und Verstöße dagegen geahndet“. Das Diktat der Jungfräulichkeit, die Pflicht, Kinder zu kriegen, und einschränkende Kleidungs- und Verhaltensnormen zur Vermeidung sexueller „Stimuli“ seien hierfür Beispiele. Auch viele Frauen hätten diese Strukturen verinnerlicht und reproduzierten sie in der eigenen Familie.

Mädchen und Frauen müssten über ihren eigenen Körper frei verfügen können, so Akgün’s Appell. Nur so könnten undemokratische Verhältnisse abgebaut werden. Toprak warnte ergänzend, dass Kulturrelativismus in der Debatte um Integration und friedliches Zusammenleben keine Lösungen biete. Sie forderte, Frauenrechte stärker an den Schulen zu thematisieren. Ein positiver Ausgang des Referendums im April würde das Gegenteil bewirken.

 

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